Energie: Der Kampf um Öl und Gas

Alle reden über erneuerbare Energien. Doch daneben entsteht ein neuer Hype – um den Schatz im Schiefer. Unmengen von Öl und Gas lagern in dem „brennenden Stein“. Nur Ökoprobleme können diesen Boom bremsen.

Die Zahlen sind schwer fassbar: Derzeit beläuft sich der Weltenergieverbrauch auf etwa 170.000 Milliarden Kilowattstunden. Wegen der wachsenden Erdbevölkerung und ihrer steigenden Ansprüche werden es 2035 knapp 260.000 Milliarden sein, 2050 dann rund 320.000 Milliarden. Das ist etwa ein 10.000stel der Sonnenenergie, die jährlich die Erde erreicht. Da rund 80 Prozent der verbrauchten Energie durch das Verbrennen fossiler Träger wie Kohle, Öl und Gas gewonnen werden, dürfte die weltweite Kohlendioxidbelastung von momentan etwa 30 Milliarden Tonnen pro Jahr bis 2035 auf 43 Milliarden steigen und damit die Atmosphäre um zirka zwei Grad erhitzen. Und das ist nicht gut.

In den vergangenen 150 Jahren wurden etwa 900 Milliarden Barrel (ein Barrel entspricht rund 159 Litern) aus der Erdkruste gepresst. Damit war gegen Ende des vorigen Jahrzehnts die „Peak-Oil“- Schwelle erreicht. Das ist jener Höhepunkt, an dem die bekannten Vorkommen zur Hälfte ausgebeutet sind. Bei Erdgas streiten sich die Experten noch, ob „Peak- Gas“ ebenfalls bereits überschritten ist oder erst in fünf Jahren. Laut der internationalen Energieagentur IEA wären bis 2035 – dann soll sich der Ölpreis irgendwo zwischen 170 und 250 Dollar pro Barrel bewegen – etwa 38 Billionen Dollar an Investitionen nötig, um diesen Schwindel erregenden Energiehunger zu stillen und gleichzeitig neue Energieträger zu finden oder zu forcieren.

Im Schatten der Nachhaltigkeit

Die meiste Aufmerksamkeit zieht dabei der Wettlauf um erneuerbare Energieformen auf sich. Doch im Schatten dieses Nachhaltigkeits-Rennens spielt sich in der traditionellen Energiewelt, im hemdsärmeligen Universum der Geologen, Bohrtechniker sowie der mächtigen Öl- und Gaskonzerne, ein ganz anderer Hype ab, der die Fachwelt regelrecht in Entzücken versetzt: Es geht um ein Gestein namens Schiefer und um die Wiederentdeckung des Schatzes, der sich darin verbirgt. Um die Chance, damit buchstäblich „Stein-reich“ zu werden.

Denn im seit Jahrhunderten bekannten Sedimentgestein Schiefer, einem der beliebtesten Werkstoffe des Menschen, der in fast allen Farben glitzert und sich besonders gut spalten lässt, sind unter bestimmten Druck- und Temperaturbedingungen große Mengen von Öl und Gas gespeichert. Noch heute spricht der Volksmund deswegen vom „brennenden Stein“.

Seit in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die Fördertechniken deutlich verfeinert und leistungsfähiger wurden und sich der Ölpreis bei inzwischen 100 Dollar pro Barrel einpendelt, ist der Abbau von Schieferöl und vor allem von Schiefergas plötzlich ungemein lukrativ und rentabel geworden. Die Produktionskosten beispielsweise für ein Barrel oder Fass „Shale Oil“ (Schieferöl) belaufen sich im Durchschnitt auf etwa 50 Dollar.

