Ein Jahr nach der Panik: Osteuropas Börsen boomen, doch die Situation ist zerbrechlich

Ein Jahr nach der Ost-Panik zieht FORMAT Bilanz: Ein Finanzcrash blieb aus, doch nicht alle Risiken sind entschärft. Geringes Wachstum, die Ukraine und Kreditausfälle machen Sorgen.

So gerne wollte Alexander Maculan ein Comeback als schillernder Baulöwe feiern, der er einst einmal war. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew, nahe dem Flughafen Boryspil, plante Maculan mit Geschäftspartnern ein riesiges Immobilienprojekt samt Hotel, Shoppingcenter und Büros. Satte 600 Millionen Euro sollten vor der Fußballeuropameisterschaft 2012 investiert werden. Aus der großen Idee wird vorerst nichts. Bereits seit zwei Jahren wird mit den Behörden um Genehmigungen gekämpft, die Planungen für die Office-Türme und das Shoppingcenter liegen auf Eis, und das Investitionsvolumen schrumpfte auf magere 50 Millionen Euro. „Jetzt ist nicht die Zeit, um Büros zu bauen“, sagt Maculan nüchtern.

Im Zentrum der Turbulenzen
Der Entrepreneur hat für seine unternehmerische Wiederauferstehung ausgerechnet ein Land gewählt, das seit exakt einem Jahr im Zentrum der wirtschaftlichen Turbulenzen in Osteuropa steht. Im Februar 2009 löste der Präsident des Landes bei Investoren, Wirtschaftsforschern und den Finanzmärkten helle Aufregung aus, als er öffentlich von einer Zahlungsunfähigkeit seines Landes sprach. Ratingagenturen sahen plötzlich ein enormes Risiko in ganz Osteuropa, warnten vor einem wirtschaftlichen Flächenbrand der Region, und die Aktienindizes rasselten ins Bodenlose. In Österreich war man geschockt. Die heimischen Banken, in einigen Ländern die größten ausländischen Finanzinvestoren, hatten damals 230 Milliarden Euro Kredite (derzeit: 187,37 Milliarden Euro) in der Region verborgt, was rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Mehr als ein Fünftel der heimischen Exporte gehen nach Tschechien, Rumänien & Co. Würde die Region zusammenbrechen, Österreich würde mit in den Abgrund gezogen. Zu allem Überfluss reihte der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman Österreich nach Island und Irland zu den heißesten Pleitekandidaten.

Ittner: "Für Entwarnung ist es zu früh"
Ein Jahr später ist klar: IWF, Weltbank und die EU mussten fast 25 Milliarden Euro für die Stabilisierung der Region in die Hand nehmen, und wie allerorts gab es Bankenpleiten und hohe Arbeitslosigkeit. Der große Finanzcrash wie in Asien 1998 blieb zwar aus, und die heimischen Banken, allen voran Raiffeisen International, Bank Austria und Erste Group, konnten die hohen Kreditausfälle bisher relativ unbeschadet bewältigen. Dennoch, ein Jahr nach der Osteuropa-Panik sind bei weitem nicht alle Tretminen entschärft. „Für eine Entwarnung ist es zu früh. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht liegt noch ein Weg mit vielen Schlaglöchern vor uns“, schätzt Andreas Ittner, Direktor der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Die drei größten Gefahren derzeit: In der Ukraine tickt nach wie vor eine wirtschaftliche Bombe; die Kreditausfälle und Unternehmensinsolvenzen werden erst im Lauf des Jahres ihren Höhepunkt erreichen; und die gigantischen Wirtschaftszuwächse der Region – gerade für die österreichischen Unternehmen seit Jahren das Elixier ihres Wachstums – sind auf lange Sicht vorüber.

