"Es zählt einzig der Sieg"

"Es zählt einzig der Sieg"

ÖFB-Präsident Leo Windtner vor dem Spiel des Jahres über Österreichs Fußball, die Stadion-Misere, den Faktor Geld im Fußball und die Gründe für das für das Olympia-Debakel.

FORMAT: Herr Präsident, wir sitzen am Spielfeldrand des Happel-Stadions. Wer geht am Dienstag beim Spiel Österreich gegen Deutschland als Sieger vom Platz?

Leo Windtner: Es wäre ein Traum, wenn es Österreich wäre. Aber dieser Traum ist schwer realisierbar.

Die ersten beiden Spiele gegen Deutschland in Ihrer Präsidentschaft gingen verloren. Schaut es jetzt besser aus?

Windtner: Auf den ersten Blick: ja. Es wird aber notwendig sein, an die Leistung aus dem Türkei-Match anzuknüpfen und da noch eins draufzusetzen. In dieser Mannschaft mit vielen guten Leistungsträgern muss jeder bis an die Grenzen gehen und sein Bestes abrufen.

Ist das aktuelle Team schon so gut wie die 78er-Mannschaft?

Windtner: Das ist kaum vergleichbar, weil sich Umfeld und Konkurrenz gewaltig geändert haben. Durch den großen Anteil an Legionären, vornehmlich in der deutschen Bundesliga, haben wir aber einen Qualitätsschub erfahren.

Das war 1978 auch so.

Windtner: Da gibt es Parallelen. Aber wir müssen den Zenit jedes Spielers ausreizen und brauchen das notwendige Glück. Erinnern Sie sich an die Genesis der WM-Qualifikation 1998: Ein Gewaltschuss aus 35 Metern von Andi Herzog gegen Schweden hat uns nach Frankreich geschossen. Das alles brauchen wir wieder, um in der Qualifikation für Brasilien den erträumten zweiten Platz zu erreichen.

Ist die WM-Quali ein Muss?

Windtner: Die WM-Qualifikation ist das deklarierte Ziel. Das echte Muss ist aber 2016. Wir müssen bei der EURO in Frankreich dabei sein – denn erstmals spielen 24 von 53 europäischen Nationen bei dieser EM. Wenn wir das nicht schaffen, dann muss man von Scheitern reden.

Teamchef Koller ist Ihr Mann?

Windtner: So sagt man.

Was heißt das? Ist er Ihnen aufgezwungen worden?

Windtner: Nein, im Gegenteil. Tatsache ist, dass das Team harmonisch und effizient arbeitet. Das spürt man. Marcel Koller hat eine klare Maxime: Es ist alles dem sportlichen Ziel unterzuordnen. Und das führt er mit Schweizer Präzision durch. Er lässt keine Kompromisse und Störfaktoren in der Vorbereitung des Teams zu.

Der Skandal um Paul Scharner, der eine Aufstellungsgarantie gefordert hat, brachte große Unruhe.

Windtner: Das Thema ist Geschichte. Es tut mir leid für ihn. Er war in und außerhalb der Mannschaft beliebt. Aber mit dieser Aktion hat er sich klar außerhalb des Teamspirits gestellt. Es gab keine andere Option als die des Ausschlusses.

Ist es von Vorteil, dass ein Schweizer Teamchef ist, da er vom Cliquenwesen im österreichischen Fußball nicht abhängig ist?

Windtner: Das hebt ihn deutlich ab. Da hat er auch ein klares Profil gezeigt.

Blicken Sie neidisch nach Deutschland? Mehr Geld von Sponsoren, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz, die Nationalmannschaft als Prunkstück.

Windtner: Natürlich. Aber der Neid relativiert sich. Auch bei uns ist die Attraktivität des Nationalteams ungebrochen, auch wenn es Durststrecken gab. Wir haben gerade den Hauptsponsor-Vertrag mit Raiffeisen bis 2015 verlängert. Das heißt: Für österreichische Verhältnisse besteht überbordendes Interesse am Team. Auch von Fan-Seite: Wir hatten 2011 bei drei Spielen 140.000 Zuseher. Und die Crew rund um das Team arbeitet nach internationalen Maßstäben. Sie führt uns an erfolgreiche Nationen auf unserer Augenhöhe heran.

Mit welchen Nationen sehen Sie uns auf Augenhöhe?

Windtner: Beispielsweise der Schweiz und, es klingt vermessen, auch Holland. Holland ist auch in der Situation, dass ein Großteil der Teamspieler nicht in der eigenen Liga spielt. Alle kleinen Nationen haben das Problem, dass Talente schon mit 16 oder 17 Jahren ins Ausland wechseln. Das ist ein Aderlass für die eigene Liga.

Die Wertschöpfung des Fußballs in Österreich beträgt laut einer Studie 500 Millionen Euro, der ÖFB hat 500.000 Mitglieder – alles sehr beeindruckend. Aber die Liga ist schwach, international spielen wir auf Klub-Ebene eine eher untergeordnete Rolle. Sind wir wirklich nur eine „Ausbildungsnation“? Liegt es auch an der Infrastruktur?

Windtner: Trotz EURO 08 sind wir bei der Infrastruktur noch immer nicht im vorderen Feld. Wenn ich höre, was etwa Weißrussland in die Infrastruktur steckt: Kunstrasenanlagen – mit nicht zwei oder drei, sondern 12 Plätzen –, Fußballhallen und, und, und. Das sind andere Dimensionen.