Alleine in den USA, wo riesige, inzwischen förderbare Vorkommen entdeckt wurden, hat sich die Produktion dieses Rohstoffs zwischen 2007 und 2010 verzehnfacht. In den nächsten fünf Jahren soll die US-Tagesproduktion von Schieferöl von derzeit 370.000 Barrel auf 1,3 Millionen Fass gesteigert werden. Und bereits 2009 haben die USA durch die explosionsartige Steigerung ihrer Schiefergasproduktion Russland als größten Gasproduzenten der Welt überholt. „Man kann sich gar nicht vorstellen“, meint Florian Schütz vom österreichischen Ölfeld-Ausrüster Schoeller-Bleckmann, der mit ausgeklügelten Bohrtechniken viel Geld an dem Boom verdient, „wie viel Investitionen demnächst in diesen Sektor fließen werden. Europa dürfte das nächste Schiefer-Dorado werden.“

Kurzum: Derzeit spielt sich rund um einen Stein, der fast überall in der Erdkruste vorkommt, eine „schleichende Revolution“ ab. „Schieferöl und Schiefergas könnten die Energie-Spielregeln völlig ändern“, sagt Ronald Stöferle, Rohstoff-Experte der Erste Bank. „Manche Experten halten nicht die erneuerbaren Energieträger, sondern die Schiefer-Ausbeutung für die größte Innovation auf dem Energiesektor in der letzten Dekade.“

Lukrative „Fracking“-Technik

Öl- und Gasvorkommen im Schiefer können nicht einfach – wie bei herkömmlichen Quellen üblich – horizontal angebohrt werden, sondern nur vertikal, weil die Vorkommen meist von einer weiteren dichten Gesteinsdecke ummantelt sind, unter großem Druck und oft auf engstem Raum gefangen. In der Praxis wird das Gestein manchmal über mehrere Kilometer hinweg hydraulisch mittels „Fracking“ gespalten. Mit jeder Menge Chemikalien versetztes Wasser bricht dabei den Schiefer auf. Kleine Quarzkügelchen stabilisieren die Spalten. Und das Gas strömt durch das Bohrloch. Bei zähflüssigerem Öl dauert der Prozess etwas länger, ist aber ebenso lukrativ.

Seit diese Technik den Kinderschuhen entwachsen ist, häufen sich die Meldungen von bislang unbekannten Öl- und Gasvorkommen. Wie eine Verheißung wurde etwa Anfang des Jahres von den energiehungrigen Amerikanern die Nachricht aufgenommen, dass die USA mit der sogenannten Green River Formation, die sich über die Bundesstaaten Colorado, Utah und Wyoming zieht, auf schätzungsweise 800 Milliarden Barrel Schieferöl zurückgreifen könnten. Das entspräche einer Menge, die dreimal so groß ist wie die gesamten gesicherten Reserven von Saudi-Arabien. Und die Bakken-Formation in North Dakota wirft inzwischen etwa 300.000 Barrel Shale Oil pro Tag ab. Der einst verschlafene Prärie-Staat produziert damit inzwischen halb so viel schwarzes Gold wie das Opec-Mitglied Ecuador und ist drauf und dran, den ölreichsten US-Bundesstaat Texas sowie Kanada zu überholen.

In Europa sitzen vor allem Russland, Estland, Italien und auch Deutschland auf großen Schieferöl-Ressourcen, die derzeit nur minimal ausgebeutet sind. Für den krisengebeutelten Apenninstaat könnten seine Vorkommen sogar einen ökonomischen Rettungsanker darstellen. Denn Italien verfügt über mehr Schieferöl als die konventionellen Ölreserven von Libyen und Nigeria zusammen. Österreich hingegen ist mit diesem Rohstoff kaum gesegnet: Lediglich die Gegend um den Tiroler Achensee wirft im Jahr etwa vier Tonnen Schieferöl ab, das in pharmazeutische Anwendungen fließt.

Gasland USA

Auch in Sachen Schiefergas spielt die lauteste Musik derzeit in den Vereinigten Staaten. Wie viel Geld dabei im Spiel ist, lässt sich angesichts der 31 Milliarden Dollar erahnen, die der Ölmulti Exxon-Mobil Ende 2010 für die Übernahme des texanischen Schiefergaskonzerns XTO auf den Tisch blätterte. Inzwischen stammt in den USA knapp die Hälfte der gesamten Gasproduktion aus unkonventionellen Quellen.