Ukraine-Pleite nach wie vor möglich
Und wieder ist es die Ukraine, über die sich Wirtschaftsforscher weltweit den Kopf zerbrechen. Durch die fallenden Stahl-Preise wurde das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas hart getroffen, das Budgetdefizit kletterte im Vorjahr auf 8,5 Prozent. Die politischen Wirren lähmen. Legt die Regierung nicht bald ein realistisches Budget für 2010 vor, wird der IWF sein im November ausgesetztes Programm ganz suspendieren. „Ein Staatsbankrott könnte die Folge sein. Und dies würde die gesamte Region destabilisieren“, meint Kurt Bayer, Exekutivdirektor bei der
Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD). Die Folgen wären fatal, auch für Österreich. Raiffeisen International ist dort Eigentümerin der zweitgrößten Bank des Landes, der Aval Bank. „Unser größtes Sorgenkind ist die Ukraine“, sagt Herbert Stepic. Im Vorjahr bescherte ihm die Beteiligung in Kiew ein Riesenminus. Der RI-General übt sich im FORMAT-Interview in Zweckoptimismus. „Ich bin überzeugt, dass wir unsere vorjährigen Verluste in den nächsten Jahren wieder einspielen werden.“

Bis zu zehn Prozent Kreditausfall
Ohnehin steht die Nagelprobe für den österreichischen Bankensektor noch bevor. Bereits vergangenes Jahr stiegen die Kreditausfälle in einigen Ländern wie Kasachstan, Lettland und Serbien empfindlich an. In der Ukraine machten faule Kredite im September bereits 30 Prozent aller Kredite aus. Dabei wird der Höhepunkt der Not leidenden Kredite erst im Laufe des Jahres erwartet. Die EBRD rechnet, dass im Durchschnitt bis zu zehn Prozent des Kreditvolumens dann uneinbringlich sein werden. Kleiner Hoffnungsschimmer: Während der Asienkrise waren es immerhin 30 Prozent. Laut OeNB-Stresstest müssen die heimischen Geldinstitute für 2010 und 2011 mit insgesamt mindestens zehn Milliarden Euro Wertberichtigungen rechnen, im schlimmsten Fall sind es sogar 20 Milliarden Euro. Wie hoch der Anteil Mittel- und Osteuropas ist, ist unklar. Dementsprechend fuhren die Banken auch ihre Risikovorsorgen für 2009 hinauf. Die Erste Gruppe etwa verdoppelte ihre Vorsorgen für gefährdete Kredite auf zwei Milliarden Euro, die RI wies sogar um 200 Prozent mehr, exakt 1,738 Milliarden Euro, aus. Zwar schrieben die beiden Banken 2009 noch Gewinne – die Erste steigerte ihr Ergebnis sogar auf 903 Millionen Euro. Doch für 2010 stehen die Gewinne auf tönernen Füßen.

Wachstumsraten nicht wie vor der Krise
Für viele Experten ist daher klar: Die lockere Kreditvergabe der Banken, die einigen osteuropäischen Ländern wie dem Baltikum den Boom bis 2007 erst ermöglichte, ist für längere Zeit vorbei. Gepaart mit einer höheren Sparneigung unter den Osteuropäern, einer hohen Arbeitslosigkeit und einer strengen staatlichen Haushaltsdisziplin – Ungarn, Kroatien und Tschechien etwa erhöhten ihre Verbrauchersteuern und kürzten ihre Ausgaben –, ergibt das für die nächsten Jahre nur noch moderates Wachstum. „Die Wachstumsraten werden nicht mehr so hoch sein wie vor der Krise“, meint Peter Havlik vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Die Entwicklung ist dabei durchaus differenziert. Während Polen, Tschechien und Slowenien in Analystenbewertungen am besten abschneiden, ist die größte Vorsicht in der Ukraine, im Baltikum und in Serbien geboten.

