Erlöse mit Lösegeld: So werden Yachten, Tanker und Frachtschiffe auf See gekapert

Die einzige Branche, die im Chaosland Somalia boomt, ist die Piraterie. Letzte Woche wurde das höchste jemals an Seeräuber gezahlte Lösegeld über einem entführten Tanker abgeworfen: 9,5 Millionen US-Dollar.

Als das Flugzeug am Vormittag des 6. Novembers über dem koreanischen Supertanker Samho Dream auftauchte und mehrere orangerot leuchtende Kanister mit insgesamt 9,5 Millionen Dollar (6,7 Millionen Euro) Lösegeld abwarf, wusste Kapitän Kim Seong-guy, dass das Geiseldrama an Bord seines Schiffes bald beendet sein würde. Am 4. April hatten Piraten den 300 Meter langen Very Large Crude Carrier (VLCC) und seine 24 Besatzungsmitglieder in ihre Gewalt gebracht. Zuletzt lag das Schiff in Sichtweite der somalischen Kleinstadt Hobyo vor Anker. Die Samho Dream war mit zwei Millionen Barrel Rohöl (317 Millionen Liter) im Wert von gut 170 Millionen Dollar auf dem Weg vom Irak nach Louisiana, USA.

Dort sollte sie allerdings nicht ankommen. Völlig ungeschützt dampfte der Tanker über 1.000 Kilometer vor der ostafrikanischen Küste durch den Indischen Ozean, als nur drei mit Panzergranaten und Sturmgewehren bewaffnete Männer in einem Schnellboot ihn stoppten, enterten und unter ihre Kontrolle brachten. Niemand hatte damit gerechnet, dass die somalischen Gangster so weit draußen auf hoher See zuschlagen würden.

Aber seit eine Flotte alliierter Kriegsschiffe das Horn von Afrika schützt, das jährlich zwischen 20.000 und 30.000 Öltanker, Containerschiffe und Frachter auf dem Weg vom Fernen und Nahen Osten in Richtung Europa und zurück passieren, haben die somalischen Piraten ihre Strategie geändert. Statt unmittelbar vor der Küste operieren sie jetzt fast im gesamten Indischen Ozean, einer unermesslich großen und kaum zu überwachenden Wasserfläche. Dafür müssen aber erst einmal Fischkutter oder Frachter gekidnappt werden. Sie dienen als Mutterschiffe für die Kunststoffboote mit Außenbordmotor, die für den eigentlichen Angriff gebraucht werden.

Kidnappen und Erpressen

Die neue Taktik erhöht die Kosten und verlängert die Zeit der Geiselnahme. Bis die weit draußen im Ozean gekaperten Schiffe endlich vor der somalischen Küste vor Anker gehen, vergehen Tage. Und danach heißt es oft monatelang auf das Lösegeld warten. Das Geschäftsmodell der ostafrikanischen Gangster ist es nämlich nicht, das Schiff auszurauben und die Ladung an sich zu bringen, wie es klassische Piraten tun. Ihr Business ist Kidnapping und Erpressung. Sie halten Schiff und Besatzung fest und foltern bei Bedarf die Crewmitglieder, bis Reeder oder Versicherung Lösegelder in Millionenhöhe bezahlen.

Die Orte Harardheere und Hobyo gelten als Basis eines der einflussreichsten Piratenführer des Landes: Mohamed Hassan Abdi Afweyne vom Suleiman-Stamm – das Großmaul, wie sein Kampfname lautet. Er steckte 2008 hinter der Entführung des Supertankers Sirius Star, des größten jemals gekaperten Schiffes. Nachdem für die Sirius Star umgerechnet 2,5 Millionen Euro Lösegeld gezahlt worden waren, konnte Afweyne es sich leisten, in Altersteilzeit zu gehen und das Kommando seinem Sohn Abdiqaadir zu übergeben. Mindestens sieben Überfälle allein im Jahr 2009 gehen auf dessen Konto. Unter seinen Opfern waren das Kreuzfahrtschiff Indian Ocean Explorer, die deutsche Hansa Stavanger und der Massengutfrachter Xin Hai.

