Eingebunkerte Gelder: Konflikt zwischen Industrie und Bankensektor zeichnet sich ab

Die Banken verzeichneten bessere Ergebnisse als erwartet. Doch der Unmut über hohe Risikoaufschläge und knausrige Kreditvergabe wächst. Haben sich die Geldhäuser auf Kosten der Wirtschaft saniert?

Letztendlich waren 1,5 Millionen Euro ausschlaggebend für das Schicksal des ÖSV-Skiausrüsters Anzi Besson. Dieser Betrag hatte gefehlt, um das Unternehmen weiter am Leben zu erhalten. 1,5 Millionen Euro, die der Eigentümer Erste Bank nicht zuschießen wollte und die auch der Kreditgeber UniCredit nicht bereit war zu zahlen. Vor kurzem wurde über den ÖSV-Ausrüster schließlich der Konkurs eröffnet.

"Kredite doppelt so teuer wie vor der Krise"
Besson ist kein Einzelfall in der Krise. Klagen der Wirtschaft, dass ihr das Geld fehlt, obwohl Milliarden Euro in das Bankensystem gepumpt wurden, sind keine Seltenheit mehr. Insbesondere seit die Quartalszahlen der heimischen Großbanken bekannt geworden sind und darunter keine Katastrophen zu finden waren. Ganz im Gegenteil – viele Analysten zeigen sich ob der soliden Zahlen überrascht. Stellvertretend für die Unternehmen macht KTM-Chef Stefan Pierer seinem Unmut über die Banken Luft: „Kredite kosten doppelt so viel wie vor der Krise. Die reale Wirtschaft zahlt die Zeche der Finanzwirtschaft.“ Auch aus einer dem FORMAT exklusiv vorliegenden Umfrage der Wirtschaftskammer Öster­reich wird deutlich, dass die Unternehmen alles andere als glücklich mit ihren Hausbanken sind. So empfinden immerhin 27 Prozent, also knapp ein Drittel der 500 im Juni befragten Unternehmer, die Zusammenarbeit mit ihrer Bank als „eher schlechter“.

Unternehmenskapitäne klagen an
In Deutschland hat die Verzweiflung führende Wirtschaftsverbände sogar dazu getrieben, ihr Leid Kanzlerin Angela Merkel zu klagen. Die Kreditverknappung sei für die Firmen bedrohlich, nicht einmal gesunde Unternehmen bekämen mehr Geld, die ­Liquiditätsprobleme nähmen existenzbedrohliche Formen an, wird in dem Schreiben gewarnt. In Österreich ist der Widerstand in der Wirtschaft bislang erst punktuell zu finden, dafür aber umso deutlicher. Pierers Beobachtungen werden auch von Wolfgang Reithofer, Chef des gebeutelten Baustoffkonzerns Wienerberger, untermauert: „Natürlich ist es nicht einzusehen, wenn die Banken ihre Ergebnisse mit Unterstützung des Staates auf Kosten der Realwirtschaft und der Steuerzahler verbessern. Die Regierung muss nun sehr genau prüfen, ihre Kontrollaufgabe ernst nehmen und darauf achten, dass nicht die Realwirtschaft und der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.“ Ähnlich dramatisch wie Reithofer sieht die Problematik der Vorsitzende der Jungen Industrie, Martin Ohneberg: „Die guten Ergebnisse der Banken spiegeln sich in der schlechten Situation der Wirtschaft wider.“ Er wird öfter von Mitgliedern darauf angesprochen, dass die Sicherheiten für Kredite enorm anwachsen und Neufinanzierungen, so sie überhaupt noch zu bekommen sind, extrem teuer seien. Kurz: Die Banken hätten das Geld, das sie vom Staat bekommen, regelrecht eingebunkert.

Zehnjahreshoch bei Zinserträgen
Tatsächlich geht es den Banken derzeit wesentlich besser, als noch bei Verhandlung des milliardenschweren Banken­pakets und den im Frühjahr befürchteten hohen Kreditausfällen in Osteuropa erwartet wurde. Laut einer aktuellen Studie der Nationalbank (OeNB) schnellten die Zins­erträge der heimischen Finanzinstitute im ersten Quartal 2009 im Vergleich zur Vorjahresperiode um satte 13,8 Prozent in die Höhe – ein Zehnjahreshoch. „Wir sind nicht die Caritas. Unsere Dienstleistungen und die Kredite haben einen Preis“, rechtfertigt Erste-Bank-Sprecher Peter Thier. Zwar schrumpfte seit Oktober 2008 der Leitzinssatz um insgesamt 2,75 Prozentpunkte, die Kunden spürten davon aber nicht allzu viel, weil die Banken ihre Risikoaufschläge stark erhöhten. Der Grund sind die oft schlechteren Ratings der Kunden. Andreas Ecker, Sprecher der RZB, fügt hinzu: „Kapital-, Risiko- und Refinanzierungskosten sind gestiegen, und das spiegelt sich auch in unserer Preis­gestaltung wider.“

