"Es gibt Riesen-Investitionsbedarf": Verbund-General Pistauer im Interview

Der scheidende Verbund-General sieht in den Investitionsplänen des Verbunds große Möglichkeiten zur Belebung der Konjunktur.

FORMAT: Darf ich mich 2009 auf niedrigere Stromrechnungen freuen?
Pistauer: Ja, die Preise werden sinken. Die Großhandelspreise kommen bereits herunter, einfach weil auch andere Energiequellen wie Öl billiger werden. Wir hatten heuer einen Ölpreis von 140 Dollar je Barrel, und jetzt sind wir bei nicht einmal einem Drittel davon.
FORMAT: Bisher hat man immer gesagt, dass der Stromverbrauch um 2,5 Prozent pro Jahr steigt. Wird diese Prognose weiterhin gelten?
Pistauer: Heuer haben wir noch keine Veränderung gemerkt. Bis Ende August ist der Verbrauch sogar um über drei Prozent gestiegen. Aber ich bin überzeugt davon, dass er in den nächsten zwei Jahren herunterkommen wird, und zwar wesentlich.

"Preisrückgang nicht nachhaltig"
FORMAT: Rechnen Sie langfristig auch mit niedrigeren Energiepreisen?
Pistauer: Nein, ich glaube, der derzeitige Rückgang ist nicht nachhaltig. Er wird möglicherweise die nächsten zwei Jahre betreffen. Auf längere Frist sehe ich aber den Ölpreis und den Gaspreis wieder steigen. Das geht auch gar nicht anders aufgrund der immensen globalen Nachfrage.
FORMAT: Die Finanzkrise führt bei vielen zu einem Umdenken. Auch bei Ihnen?
Pistauer: Meine persönliche Einstellung ist bisher gewesen, so viel privat wie möglich und so wenig Staat wie möglich. Der Staat soll für die Marktwirtschaft die Rahmenbedingungen schaffen. Daher war ich auch im Infrastrukturbereich für den Kapitalmarkt. Heute sehe ich angesichts der verschiedenen Entwicklungen, dass die öffentliche Hand im Infrastrukturbereich bei aller Kapitalmarktorientierung erhalten bleiben soll. Die Infrastruktur ist entscheidend für die Entwicklungen der Volkswirtschaft.

"Nicht nur nach Börse ausrichten"
FORMAT: Sie sind gegen Infrastrukturbetriebe am Kapitalmarkt?
Pistauer: Nein, nein. Ich begrüße es, wenn sie am Kapitalmarkt sind, das ist wie ein Erziehungsprozess und unterstützt die Profitabilität dieser Unternehmen. Aber ich meine, dass der Staat verankert sein sollte. Und es ist sicher nicht richtig, wenn sich Infrastrukturunternehmen nur nach den Befindlichkeiten der Börse in New York auszurichten haben.
FORMAT: Im Regierungsübereinkommen steht, dass der 380-kV-Leitungsring geschlossen werden sollte …
Pistauer: Das ist auch eines der dringendsten Infrastrukturvorhaben. Das Hochspannungs-Leitungsnetz in Europa war auf nationale Märkte ausgerichtet. Heute haben wir einen europäischen Markt mit ganz anderen Anforderungen. Es gibt einen Rieseninvestitionsbedarf in das europäische Netz. Es ist das Rückgrat einer sicheren europäischen Stromversorgung.

"Leitungslücke schließen"
FORMAT: In Salzburg macht der 380-kV-Ring aber noch Probleme.
Pistauer: In Salzburg haben wir erst den ersten Teilabschnitt eingereicht. Der zweite, Salzburg–Kaprun, ist noch nicht eingereicht. In Salzburg sind jetzt beide Parteien sehr eingeschworen auf die Teilverkabelung.
FORMAT: Ist das technisch machbar?
Pistauer: Bei einer Verkabelung in einem Hochspannungs-Leitungsring handelt es sich derzeit um keine erprobte Technologie.
FORMAT: Im Regierungsprogramm steht auch, Ziel sei eine sichere und leistbare Stromversorgung in Österreich. Muss man etwas tun, damit das erreicht wird?
Pistauer: Damit die sichere Stromversorgung in Österreich gewährleistet ist, muss man zweifelsohne die Leitungslücke, diese fehlenden 380-kV-Stücke, schließen. Das Zweite: So wesentlich Effizienzmaßnahmen sind, Österreich muss dennoch danach trachten, auch auf der Erzeugungsseite die notwendigen Kapazitäten bereitzustellen. Da gehört schon beachtlich investiert. Und dazu brauchen wir die Rahmenbedingungen.