Jeweils hundert Piraten sind im Schichtbetrieb für die Bewachung eines entführten Schiffes und der Geiseln an Bord zuständig. Mindestens ebenso viele sind an Land für die Kidnapper tätig. Die Piraten sind der größte Arbeitgeber der Region, und mit ihnen ist sogar etwas Wohlstand in Somalia, einem der ärmsten Länder der Welt, eingezogen. „Piraterie ist unsere wichtigste Einkommensquelle“, erklärte Mohamed Adam, der Chef des Ordnungsamtes in Harardheere. „Wir alle sind davon abhängig. Der Distrikt bekommt einen gewissen Prozentsatz von den Lösegeldern – und diese Summen investieren wir in die öffentliche Infrastruktur wie Schulen und Krankenhaus.“

Auf den ersten Blick ist davon wenig zu erkennen. Harardheere beispielsweise sieht immer noch aus wie ein kleines, verarmtes Dorf. Die einzige Straße ist eine staubige, löcherige Piste, und die Häuser sind eher windige Hütten als Paläste. Aber hinter ihren Lehmwänden verbirgt sich die Infrastruktur einer boomenden Industrie: hochmoderne Geldzählautomaten für die Lösegelder, Waffengeschäfte für Pistolen, Maschinengewehre und raketengetriebene Granatwerfer, Werkstätten für elektronische Geräte wie GPS-Empfänger, Cateringküchen für die Versorgung der oft aus Europa oder Asien stammenden Geiseln an Bord der entführten Schiffe, Dieselgeneratoren, die den notwendigen Strom erzeugen. Und eine Art Börse, in der Anteile am nächsten Coup erworben werden können.

Außerdem gibt es eine Piste außerhalb des Ortes, auf der die sogenannten Khat-Bomber landen können: kleine Flugzeuge, die säckeweise Äste des Spindelbaumgewächses Khat aus Äthiopien oder dem Jemen einfliegen. Khat wird von den Piraten als Droge gekaut, weil es stimmungsaufhellende Amphetamine enthält. Es muss allerdings täglich frisch von den Anbaugebieten herbeigeschafft werden, sonst verliert es seine Wirkung. Allein mit der Logistik der täglichen Khat-Lieferungen zu den Geiselnehmern auf den gekaperten Schiffen vor der Küste sind Dutzende von Somaliern gut beschäftigt.

Aktien für den Überfall

Durchschnittlich dauert es sechs bis zwölf Wochen – oft aber auch Monate –, bis das Lösegeld in Somalia ankommt. So lange muss die Operation vorfinanziert werden. Die Kosten dafür betragen etwa 500.000 Dollar. Deshalb erhält jeder geplante Überfall eine Art Firmenmantel, an dem jedermann Anteile erwerben kann. Zurzeit existieren etwa 70 derartige „maritime companies“. In der Regel werden größere Summen aus dem Ausland über Banken im Libanon transferiert.

In Europa, Afrika und Asien lebende Somalier gelten als die wichtigsten Investoren. Spuren führen nach Kenia und in den Nahen Osten, aber auch nach Europa. In Großbritannien, Schweden und in den Niederlanden haben nach Informationen der Geheimdienste hochrangige Mitglieder der somalischen Piraten-Clans im Jahr 2009 Asyl beantragt und erhalten. Jetzt reisen sie mit europäischen Dokumenten zwischen Europa und Afrika hin und her.

