Eine Frage der Farbe: Rot oder Schwarz?

Ein geheimes Strategiepapier der Beratungsfirma Roland Berger gibt Einblick in die seltsame Welt des Flughafens Wien. FORMAT liegen die brisanten Unterlagen nun exklusiv vor.

Rot oder schwarz? Wer sich am Flughafen Wien um einen Job bewirbt, dem bleibt die Frage nach der Parteizugehörigkeit nicht erspart. Bewerber, die weder Wiens SP-Bürgermeister Michael Häupl noch Niederösterreichs VP-Landeshauptmann Erwin Pröll in den Kram passen, sind zur karrieretechnischen Bruchlandung verdammt. Denn als Flughafen-Großaktionäre regieren Wien und Niederösterreich ins Unternehmen hinein.

Mangelnde Talenteförderung, Verlust von High Potentials

Die Analyse der Proporz-Rekrutierungs­praxis in Schwechat stammt aber nicht von einem politischen Gegner der Opposition, sondern von einem internationalen Unternehmensberater: Roland Berger Strategy Consultants. Die Beratungsgesellschaft untersuchte im Auftrag des Vorstands den „Vienna International Airport“ (VIE). Im FORMAT exklusiv vorliegen­den „Strategie Audit VIE“ sind die Erkenntnisse der mehrmonatigen Arbeit zusammengefasst. Dort heißt es etwa punkto Personalpolitik: „Die mangelnde Talenteförderung ist auffällig. Immer wieder findet eine Berufung von Externen statt, ohne interne Entwicklung zu betreiben. Besetzungen erfolgen nicht ausschließlich nach dem Leistungsprinzip (Vorrang Parteibuch).“ Die logische Auswirkung auf die Organisation: „Verlust von High Poten­tials und Demotivation der Mitarbeiter.“

Doch die Strategieberater weisen nicht nur auf die politische Farbenlehre hin. „Im Interview mit dem Top-Management wurden Auffälligkeiten zu insgesamt 16 Themen der Organisation ermittelt“, heißt es. Konkret geht das Geheimpapier auf „Prozess-, Struktur und Führungsfragen“ ein und nennt „diverse Diskussionspunkte zur Anpassung der Organisation“. Das Ergebnis ist ein erschütterndes Sittenbild des Flughafen-Managements.
Dementsprechend kommen die Vorstände Herbert Kaufmann (SPÖ), Ernest Gabmann (ÖVP) und Gerhard Schmidt (SPÖ) gar nicht gut weg. Konsequenterweise wird das brisante Papier vom Vorstand unter Verschluss gehalten. „Dass die Führungsqualitäten des Topmanagements bei Roland Berger ein Thema waren, ist mir neu“, sagt ein Flughafen-Aufsichtsrat, der anonym bleiben will.

Führungsschwäche im Visier der Consulter

Tatsächlich haben sich die Consulter dem Thema „Führung“ ausführlich gewidmet. Dabei ist ihnen als Allererstes die „mangelnde Unternehmenskultur“ auf­gefallen. An einem Strang wird selten ­gezogen. Oft würden die 16 Unternehmensbereiche gegeneinander arbeiten. Vorherrschend sei ein „Bereichsdenken in ‚Königreichen‘ gegenüber dem Gesamtziel des Unternehmens“. Der „starke Fokus auf interne Themen und Befindlichkeiten“ behindere den Blick nach außen, auf den Markt. Ebenso: „Die Weiterverrechnung von Kosten ist wichtiger als die Kostenreduktion bzw. -vermeidung.“ Die Zusammenarbeit im Vorstand sei selten konstruktiv, sondern von „Misstrauen im Tagesgeschäft“ geprägt. Eine weitere Schwäche des Flughafen-Managements: „Man sucht den Schuldigen anstelle des Fehlers.“ Die zahlreichen „Konflikte zwischen den Bereichen“ würden zudem zur „Entscheidungswillkür zum Nachteil des Gesamtunternehmens“ beitragen. Die Auswirkung laut Papier: „Ineffizienz, Intransparenz und Steuerungsverlust“.
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Ein gefährlicher Cocktail, der auch zum Skylink-Debakel beigetragen haben dürfte: Als die Kosten für den Terminal­bau von anfänglich 400 Millionen Euro schrittweise auf über eine Milliarde Euro explodierten, läuteten zwar auf Bereichsleiter-Ebene regelmäßig die Alarmglocken, aber nicht beim Vorstand.

