Eiskalt erwischt: Wie Österreich im Gasstreit dem Griff der Gazprom entkommen könnte

Der Gasstreit offenbart die Abhängigkeit Österreichs vom russischen Versorger Gazprom. Ändern wird sich das erst Mitte nächsten Jahrzehnts, wenn Gas vom kaspischen Meer und der Adria geliefert werden kann.

Wer ein Elektrogeschäft in Sarajevo betreibt, hatte Mitte der Woche die Chance auf das Geschäft seines Lebens. Weil seit Mittwoch kein russisches Gas mehr über die Ukraine in den Westen fließt und Bosnien über keine eigenen Gas­speicher verfügt, gab es in der Hauptstadt einen regelrechten Run auf Elektro­heizungen. Hunderte standen vor den ­Geschäften, um noch eine der begehrten alternativen Wärmequellen zu ergattern. Die waren allerdings innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Keine Panik
In Österreich war man derweil um ­Kalmierung bemüht. „Trotz des Liefer­ausfalles ist die Versorgung Österreichs sichergestellt“, vermeldete Wirtschafts­minister Reinhold Mitterlehner nach einem am Mittwoch eilig einberufenen Krisen­gipfel von Spitzen aus Politik, OMV, ­Ener­gieversorgern und Industrie. Dass der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine trotz des erneuten Ver­handlungs­termins am Donnerstag rasch beigelegt sein wird, glaubt Mitterlehner jedoch nicht. „Die Situation ist komplex, in den nächsten zwei Wochen erwarte ich jedoch eine Lösung“, so der Neo-Minister.

Alternativen aktivieren
Bei dem Treffen wurden jedoch auch schon die ersten Maßnahmen für den Fall des Fortbestehens der Mangelsituation eingeleitet. Denn während Gewerbe- und Haushaltskunden aus den heimischen Speichern rund drei Monate versorgt werden können, sitzen vor allem die 100 Großverbraucher aus der Industrie bald auf dem Trockenen. Zwischen diesen soll daher schon jetzt der Gasverbrauch akkordiert werden. Gleichzeitig werden die zwei Drittel der thermischen Kraftwerke, bei denen das möglich ist, auf Öl umgestellt – Maßnahmen, die zumindest bis zum Beginn kommender Woche die Lage in Österreich entspannen sollten. Langfristig bietet jedoch nur eine Maßnahme wirkliche Alternativen in derartigen Krisensituationen: der rasche Umsetzung der Alternativpipeline Nabucco (siehe Karte ).

Prinzip Hoffnung  
Während in West- und Osteuropa angesichts des Ernstfalls erste Notmaßnahmen anrollen, spielen sich Russland und die Ukraine weiter den Schwarzen Peter zu. Man liefere die „maximale Kapazität“, vermeldete am Mittwoch Alexander Medwedew, Vize­chef des russischen Gasmonopolisten Gazprom. Die Ukraine habe die Transitleitungen gesperrt. Aus der Ukraine hingegen heißt es, Russland habe seine Gaslieferungen eingestellt. Die Preisvorstellungen liegen jedenfalls noch meilenweit auseinander: Während Gazprom 450 Dollar je 1.000 Kubikmeter des flüchtiges Energieträgers fordert, will die Ukraine nicht mehr als 235 Dollar zahlen. Während in einigen osteuropäischen Ländern schon Teile der Produktion heruntergefahren werden, regiert in der österreichischen Industrie noch das Prinzip Hoffnung. „Wir schalten auf Kohle um und kaufen im Notfall die benötigte Energie zu“, kommentiert ein Sprecher des Großverbrauchers voestalpine.

Industrie in der Klemme
Sollte der Lieferstopp weiterbestehen, müsse jedoch die Produktion heruntergefahren werden. Ähnlich ist die Situation beim Ziegelhersteller Wienerberger. Derweil hoffen die Großabnehmer noch, nicht infolge einer ministeriellen Notverordnung auf Sparflamme gesetzt zu werden. Je länger der Gaskrieg jedoch anhält, desto weniger lässt sich eine solche umgehen. „Die Krise zeigt, dass wir in puncto Gasversorgung vollkommen von Russland abhängig sind“, erklärt Michael Schmölzer, Gasexperte beim Energieregulator E-Control. Vier Fünftel der knapp zehn Milliarden Kubikmeter, die Öster­reich jährlich verbraucht, stammen aus Importen – und davon wiederum 80 Prozent aus Russland. Eine Monopolstellung, die vor allem Ostösterreich zu schaffen macht, da zwar Vorarlberg und Tirol aus Deutschland beliefert werden, aber keine Weiter­leitung in den Osten möglich ist. Der öster­reichische Energielobbyist Stephan Ressl kann deswegen der Krise auch etwas Positives abgewinnen: „Erst jetzt zeigt sich, ob der Markt und die Liberalisierung wirklich funktionieren. Jedenfalls muss unbedingt die Integration der westeuropäischen Netze vorangetrieben werden.“

Neue Pipeline  
Mindestens ebenso wichtig ist Energieexperten zufolge jedoch die rasche Umsetzung der neuen Pipeline Nabucco, die ab 2013 Gas von Feldern am Kaspischen Meer nach Österreich transportieren soll. „Der aktuelle Fall zeigt, wie entscheidend die Strategie ist, Gas auch aus alternativen Quellen wie dem Nahen Osten zu beziehen“, sagt Schmölzer. Im Moment sind für die Alternativroute jedoch noch nicht einmal die rechtlichen Rahmenbedingungen vollständig geklärt, geschweige denn wurde der Spatenstich gesetzt. „Ende des ersten Quartals werden wir die rechtlichen Vorbereitungen abgeschlossen haben“, hofft Christian Dolezal, der Sprecher des Nabucco-Betreiberkonsortiums, „danach können die Transportkunden die verfügbaren Kapazitäten buchen.“

Flüssiggas als Ersatz
Im Sommer letzten Jahres hatte es schon einmal eine testweise Ausschreibung der Kapazitäten gegeben, die zukünftig verfügbaren 31 Milliarden jährlichen Kubikmeter waren sofort ausgebucht. Auch wenn davon nur ein Zehntel für den österreichischen Markt bestimmt sein soll, wie die E-Control schätzt, wäre das zumindest ein Weg aus der totalen Abhängigkeit vom Verhalten des russi­schen Monopolisten oder des Transitlandes Ukraine. Da jedoch auch der innerösterreichi­sche Verbrauch wächst, soll mittelfristig auch das Flüssig-Erdgas LNG (liquefied natural gas) eine immer wichtigere Rolle spielen. Auf der Adria-Insel Krk ist deshalb eine 800 Millionen Euro teure Regasifizierungsanlage geplant, die ab 2014 von Flüssiggastankern versorgt werden soll. Mittelfristig soll LNG ein Fünftel der heimischen Versorgung sichern.

Keine Entschädigung
Bis Mitte des nächsten Jahrzehnts stellt sich jedoch die Frage nach Alternativen nicht, allenfalls nach möglichen Schadenersatzforderun­gen aus den bis 2027 geltenden Liefer­verträgen mit Gazprom. „Druck machen werden wir aber sicher nicht“, heißt es aus der OMV. Schließlich seien in den Lie­ferverträgen keine endgültigen Mengen vereinbart, bezahlt würde am Ende jeden Monats immer nur die gelieferte Menge. Und die fällt für Jänner wohl kleiner aus.

Von Arndt Müller

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