Milliarden-Investition
FORMAT: Wie viel investieren Sie?
Pistauer: Der Verbund alleine hat in seinem Budget für 2009 vorgesehen, über eine Milliarde Euro zu investieren. Davon entfallen 60 Prozent auf Österreich. De facto investieren wir also gleich viel in Österreich wie das gesamte Konjunkturbelebungspaket der Bundesregierung. Entscheidend dafür ist allerdings, dass die Verfahrensdauern gekürzt werden müssen.
FORMAT: Wie lange dauert es, bis Sie Genehmigungen bekommen?
Pistauer: Beim Gas-Dampfkraftwerk Mellach dauerten alleine die Genehmigungsverfahren 36 Monate. Das ist unakzeptabel. Ich könnte mir als Beschleunigungsmaßnahme gut zweiteilige Verfahren vorstellen: Im ersten Verfahrensabschnitt wäre ein öffentliches Interesse festzustellen. Der zweite Verfahrensschritt könnte dann sehr rasch über die Bühne gehen.
FORMAT: Was wäre eine Verfahrensdauer, mit der Sie gut leben könnten?
Pistauer: Alles, was mehr als zwei Jahre ist, ist unerträglich.

"All-Time-High im Juni"
FORMAT: Wie war das Jahr 2008 für den Verbund?
Pistauer: Auf der einen Seite ein sehr gutes und erfolgreiches Jahr. Im Jänner 2008 wurde der Verbund das größte börsennotierte Unternehmen der Republik und hat diese Rolle nicht mehr abgegeben. Im Juni erreichten die Aktien ein All-Time-High mit einer Marktkapitalisierung von 18,3 Milliarden Euro. Wir werden auf ein Jahr zurückblicken können mit deutlich gestiegenen Ergebnissen und erfolgreicher Expansion.
FORMAT: Und auf der anderen Seite?
Pistauer: Diese globale Banken- und Finanzmarktkrise mit ihren Folgen bis hin zur globalen Rezession hat natürlich auch Auswirkungen auf den Verbund. Diese schlagen sich vielleicht nicht unmittelbar finanziell nieder, aber wir machen uns natürlich auch Gedanken über die Zukunft.

"Doppelbelastung hat gezehrt"
FORMAT: Wie läuft denn die Hofübergabe von Ihnen an Herrn Anzengruber?
Pistauer: Er hat seit September ein Büro bei uns im Verbund, wir haben regelmäßige Gespräche, er hat den Zugang zu allen Unterlagen, um dann wirklich gleich im Jänner effizient starten zu können.
FORMAT: Was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft?
Pistauer: Ich bin rund 24 Jahre in verschiedenen Vorstandspositionen tätig. In den letzten zwei Jahren war ich Verbund-CEO und Finanzvorstand zugleich. Und ich muss zugeben, diese Doppelbelastung hat gezehrt. Man vernachlässigt die Freunde und die Familie, geht am Wochenende heim, um elendslange Telefonlisten abzuarbeiten. Daher hab ich mir gesagt, ich will ab erstem Jänner nur mehr das tun, was mir Spaß macht. Inzwischen habe ich Andeutungen über mögliche Aktivitäten, vor allem im Ausland, bekommen, die mich unglaublich interessieren. Aber es ist jetzt sicherlich noch zu früh, darüber zu reden.

Zur Person
Michael Pistauer, 65, übernahm im Mai 2005 die Führung des Energiekonzerns Verbund von Langzeit-General Hans Haider. Mit Jahresende scheidet der gebürtige Salzbuger aus dem Unternehmen aus. Pistauer wäre gern noch länger oberster Verbund-Vorstand geblieben, allerdings gab es innerhalb der ÖVP heuer ein Tauziehen um diesen Job. Nun wird mit 1. Jänner 2009 Wolfgang Anzengruber Verbund-Chef.

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