"Es wird zu viel debattiert und zu wenig gemacht"

"Es wird zu viel debattiert und zu wenig gemacht"

FORMAT: Prognosen zufolge werden im Jahr 2030 in Österreich neun Millionen Menschen leben, davon zwei Millionen in Wien. Wo werden die alle wohnen, wenn sich an der Wohnbaupolitik nichts ändert?

Heimo Scheuch: Fakt ist: Derzeit bauen die öffentliche Hand und die Wohnbaugesellschaften nicht genug. Die Prognosen sind ein Ansatzpunkt für Diskussionen, aber Österreich hat das Potenzial, dass noch mehr Menschen zuziehen und Wien noch stärker wachsen könnte. Es ist ganz klar: Wir brauchen mehr Wohnraum und vor allem mehr leistbaren Wohnraum. Denn der Großteil jener, die zuziehen, sind in den unteren Einkommensschichten anzusiedeln. Das Infrastrukturkonzept Wiens ist dem Zuzug nicht gewachsen. Eine Diskussion über die Seestadt reicht da nicht. Es wird zu viel debattiert und zu wenig gemacht.

Wie kurbelt man den Wohnbau wieder an?

Scheuch: Das ist gar nicht so schwer: Das sehr gute österreichische Instrument Wohnbauförderung leidet derzeit darunter, dass manche Länder mit den Geldern spekuliert haben und sie nicht zweckmäßig einsetzen. Das darf nicht einmal eine Forderung in einem Regierungsprogramm der Zukunft sein, sondern muss ein Fixum sein: Mittel aus der Wohnbauförderung müssen für den Wohnbau eingesetzt werden.

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Aber wahrscheinlich werden Änderungen bei der Wohnbauförderung nicht so schnell möglich sein, wenn man an die Macht der Landeshauptleute denkt.

Scheuch: Ich bin in der Privatwirtschaft und tu mir leichter, das zu sagen, aber irgendwann muss das Verhandeln doch ein Ende haben. Der, der das Geld gibt, muss sagen, wie es einzusetzen ist. Der Bund gibt den Ländern das Geld, nicht umgekehrt. Ein weiteres Problem sind die neun Bauordnungen. Hier beschützt sich die Verwaltung, man kann doch schwer jemanden erklären, dass das Bauen in Oberösterreich so unterschiedlich ist zum Bauen in Salzburg oder Kärnten.

Wie viel könnte das an Einsparungen bringen, wenn es hier zu einer Entrümpelung der Gesetze kommt?

Scheuch: Wenn Vorschriften, wie etwa die Pflicht für einen Garagenplatz, in Wien fallen, könnte laut Studien das Bauen um bis zu 300 Euro pro Quadratmeter billiger werden. Das ist, wenn man den sozialen Wohnbau hernimmt, eine enorme Summe, denn dann würde ein Quadratmeter nur noch rund 1.500 Euro kosten.

Was halten Sie vom Sanierungsscheck, auf den unsere Regierung stolz ist?

Scheuch: Ich halte nichts von Subventionen, das ist der falsche Weg. Durch steuerliche Begünstigungen könnte man sehr viel mehr erreichen. Etwa das Bauherrnmodell, das erhöhte Absetzbeträge bei der Einkommenssteuer vorsieht. Man kann auch mit dem Zurverfügungstellen von Krediten sehr viel bewirken. Wenn man festlegt, dass Banken, die Staatshilfe bekommen, auch österreichische Wohnbauten finanzieren müssen. In einigen Ländern in Europa, etwa Belgien, den Niederlanden oder auch Frankreich gelten für Wohnbauten und Sanieren niedrigere Mehrwertsteuersätze, das ist auch ein interessantes Modell.

Wie funktioniert das genau?

Scheuch: Für Baumaterialien und Bauleistungen gilt ein begünstigter Mehrwertsteuersatz von fünf Prozent. Dadurch ist Schwarzarbeit weniger ein Thema, zudem steigt die Qualität.

Wenn man Baustoffe mehrwertsteuerbegünstigt, wo zieht man dann die Grenze zu den normal besteuerten Materialien?

Scheuch: Das ist relativ einfach: Alles, was Verschönerung eines Hauses oder einer Wohnung ist, fällt nicht darunter. Was zur Renovierung im Energiebereich nötig ist, fällt darunter. Heizungssanieren wäre also begünstigt, das neue Ausfliesen des Bades nicht.

Welche Maßnahmen im Wohnbaubereich könnte die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht schnell umsetzen?

Scheuch: Die Zweckwidmung der Wohnbauförderung. Dann die Entrümpelung der Vorschriften. Und den freien Wettbewerb zwischen den Baustoffen zuzulassen.

Was meinen Sie damit?

Scheuch: Es kann nicht sein, dass Politiker – so wie derzeit – Holz bevorzugen. Das sag ich nicht nur, weil ich überzeugter Ziegler bin, sondern weil der Zugang ein falscher ist. Ich kann nicht Menschen zwingen, in einer Umgebung zu leben, die sie gar nicht haben wollen. Aus Studien geht nämlich hervor, dass 80 Prozent der Österreicher in massiv gebauten Häusern und nicht in Holzbauten leben wollen.

Sie sind auch kein Freund von Passivhäusern …

Scheuch: Da sind wir auf dem falschen Weg in Österreich, denn diese Häusertypen verbrauchen mehr Energie als ursprünglich angegeben. Man muss auf leistbares Niedrigenergiehaus setzen. Es sind einfache Schritte, die dazu führen würden, dass im Land einiges in Bewegung kommt und die Konjunktur anspringt und die lokale Wertschöpfung steigt.

Nach dem Motto: Geht‘s dem Bau gut, geht‘s uns allen gut?

Scheuch: Es ist belegbar: Wenn der Bau in einem Land läuft, dann läuft die ganze Wirtschaft. Daher muss die Politik den Wohnbau als eine Investition in die Zukunft verstehen, Rahmenbedingungen vorgeben, aber sich nicht in die Lösungen einmischen. Und Europa muss sich zur Industrie bekennen, denn wir tun derzeit so als würden wir in einem Disneyland leben und keine Industrie brauchen.

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