Aber auch kleine Leute sind scharf auf das große Geld. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert die 22-jährige Sahra Ibrahim, die vor der Börse in Harardheere auf ihren Anteil an der erfolgreichen Entführung eines spanischen Thunfischfängers wartete. „Ich habe mich mit einer raketengetriebenen Granate an der Operation beteiligt“, sagte die junge Frau. Die Waffe hatte sie von ihrem Exehemann nach der Scheidung als Abfindung bekommen. „Für mich hat sich das Spekulieren an der Piratenbörse wirklich gelohnt. Seit 38 Tagen bin ich dabei, und ich habe schon 75.000 Dollar Gewinn gemacht.“

Die Piraten selbst beteiligen sich durch ihre Manpower und Bewaffnung. Wer ein Sturmgewehr mitbringt, ist mit einer Aktie dabei. Wer eine Panzerfaust zu bieten hat, erhält drei Anteilsscheine. Die mit Styropor ausgeschäumten, vier bis sechs Meter langen Fiberglas-Boote, sogenannte Skiffs, mit normalerweise 50-PS-Yamaha-Außenbordmotor, stellen die Investoren.

Die erste Angriffswelle auf ein Handelsschiff erfolgt in der Regel mit ein bis zwei Skiffs, die jeweils mit vier bis fünf Mann besetzt sind. Die Teilnehmer des ersten Angriffs erhalten jeweils 30.000 Dollar. Derjenige, der zuerst an Bord des Zielobjekts ist, wird zusätzlich belohnt, üblicherweise mit einem Geländewagen vom Typ Toyota Land Cruiser. Nach Abzug aller Unkosten und Rückzahlungen wird der verbliebene Gewinn laut einem Bericht des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wie folgt verteilt:

● 10 Prozent für die bewaffneten Kräfte an Land
● 10 Prozent für die Stammesältesten
● 30 Prozent für die Piraten
● 50 Prozent für die Investoren

Fachleute schätzen, dass der Umsatz der somalischen Piratenindustrie im vergangenen Jahr 80 bis 100 Millionen US-Dollar betrug. Da lagen aber die höchsten Lösegelder bei drei bis vier Millionen Dollar. Jetzt, wo die erpressten Summen die 10-Millionen-Grenze erreichen, könnte sich der Jahresumsatz der Piraten-Industrie verdoppeln.

Die Finanziers der Piraterie

Zu den Gewinnern gehören neben den Gangstern und ihren Hintermännern aber auch Kanzleien und Firmen in Europa. London gilt als Zentrum der internationalen Lösegeld-Industrie. Hier sitzen die meisten Anwälte, Security-Unternehmen und Berater, die angeheuert werden, wenn Piraten ein Schiff kapern. Die Rechtsanwaltskanzlei Holman Fenwick Willan LLP beispielsweise wickelte nach eigenen Angaben 2008 und 2009 über 50 Prozent der Schiffsentführungen vor der Küste Somalias ab. Viele der Geldübergaben werden von der ebenfalls in London ansässigen Sicherheitsfirma Control Risks durchgeführt, die über Außenbüros in 27 Ländern verfügt.

Die Lösegeldverhandlungen für die Samho Dream waren besonders kompliziert, weil Südkorea offiziell nicht mit Piraten verhandelt. Die Piraten erhöhten deshalb den Druck und drohten den Besatzungsmitgliedern mit dem Tod. Die Crew durfte nicht mehr schlafen und bekam nichts mehr zu essen. Dann ließ man die Männer mit ihren Familien telefonieren. Schließlich zeigte der Psychoterror Wirkung, und die Dollar-Bündel wurden für den Abwurf über dem Schiff wasserdicht verpackt.

Nach der Geldübergabe gingen die Gangster unbehelligt an Land, und ein Boarding Team der südkoreanischen Marine übernahm das Kommando auf dem Supertanker. Eskortiert vom Kriegsschiff Wang-Gun, dampfte die Samho Dream nach Salalah in Oman. Dort wurde die Crew ausgetauscht. Jetzt ist das koreanische Schiff wieder im Indischen Ozean unterwegs: der zweite Versuch, die wertvolle Öl-Ladung nach Amerika zu bringen. Nächste Woche soll der Tanker in Louisiana anlegen. Wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt.

– Michael Kneissler

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