Dort sind aber Oligarchen die Hauptfinanziers.

Windtner: Das ist schon richtig. Aber uns fragt auch niemand, ob wir gegen ein Nationalteam verloren haben, in das Oligarchen investieren, oder gegen den Vatikan. Es zählt einzig der Sieg. Die Sportinfrastruktur braucht einen Schub.

Taugt das ehrwürdige Happel-Stadion als Visitenkarte für Spitzenfußball?

Windtner: Nach internationalen Maßstäben nicht mehr ganz. Es wird in Wien sicher kein Champions-League-Finale mehr stattfinden, vielleicht einmal ein Europa-League-Finale.

Als Präsident des mächtigsten Sportverbands Österreichs könnten Sie ja auf den Tisch hauen und den Bau einer modernen Arena fordern.

Windtner: Die Botschaft an die Politik ist klar: Man kann nicht dauernd argumentieren: „Spielt zuerst, gewinnt, dann bauen wir euch ein Stadion.“ Wir haben viele Beispiele in Europa, wo mit der Schaffung einer Top-Infrastruktur automatisch das Niveau sprunghaft ansteigt – sportlich wie auch vom Zuschauerinteresse her. Man muss offensiver in die Sportzukunft des Landes investieren.

Womit wir beim schlechten Abschneiden bei den Sommerspielen in London sind. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für das Debakel?

Windtner: Es trifft nicht zu, dass die Österreicher kein Sieger-Gen haben. Aber dieses Sieger-Gen muss stets entdeckt und gefördert werden. Wir haben nachweislich mit Bewegungsarmut und zunehmender Fettleibigkeit zu kämpfen. Wenn die Unterrichtsministerin sagt: „Das ist nur ein Reflex gegen die Schule“, dann stimmt das nicht. Man muss überlegen, ob man nicht schon ab dem Kindergartenalter verstärkt Sport betreibt.

Die berühmte tägliche Turnstunde.

Windtner: Die wir seit 30 Jahren fordern. Aber es ist nur gekürzt worden. Wenn Sport nicht zu einem nationalen Anliegen gemacht wird, auch von der Politik, dann werden wir bei der Volksgesundheit gewaltige negative Wunder erleben. Ich möchte nicht den Kampf zwischen Sport und Kultur forcieren, aber: Es kommt nicht von ungefähr, dass die Kultur etwa das Zehnfache an Subventionsgeldern bekommt. Das sagt auch etwas über die Wertigkeit aus. Der Sport muss in die Köpfe der Menschen hinein. Und das von Kindheit an. Leistungsorientierung muss eine maßgebliche Zielsetzung sein.

Braucht es einen Toni Innauer als Sportminister?

Windtner: Es wäre notwendig, ein Forum der klügsten Köpfe zu schaffen. Das wäre sinnvoll.

Wer sind die klügsten Köpfe?

Windtner: Es sind ja schon Namen genannt worden. Nur eines: Es wird nicht ein Wintersportler der Glücksbringer für Fußball oder Leichtathletik sein können. Man kann nichts kopieren. Es geht darum, Analogien zu finden und zu optimieren.

Sie sind als Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich ein Mann der Wirtschaft, Sie sind Sportfunktionär und waren als Bürgermeister auch in der Politik. In welchem Bereich ist es am schwierigsten, Entscheidungen herbeizuführen?

Windtner: Sicher im Rahmen der Sportorganisation. In der BSO mit 66 Verbänden pocht jeder auf Existenz und Geldmittel. Es ist schwierig, objektive Maßstäbe zu finden, ohne dass sich jemand übervorteilt fühlt. Jeder hat seine Pressure Group. Daher ist Selbstverwaltung im Sport absolut berechtigt. Denn sonst wird Sport zum primären Lobbyistenthema im Parlament.

Wie unterscheidet sich Ihr Managementstil von dem Ihres Vorgängers?

Windtner: Ich bringe einigen Basisbezug zum Fußball mit.

Sie haben selbst gespielt, waren im linken Mittelfeld. Ein Abräumer.

Windtner: Und man verliert diesen Basisbezug nicht. Das ist klar. Ich habe auch in 13 Jahren als Landespräsident in Oberösterreich meine Spuren gesetzt. Tatsache ist, dass ich ein entscheidungsfreudiger und offensiver Typ bin.

Ist Ihr Fußballjob wirklich vereinbar mit der Führung eines großen Unternehmens?

Windtner: Klar ist, dass im Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten der Energie AG meine Tätigkeit beim ÖFB wie ein Aufsichtsratsmandat bestätigt worden ist. Anders hätte ich es nicht machen können und wollen.

Das sind zwei Fulltime-Jobs.

Windtner: Wenn ich einen nur etwas weniger gern machen würde, müsste ich ihn sofort aufgeben. Aber ich bin in meinem Unternehmen 18 Jahre an der Spitze. Mit optimalem Zeitmanagement und funktionierenden Sekretariaten und dem Willen, beides unter einen Hut zu bringen, geht es.

Welchen Job machen Sie lieber?

Windtner: Beide gleich.

2013 steht Ihre Wiederwahl als ÖFB-Präsident an. Werden Sie antreten?

Windtner: Ich gehe davon aus.

Das Spiel gegen unseren Angstgegner Färöer-Inseln ist ja erst am Schluss der Qualifikation. Da sind Sie dann schon wiedergewählt.

Windtner: Die Färöer werden stürmisch – mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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