Diese Vorkommen heißen etwa Barnett Shale in Texas, wo pro Tag aus mehr als 6.000 Bohrlöchern über 60.000 Kubikmeter Schiefergas gefördert werden. Oder Marcellus Shale, das sich über die Bundesstaaten New York, Pennsylvania und Ohio erstreckt und über ein Volumen von 14 Billionen Kubikmetern verfügen soll. Laut einer technischen Faustregel wären davon zwischen 20 und 30 Prozent rentabel ausbeutbar. In seinem Rohstoffbericht 2009 ging das US-Energieministerium davon aus, dass die USA genügend verwertbare Gasressourcen für die nächsten 90 Jahre hätten. Andere Schätzungen sprechen gar von 116 Jahren.

In Europa lagern ebenfalls bekannte Schiefergasvorkommen von etwa 14 Billionen Kubikmetern. Vor allem in Polen, Ungarn, Deutschland, Frankreich und Großbritannien wird fieberhaft nach weiteren Quellen mittels Stichbohrungen gesucht. Seit 2009 koordiniert der Forschungsverband „Gas Shales in Europe“ derartige Anstrengungen. Auch für die USA OMV, so eine Sprecherin, ist Schieferöl inzwischen ein „strategisches Thema“. Demnach hat das Unternehmen zwar Explorationsstudien über Vorkommen im und um das Wiener Becken abgeschlossen. Kopfzerbrechen bereite aber noch die Frage der Grundwasserbelastung.

Feuer aus dem Wassenhahn

Tatsächlich ist das Thema Umweltbelastung der größte Haken des Schiefer-Wunders, vor allem wegen der durch den Chemikalieneinsatz hochgiftigen Fracking-Technik. Diese Schattenseiten des Shale-Gas-Booms in den USA förderte der Dokumentarfilmer Josh Fox in seinem Roadmovie „Gasland“ im Vorjahr zutage. Eine der Schlüsselszenen spielt in einer ganz normalen Küche in einem ganz normalen Haushalt. Fox nähert sich der Spüle. Über ihr hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Dieses Wasser nicht trinken“. Der Mann dreht mit einer Hand den Wasserhahn auf, mit der anderen zündet er ein Feuerzeug an. Und sofort schießt eine mächtige Stichflamme aus der Leitung – so stark war das Wasser mit leicht entzündbarem Methan versetzt.

Der 90-minütige Streifen über die geruchlose, unsichtbare Gefahr, die das Ende aller Energieprobleme zum Greifen nahe erscheinen ließ, entfachte eine breite Diskussion in der US-Öffentlichkeit über die fragwürdigen Segnungen von Schiefergas, das nicht nur in reiner Form, sondern oft auch als Zusatzprodukt von Schieferöl auftritt. Fox hält die gesamte unkonventionelle Gasförderung für eine „ökologische Katastrophe“. Die Gasindustrie hat den teils polemischen Film erwartungsgemäß als unseriös gebrandmarkt.

Doch inzwischen haben mehrere Untersuchungen die Gefahren der Schiefergas-Produktion anhand etlicher Beispiele belegt. In Pennsylvania wurden besorgniserregende Gasrückstände im Grundwasser nachgewiesen. In Ohio führte in Trinkwasser gelöstes Schiefergas zu einer Großexplosion in einem Wohnhaus. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA werden durch jede einzelne Gasförderstätte Millionen Liter Grundwasser verschmutzt. Und zwischen 15 und 80 Prozent des gefährlichen Chemikalien-Wasser-Sand-Gemisches bleiben überhaupt unter der Erde zurück. Mit unwägbaren Folgen.

Seit Februar dieses Jahres müssen die Schiefergas-Unternehmen deswegen einem US-Kongress-Ausschuss Rede und Antwort stehen. Dessen Bericht wird 2012 erwartet.

– Rainer Himmelfreundpointner

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