"Ein Schlachtpferd bringt mir 750 Euro"

"Ein Schlachtpferd bringt mir 750 Euro"

Nur wenige Kilometer vor der ungarisch-rumänischen Grenze ist klar, warum der Pferdefleisch-Skandal mit dem Balkanland zu tun hat. Der bitterarme Landstrich zwischen Arad, Oradea und Satu Mare ist geprägt von Fuhrwerken, Arbeitstieren und rostigen Kutschen. Die dürfen zwar offiziell auf stark befahrenen Landstraßen nicht mehr verwendet werden, auf Feldwegen und Dorfalleen sind sie aber unverzichtbar.

Noch, denn Pferde als Nutztiere haben im von Brüsseler Normen geprägten Europa keine Zukunft. Daher landen immer mehr Rösser im Schlachthaus. Und von dort kommen sie auf verschlungenen Wegen auf die Teller Westeuropas.

FORMAT begab sich auf Spurensuche in den Pferdeställen Nordwest-Rumäniens. Satu Mare (Sathmar) war unter den Habsburgern ein beschauliches Provinzstädtchen. Heute ist es eine Ansammlung von heruntergekommenen Gewerbebetrieben, Plattenbauten und verfallenem K.-u.-k.-Glanz am Rande Mitteleuropas. In den umliegenden Dörfern scheint die Zeit stillzustehen. In den Augen der kleinstbäuerlichen Pferdehalter spiegelt sich die Tristesse der rumänischen Provinz.

Das tut Herzlichkeit und Gastfreundschaft aber keinen Abbruch. Bereitwillig zeigt der ungarischstämmige Laszlo seine zwei Rappen. Am Ende eines harten Winters ist für den 52-Jährigen klar: Er hat kein Geld mehr zum Durchfüttern seines Wallachs. Spätestens in zwei Wochen wird er das Pferd auf den altersschwachen Anhänger seines Nachbarn verladen: Destination Schlachthof.

Vom europäischen Pferdefleisch-Skandal hat Laszlo noch nichts erfahren. Er hofft auf einen guten Preis und wird nicht enttäuscht werden. "Zwischen 750 und 1.000 Euro werde ich für den alten Gaul bekommen“, schätzt Laszlo. Sentimentalität ist unangebracht, das Geld muss für die fünfköpfige Familie reichen. Den anderen drei Pferden im Stall droht nach dem Ende ihrer Einsatzfähigkeit als Zugtiere das gleiche Schicksal.

Das Geschäft der Abdecker

Rund dreißig Kilometer von Laszlos Baracke steht in Großkarol (rum. Carei) ein Fleischverarbeitungsbetrieb, der auf Tiere aller Art spezialisiert ist - die Fahrt führt über Straßen, die mehr aus Schlaglöchern denn aus Asphalt bestehen.

Was in halb Europa für Aufregung sorgt, ist hier Routine. Der Schlachter begutachtet mit einem Veterinär das altersschwache Tier. Der Tierarzt ist zwar teuer, aber nötig, denn der Schmattes für illegale Ware an die ungarischen Zöllner wäre laut Laszlo noch höher. Vorbei die Zeiten des Schwarzschlachtens, das in der grimmigen Ceaușescu-Ära den ärgsten Hunger nach Fleisch stillen sollte. Die letzten illegalen Abdecker sollen in Rumänien schon vor Jahren zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden sein. Auch zum Schutz der letzten Wildpferde Europas, die im Donaudelta grasen und von verzweifelten Ortsansässigen geschlachtet wurden.

In der improvisierten Schlachthalle setzt der bärbeißige Iuliu unterdessen den Bolzenschussapparat Kaliber 9 mm an. Befeuert durch eine CO2-Patrone, dringt das Eisentrumm in den Schädel des Tieres. Nach dem fachgerechten Zerlegen landen die Pferdelenden im Kühlhaus. Zeit für Iuliu, eine Marlboro zu rauchen. Sonst bestimmt eher Eile das Pferdefleisch-Business. Der Grund: Es muss innerhalb von 24 Stunden verarbeitet werden, sonst wird es schwarz und verdirbt. Alternative: Einfrieren in gepressten Blöcken mit zirka 90 cm Kantenlänge. Immerhin: Im Vorjahr nahmen die Pferdefleischexporte laut dem zuständigen Agrarministerium um neun Prozent zu. Der Gesamtumsatz belief sich auf etwa zehn Millionen Euro.

Auf die Frage, was mit dem Fleisch passiert, müssen die rumänischen Arbeiter passen. Sie sind nur fürs Schlachten und Zerlegen zuständig - das ist Schwerarbeit genug. FORMAT will allerdings die Spur des Fleisches weiter verfolgen, denn bis jetzt lief alles korrekt …

Im Galopp quer durch Europa

Noch am selben Tag soll ein Kühl-Lkw kommen und das Pferdefleisch abholen. Kärnten, Wien - Kebab oder Hauswürstel. Für den Heimmarkt gibt es in Rumänien kaum Bedarf. Die Auskunftsfreude der zuständigen Fleischverwerter und Verpacker hält sich in Grenzen.

Auffällig sind nur die vielen Lastwagen mit ungarischem oder niederländischem Kennzeichen. Auf der Fahrt nach Wien werden die holländischen Kühl-Lkws noch öfter den Weg kreuzen. Eine ungarische Spedition wirbt sogar mit Pferdekopf im Logo um Logistik-Kunden aus der Fleischbranche. Ein volatiles Geschäft, erst 2010 verhängte etwa Österreich ein Einfuhrverbot für rumänische Pferde, alle Pferdefleischprodukte und sogar deren Sperma, da am Balkan eine infektiöse Anämie grassierte.

Und bei den großen und topmodernen Fleischfabriken Rumäniens stockt derzeit das Geschäft. So versichert man etwa bei Unicarm, nur Schweine und Rinder zu verarbeiten. Neugierige Besucher werden vom eigenen Sicherheitsdienst abgewimmelt. Man will schließlich nicht aufs falsche Pferd setzen.

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