Übung in Zweckoptimismus
Unter österreichischen Unternehmern, die in der Region unterwegs sind, herrscht Zweckoptimismus: Bislang zogen die Banken weder massiv Kapital ab, noch schlossen österreichische Unternehmer Fabriken oder Niederlassungen im großen Stil. So wie bei Wolfgang Niessner, der als Chef des Logistikers Gebrüder Weiss den Zusammenbruch des Welthandels hautnah miterleben musste. „Unser Geschäft ist im vergangenen Jahr um zehn Prozent eingebrochen“, sagt er, „und leider auch Anfang 2010 nicht in Fahrt gekommen.“ Bis 2015 rechnet der Logistiker dennoch wieder mit Wachstum. „Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt“, sagt er. Auch der steirische Anlagenbauer Binder+Co hat die Ost-Rezession zu spüren bekommen. Fixe Aufträge sind um zwei Drittel zurückgegangen. „Wir haben versucht, das über österreichische Exportfinanzierungen auszugleichen“, sagt Binder+Co-Chef Karl Grabner, „aber die 15 Prozent Zinsen konnten unsere Kunden nicht stemmen. Aber trotzdem, wir glauben weiter an die Region.“ Was bleibt Grabner auch übrig? Durch die geografische und kulturelle Nähe lassen sich in Osteuropa eben leichter margenstarke Großanlagen umsetzen als in Übersee.

Assekuranzen als Hoffnungsmarkt
Christian Rosner, Chef des IT-Ausrüsters S&T, hat im Osten ebenfalls Federn lassen müssen, will aber trotzdem dort bleiben. Rosner sieht auch die positive Seite der Krise: „In den Jahren zuvor sind doch die Löhne dort zweistellig gestiegen. Das ist vorbei. Die Region ist damit wieder wettbewerbsfähig geworden.“ Und außerdem: „Das alles ist doch Jammern auf hohem Niveau“, ätzt Konstantin Klien. Der Uniqa-Boss hat gut lachen. In der Assekuranzbranche zählt das Wachstum der Versicherungsprämien als harte Währung. Und das ist, wie etwa in der Ukraine, bei der Uniqa um 60 Prozent gestiegen. Obwohl der Markt gleichzeitig um 25 Prozent eingebrochen ist. Im Geschäft mit der Sicherheit lassen sich im Osten höhere Wachstumsraten erzielen als im Westen – bei gleichzeitig geringerem Kapitaleinsatz. Sicher ein Grund dafür, warum die Versicherungswirtschaft im Osteuropa-Geschäftsklimaindex der Kontrollbank genau die Branche ist, die am hoffnungsvollsten in die Zukunft blickt.

Börsen haben kräftig angezogen
Voller Hoffnung waren seit dem Tiefpunkt im vergangenen Jahr auch die Investoren an Osteuropas Börsen: Ausgehend vom März des Vorjahres, konnte Russland um 162 Prozent, Ungarn um 111 und Polen um 80 Prozent zulegen. Analysten sind dennoch gespalten, was die Region angeht, auch weil die Ost-Börsen, verglichen mit ihren Pendants aus anderen Schwellenländern wie Indien, noch mit einem Abschlag von 30 Prozent zu haben sind. Lohnt der Einstieg noch? „Das ist die Millionen-Dollar-Frage“, sagt Alexandre Dimitrov von der Erste Sparinvest, „aber immerhin fließt seit 2010 mehr Finanzkapital in die Region hinein als hinaus.“ Andreas Morgenbesser von Volksbank Investments befürchtet aber, dass das Kapital schnell wieder weg ist, wenn in den USA die Wirtschaft nicht endlich nachhaltig anspringt. Fazit, so Fondsmanager Zoltan Koch von Raiffeisen: „Die Situation ist zerbrechlich.“

Neue Chancen in Osteuropa?
Vielleicht ist aber auch ein Stück zerbrochen, das sich nicht mehr kitten lässt. Rupert Petry, als Berater bei Roland Berger kaum vom Abschwung betroffen und den Chancen Osteuropas gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, ist nachdenklich geworden. „Die Krise könnte zu nachhaltigen strukturellen Änderungen in der Region führen“, sagt Petry. So habe man noch vor der Krise geglaubt, der russische Automarkt werde den deutschen bald überholen, nennt der Berater ein Beispiel. „Stattdessen ist er um 45 Prozent eingebrochen, während der chinesische inzwischen der größte der Welt ist. Gut möglich, dass große Investments jetzt eben gleich nach Asien wandern. Das sollten auch österreichische Unternehmer im Auge behalten.“

Arndt Müller, Barbara Nothegger

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