"Kredite nicht aus der Hand gerissen"
Laut Nationalbank stagnierte das Kreditvolumen heimischer Geldinstitute an Unternehmen in den vergangenen Monaten – Ende März lag der Stand bei rund 135 Millionen Euro. Und das, obwohl Banken, die Partizipationskapital vom Staat erhalten haben, eine bestimmte Summe an Neukrediten ausgeben müssen. Bei der Erste Bank sind das in den nächsten drei Jahren mehr als drei Milliarden Euro. „Wir haben derzeit sogar sechs Milliarden Euro für Neukredite reserviert. Die Kredite werden uns aber nicht gerade aus der Hand gerissen“, begründet Erste-Sprecher Thier. Bei Neukrediten sei die Zahl zurzeit gar rückläufig. Auch in der Bank Austria spricht man von einem „nahezu zweistelligen Rückgang“.

Unzufriedene Einzelunternehmer
Das kann Karin P. – sie will lieber anonym bleiben –, die Betreiberin einer Modeboutique in Salzburg, nicht nachvollziehen. Bislang hat ihr ihre Hausbank zweimal jährlich einen Kontokorrentkredit in Höhe von 40.000 Euro zur Überbrückung gewährt. Dieser wurde heuer erstmals auf ein Drittel zusammengestutzt, der Bank war die Eigenkapitaldecke auf einmal zu gering. Die Boutiquenbesitzerin zählt auch zu jener Gruppe, die mit der Leistung der Banken ganz besonders unzufrieden ist, macht die WKO-Umfrage deutlich. Einpersonen-Unternehmen beurteilen die Zusammenarbeit deutlich schlechter als der Durchschnitt der Unternehmen. So geben etwa 21 Prozent an, dass ihre Bank mehr Sicherheiten von ihnen verlangt, gesamt sind es nur 18 Prozent. „Speziell gegenüber kleinen Unternehmen gibt es eine Null-Toleranz-Politik der Banken. Viele müssen auf teurere Lieferantenkredite zurückgreifen“, beobachtet auch Volker Plass, Chef der Grünen Wirtschaft.

Null-Toleranz-Politik der Banken
Ein gemeinsames Vorgehen der Wirtschaft gegen die restriktive Kreditpolitik der Banken – wie in Deutschland – zeichnet sich momentan aber nicht ab. WKO-Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser liest nämlich aus der Bankenumfrage zwar ab, dass „nicht alles paletti“ ist, aber: „Eine Entspannung gegen­über den Vormonaten ist sichtbar.“ Außerdem verweist sie auf das erst kürzlich im Ministerrat verabschiedete Gesetz zur Stärkung der Liquidität der Unternehmen, das zehn Milliarden Euro an Staatsgarantien für Kredite bringen soll. Die überwiegende Mehrheit der heimischen Wirtschaft hat davon allerdings gar nichts: Die Haftung kommt nur für Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitern und mehr als 50 Millionen Euro Umsatz infrage. Zusätzlicher Pferdefuß: Die Unternehmen müssen bis zum 1. Juli 2008 eine gesunde wirtschaftliche Basis aufweisen. Im Finanzministerium geht man von rund 500 potenziellen Beziehern aus. Einer davon könnte etwa Johann Marihart sein. Der Agrana-Chef hat zwar die Raiffeisen im Rücken, muss aber auch höhere Risikoaufschläge als früher zahlen. „Wir sehen uns die Staatsgarantien sicher an. Leider sind die genauen Konditionen noch nicht klar“, so Marihart.

Kritik an Ausbleiben der Reformen
Aber nicht allein die Knausrigkeit der Banken wurmt einige Unternehmer, auch die ausbleibenden Reformen werden kritisiert. Wurde kurz nach Ausbruch der Krise noch lauthals nach schärferen Bilanz­regeln, härteren Eigenkapitalvorschriften und einer EU-weiten Finanzaufsicht gerufen, sind diese Themen jetzt in den Hintergrund gerückt. Strengere EU-weite Eigenkapitalvorschriften sollen erst im Oktober 2010 umgesetzt werden. Für Experten viel zu spät. „Man fragt sich, wie das der Bewältigung der derzeitigen Kreditkrise dienen soll“, so etwa Freshfields-Anwältin Maria Pflügl. Auch sonst hat sich für die Banken nicht allzu viel geändert: Während es in vielen Unternehmen Kurzarbeit gibt und, wie zuletzt beim Autozulieferer Polytec, Beteiligungsverkäufe das Überleben sichern müssen, bleiben derartige Maßnahmen bei den Banken weitgehend aus. Dafür machen andere Schlagzeilen aus der Bankbranche wieder verstärkt die Runde: Die Boni der Banker steigen wieder langsam, und dort, wo sie wegen staatlicher Auflagen nicht steigen dürfen, werden eben die Fixgehälter erhöht. Aus österreichischen Banken sind derlei Auswüchse allerdings nicht bekannt.

Von Angelika Kramer und Barbara Nothegger

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