Allgemeine „Entscheidungsträgheit“, „ungenügender Informationsfluss zwischen den Vorstandsressorts“ und „fehlende institutionalisierte Kommunikation zwischen den Bereichen über die Vorstandsressorts hinaus“ wirken sich fatal aus. So gelangen wichtige Entscheidungsgrundlagen sehr langsam von unten nach oben. Aber auch die Befehlskette abwärts funktioniert nicht. „Bereichsleiter sind nur in der Lage, über informelle Gespräche einen Gesamtüberblick über das Unternehmen zu erlangen“, schreibt Roland Berger. Die Konsequenz: „Verlust der Entscheidungswilligkeit“.

Der Vorstand: führungsschwach und detailverliebt

Der Vorstand agiert im Widerspruch zur modernen Managementlehre. Detailverliebt widmet er sich den falschen Aufgaben. Dass „Einstellungen, Prämien und Sponsoring“ reine Chefsache sind, wirke sich in einer „Hemmung bei wirklich vorstandsrelevanten Entscheidungen“ aus. Zum Management von Krisen à la Skylink fehlten dann die Ressourcen.
Dementsprechend entsteht nach ­Lektüre des Roland-Berger-Papiers der Eindruck, dass der dreiköpfige Vorstand am liebsten Jobs verteilt. „Die Einschränkung der Entscheidungskompetenz des Personalleiters (Prokurist) aufgrund der Notwendigkeit der Abstimmung sämtlicher Personalentscheidungen im Vorstand“ wird als Führungsschwäche erkannt. Die Personalabteilung solle nicht regelmäßig umgangen werden. Die Kritikpunkte: „Gehaltsmanagement (Abstimmung oft direkt zwischen Vorstand und Bereich), Personalmaßnahmen (Verhandlung oft direkt zwischen Betriebsrat und Bereich). Und das Fehlen einer zentralen Personaleinsatzplanung.“ Für einen Leitbetrieb des Landes sind derartige Mängel ein Skandal. Zur Erinnerung: Der Flughafen hat 5.457 Mitarbeiter und macht rund 507 Millionen Euro Umsatz.
Verlorene Schadenersatzansprüche. 

Auch die Organisation der Flughafen AG, die vor Doppel- und Dreifachgleisigkeiten nur so strotzt, wird von Roland Berger zerpflückt: 16 Bereiche und 21 Töchter seien schlicht „zu viel“. So würden sich drei Bereiche für Marketing, Bau und Umweltthemen kümmern – und sich kaum ab­sprechen. „Vorstände sichern sich eigene Kernkompetenzen in ihren Ressorts“, heißt es.

Know-how-Verluste, unnötige Kosten

Die Auswirkung auf die Organisation: Es entstehen „überflüssige Kosten durch überflüssige Schnittstellen und Know-how-Verluste“. Außerdem geben die Berater zu bedenken, dass „Verlust von Wissen über Schadenersatzansprüche“ zusätzliche Opportunitätskosten verursacht.
Angesichts der systematischen Mängel war der Ausbruch der Affäre Skylink vermutlich nur eine Frage der Zeit. Die Staats­anwaltschaft Korneuburg ermittelt bereits gegen den Vorstand wegen des Verdachts der Untreue und der Bilanzfälschung. Es gilt die Unschuldsvermutung. Der Gerichtssachverständige ist bei der Durchsicht des Bauwerks bereits auf mehr als 3.000 Mängel gestoßen. Und auch der Rechnungshof spart nicht an Kritik am Skylink-Management.
Kaufmann, Gabmann und Schmidt lässt die Roland-Berger-Kritik ebenso kalt wie die schweren Vorwürfe der Justiz. War­um sollte es auch anders sein? Die drei haben ja das richtige Parteibuch.

–Ashwien Sankholkar

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