Energie: Klimaschutz-Investitionen kurbeln Konjunktur an und schaffen Arbeitsplätze

Ein Teil der aktuellen Konjunkturmillionen fließt in den Klimaschutz. Insgesamt jedoch viel zu wenig, kritisieren Experten.

Behaglich warm werden es die Häftlinge der Justizanstalt Korneuburg ab dem Winter 2011 haben. Dann nämlich soll der Neubau fertig sein – und die harten Energieeffizienz-Kriterien des Passivhaus-Standards erfüllen. „Korneuburg ist eines ­unserer Vorzeigeprojekte“, frohlockt Ernst Eichinger, Sprecher der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Neben dem Korneuburg-Knast gehören jedoch nur noch zwei andere BIG-Bauvorhaben in die energetisch unbedenkliche Kategorie, viele der 3.500 Staatsgebäude gehören thermisch saniert. Daher fließen aus dem Konjunkturpaket II immerhin 300 Millionen Euro in rund 150 derartige Sanierungsprojekte beim öffentlichen Gebäudebestand – und sichern nebenbei, gemeinsam mit den anderen vorgezogenen Projekten der BIG, die Jobs von 3.000 Bauarbeitern. Ein Beispiel, wie auch in Österreich Klimaschutz und Konjunktur Hand in Hand gehen.

Ziel: 34 Prozent erneuerbar
Reichen wird das jedoch längst nicht. Und das nicht nur, weil die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen mit dem Gaslieferstopp Russlands einmal mehr offensichtlich wurde. Sondern auch, weil der Weg zum Klimaschutz noch ein weiter ist – wie die Präsentation der „Erfolge“ in Richtung Kioto-Klimaschutz-Ziele durch Umweltminister Niki Berlakovich (ÖVP) zeigt: Im Vergleich zu 2006 wurde zwar Kohlendioxid um 3,5 Millionen auf 88 Millionen Tonnen reduziert, das ist aber nicht einmal ein Drittel des Plansolls. Daher arbeitet Berlakovich gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium an einem Aktionsplan, um das Ziel, einen Anteil von 34 Prozent erneuerbare Energien, zu erreichen.

Klimaschutz in Hochkonjunktur
Naturgemäß lobt der Neominister zwar die österreichischen Klimaschutzmaßnahmen, verkennt aber, dass weit mehr für Klima und Konjunktur gleichzeitig getan werden könnte. In den beiden Konjunkturpaketen sind nämlich bislang nur der Ausbau der Bahninfrastruktur und die thermische Sanierung zu finden: 240 Millionen sollen mit Paket I in neue Bahnhöfe und den Ausbau des Schienennetzes fließen, ebenso viel allerdings auch in die Straße. Nach Paket II sind neben den beschriebenen BIG-Sanierungsmillionen zwar weitere 100 Millionen für Förderungen thermischer Sanierungen privater Wohnungen und Unternehmen vorgesehen – Fachleuten reicht das aber bei weitem nicht: „Das Geld des Bundes sollte nur gewährt werden, wenn die Länder noch einmal denselben Betrag aufwenden – und auch das ist nur die Untergrenze“, ätzt Christian Schönbauer, Ökoenergie-Experte des Regulators E-Control. Außerdem muss die rechtliche Umsetzbarkeit gewährleistet sein, damit das Geld nicht wirkungslos in der Wohnbeihilfe oder im Neubau verpufft. Noch kritischer ist der Wiener Unternehmensberater Andreas Kreutzer: „Das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Stattdessen sollte die gesamte Wohnbauförderung in die Sanierung statt in den Neubau fließen.“

30.000 potenzielle Jobs
Derzeit geht nicht einmal ein Fünftel der Wohnbauförderung in die Sanierung, nur ein mageres Prozent des Altbestandes wird dadurch jedes Jahr energetisch veredelt. Und das verschwendet nicht nur Heizenergie, sondern auch Arbeitsplätze. Denn würde sich die bestehende Mini-Sanierungsquote nur verdreifachen, brächte das nach WIFO-Berechnungen gute 30.000 Jobs im Bau. Denn von jeder in der thermischen Sanierung eingesetzten Milliarde fließen 80 Prozent in die menschliche Arbeitskraft, weiß man bei der Umweltorganisation Global 2000. Auch weiteres konjunkturbelebendes Potenzial bleibt ungenutzt: Warmwasser über Solarzellen, Investitionen in den öffentlichen Verkehr und Elektroautos oder zusätzliche Förderungen von Alternativ­energien fehlen. „Wenn man schon viel Geld in die Hand nimmt, soll man damit möglichst viele Arbeitsplätze schaffen und die Abhängigkeit von Energieimporten verringern. Fortschrittliche Wirtschaftspolitik schaut anders aus!“, kritisiert Greenpeace-Sprecher Jurrien Westerhof.

Öffis als Arbeitsplatzbeschaffer
Wie es besser ginge, zeigen die Berechnungen von Martin Blum, Experte beim Verkehrsclub Österreich. Eine Investition von einer Milliarde Euro brächte laut Blum im öffentlichen Nahverkehr dreimal und im Radwegebau sogar viermal so viele Arbeitsplätze wie im Autobahnbau. Blum setzt daher auf eine Klimaschutzoffensive im ­Verkehrsbereich, denn „neue Autobahnen bringen Österreich mit Vollgas von Klimaschutzzielen weg.“ Klimafonds-Geschäftsführerin Eveline Steinberger stört der geringe Wirkungsgrad herkömmlicher Automotoren: „Nur zwanzig Prozent von Diesel und Benzin sorgen für den Antrieb, der Rest geht als Abwärme verloren.“ Der Klimafonds unterstützt deshalb Alternativen: 4,7 Millionen Euro gehen etwa an die Modellregion E-Mobilität in Vor­arlberg. Nach heuer 100 sollen schon im kommenden Jahr 800 E-Autos durchs Ländle flitzen. Arbeitskräfte schafft das sowohl an den dafür einzurichtenden Tankstellen als auch in der Solarbranche – schließlich soll der Strombedarf der Fahrzeuge durch neu installierte Fotovoltaikzellen gedeckt werden.

Solarthermie zur Emissionsvermeidung
In der Pipeline wäre auch ein Projekt zur Solarthermie, also Solar­energie, die für Warmwasser oder Heizwärme sorgt. Roger Hackstock, Geschäftsführer des Verbands Austro Solar, ist deshalb überzeugt, dass „die Suche nach Alternativen zu Gas, Öl und Kohle nicht erst im Labor beginnen muss“, sondern mit einem Impulsprogramm ausgebaut werden kann. Mit 100 Millionen Euro an zusätzlichen Investitionen würden schon im ersten Jahr 3.500 Arbeitsplätze geschaffen, mit einem doppelten Benefit: 270.000 Tonnen CO2-Emissionen werden vermieden, und private Haushalte und Betriebe sparen 60 Millionen Euro bei den Energiekosten. Ideen gibt es also genug – für Klima- und Konjunkturschutz gleichermaßen. ­Diese zu verbinden ist ein richtiger Ansatz, findet E-Control-Experte Schönbauer. Nachsatz: „In künftigen Programmen sollte der Energieverbrauch noch stärker berücksichtigt werden – die Bevölkerung ist hier weiter als die Politik.“

Von Martina Madner und Arndt Müller

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff