Ein Jahr nach der Lehman-Pleite: Wie die Krise eine neue Weltordnung schafft

Ein Jahr Finanzkrise, und es scheint, als hätte sie nicht stattgefunden: Die Börsen boomen, die Politik zögert mit Regulierungen. Doch die Krise ist nicht vorbei, und hinter dem zarten Aufschwung ordnet sich die Welt neu.

Der Mann, der die Weltwirtschaft vor einem Jahr in den Abgrund gestürzt hat, trägt ein dunkles Fleecehemd und graue Shorts. „Wenigstens haben Sie keine Pistole dabei“, sagt er zur Reuters-Reporterin, die ihn als Einzige zum Jahrestag der Lehman-Pleite aufgetrieben hat, indem sie ihn bei seinem Landhaus in den Rocky Mountains abpasste. Am Vormittag war er wandern. Nun blickt er in den Fluss, der an seinem Haus vorbeifließt, und seufzt. Richard Fuld, der seinen Spitznamen „Gorilla“ liebte und Leh­man Brothers in wenigen Jahren zur treibenden Kraft unter den Investmentbanken machte, sieht sich heute als Sündenbock.

Beginn der Abwärtsspirale
Als seine Bank am 15. September 2008 Konkurs anmelden musste und die US-­Regierung nichts unternahm, um sie zu ­retten, stand das globale Finanzsystem für einige Wochen an der Kippe. In der Kombination aus Leerverkäufen, Kreditderivaten (CDS) und dem totalen Vertrauensverlust trudelte die Bankenwelt in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale. Schon am Tag darauf griff die US-Regierung AIG unter die Arme, eine Bank nach der anderen geriet in den Sog und musste gerettet werden. Mit Island stürzte ein ganzes Land fast in den Bank­rott. Die Weltwirtschaft ­begab sich auf eine Talfahrt, wie man sie seit 1929 nicht erlebt hatte. Die Gesamtkosten der Krise sind exorbitant: Als Nobelpreisträger Joseph Stiglitz die Kosten der Finanzkrise im August 2008 mit tausend Milliarden Dollar bezifferte, erntete er Kopfschütteln. Nun errechnete die Commerzbank, dass die Krise allein bis Ende 2010 mehr als das Zehnfache verschlingt: 10.500 Milliarden Dollar kosten die Bankenrettungen, Konjunkturpakete und der Abschwung der Weltwirtschaft. Das sind 1.500 Dollar für jeden Erdenbürger. Den Löwenanteil trägt die Allgemeinheit.

Es gibt kein Zurück
Wirft man einen Blick auf die Börsen, scheint die Krise nicht stattgefunden zu haben: Die Kurse stehen wieder auf dem Niveau vor dem Einbruch, die Risikoaufschläge haben sich normalisiert, und die Banken vergeben munter Milliardenboni an ihre Angestellten – und zwar dank Staatshilfe mehr, als sie überhaupt Gewinn machen. Auch die Politik atmet durch und klammert sich an die ersten, zarten Zeichen des Aufschwungs: Der Welthandel nimmt langsam Fahrt auf, dank China ziehen die Exporte wieder an. Doch hinter dem zarten Aufschwungspflänzchen rollt die Krise weiter: Die Massenarbeitslosigkeit setzt jetzt gerade erst ein, in zahlreichen Entwicklungsländern gibt es Hungeraufstände. Die Weltordnung ist mit der Lehman-Pleite ins Wanken geraten – und sie wird nicht in dieselben Strukturen zurückfallen. Vier Gründe dafür:

1. Verschuldete Industriestaaten
Allein in den ersten zwei Monaten wurden über 3.000 Milliarden an staatlichen Garantien und 577 Milliarden Dollar an Eigenkapital an die Banken vergeben. Es folgte eine Welle von Konjunkturpaketen, die die trudelnde Realwirtschaft auffingen und die Staaten in unerhörte Schuldenstände manövrierten: 11 Billionen Dollar Schulden haben allein die USA heuer. Der Schuldenberg wird noch auf 15 Billionen anwachsen – mehr als das gesamte US-BIP. Während einige Schwellenländer die Konjunktur­pakete aus ihren Reserven finanzieren ­konnten, nahmen die Industrieländer Geld auf wie nie zuvor. Der Spargedanke, der seit 2003 die Politik prägte, wurde innerhalb von Tagen pulverisiert. Und die Verschuldung ist noch nicht zu Ende: Letzte Woche beschlossen die Finanzminister der G-20, dass die Konjunkturstützung weitergehen müsse. Doch hohe Schulden schwächen das Vertrauen in die Staaten – und ihre Währungen.

2. Zu viel Geld auf der Welt
Im Kern der Finanzkrise stand das enorme Wachstum der Geldmenge – einerseits durch die ­Notenbanken, andererseits durch Kreditver­gabe und die Überbewertung von allen möglichen „Assets“ von Immobilien bis Derivaten. Damit das Schiff nicht auf Grund läuft und die Welt nicht in die Deflation rutscht – in verschuldeten Gesellschaften ein sicherer Weg in Masseninsolvenzen –, mussten die Notenbanken die Zinsen auf fast null senken und noch mehr Geld ins ­System pumpen, und sie machen damit weiter. „Es ist leicht, Geld zu vergeben – aber verdammt schwer, es wieder zurück­zuholen“, warnt Hedgefonds-Manager George Soros, der das Anwachsen der ­„Superblase“ seit den 1980ern beobachtet und den Crash vorhersagte. „Die Kunst wird sein, recht­zeitig die Geldmenge einzuschränken – über Notenbanken, aber auch Kreditbeschränkungen –, ohne die Wirtschaft zu dämpfen.“ Sonst droht Inflation – und die nächste Stufe der Superbubble.

3. Der Schrott ist noch da
Ein Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman Bro­thers weiß man nun zwar, dass eine ganze Menge giftiger Papiere in den Bilanzen der Banken, Unternehmen und öffentlichen Haushalte liegen – doch wer sie hat und wann sie „zuschlagen“, ist unklar. Die amerikanische Finanzaufsicht errechnete vor kurzem, dass das Verhältnis zwischen faulen Krediten und Reserven in den US-­Banken schon bei 63,5 Prozent liegt – gefährlich hoch. Doch der Großteil ist über die Welt verteilt, und da vor allem in Europa: Ein Drittel der Schrottpapiere soll in Deutschland liegen. Nicht umsonst warnten die G-20-Finanzminister vergangene Woche, dass den europäischen Banken die großen Wertberichtigungen erst bevorstehen – und damit eine Verlängerung der Krise.

4. Anhaltende Kreditklemme
„Diese Panik und Rezession ist ein Wendepunkt für das Finanzsystem und die Wirtschaft“, meint Mark Zandi, Prognose-Experte bei Moody’s. „Das bedeutet: weniger Risiko für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte, und damit weniger Kredite.“ Die Zahlen geben ihm Recht: Die Konsumkredite gingen in den USA zuletzt um 9,3 Prozent zurück – ein Einbruch in einem Land, dessen Wirtschaftswachstum seit Jahrzehnten auf Kreditexpansion und Konsum aufbaut. Die derzeitige Erholung geht auch tatsächlich nicht vom US-Konsumenten aus, sondern kommt aus China, das bis vor kurzem selbst vom US-Konsum abhängig war. Nun geht die Abhängigkeit zurück – und das führt zur größten Umwälzung.

5. China lässt den Dollar fallen
China stützt den Hauptabsatzmarkt USA seit ­Jahren durch den massiven Ankauf von Staatsanleihen. Über eine Billion Dollar an Reserven hat die kommunistische Führung angehäuft. Schon länger versuchen die Chinesen, der gegenseitigen Abhängigkeit unauffällig zu entkommen, ohne dabei den Dollar so sehr zu schwächen, dass es sie selbst trifft. Beim G-20-Gipfel in London verlangte China eine neue, globale Reserve­währung, die den Dollar ablösen sollte – und brachte die mächtigsten Volkswirtschaften dazu, sie über Sonderziehungsrechte des IWF im Ansatz sogar einzuführen. Die USA weigern sich derzeit, an solchen Diskussionen auch nur teilzunehmen. „Die Welt erwartet, dass der Dollar die globale Reservewährung bleibt“, sagte US-Finanzminister Tim Geithner erst vor ein paar ­Tagen. Doch nun scheint der Geduldsfaden der Chinesen gerissen: Am 28. September werfen sie erstmals eigene Staatsanleihen auf den Markt. Es ist ein Frontalangriff auf die Leitwährung – der Dollar sackte sofort ab, Gold kletterte in der Panik über Ver­werfungen im globalen Währungssystem auf über 1.000 Dollar.
Macht China weiter Ernst und zündet damit den Funken für einen globalen Vertrauensverlust in den Dollar, sind die Folgen für die USA kaum abzuschätzen: Das enorme Defizit und die anhaltend negative Leistungsbilanz führen für sie nur deshalb nicht in die Falle, weil der Dollar die Leitwährung ist und sie Schulden im Zweifelsfall weginflationieren können – wird doch ohnehin der Welthandel in ­Dollar abgerechnet und kaufen doch ohnehin alle Dollar-Staatsanleihen.
Doch diese Ära scheint unwiderruflich zu Ende zu gehen. Joseph Stiglitz meint klar: „Das Dollar-System bröckelt. Die Frage ist nur, ob wir den Übergang in geordneter Weise schaffen oder ob er planlos vonstatten geht.“ Damit hat die Finanzkrise eine Entwicklung beschleunigt, die sich seit Jahren abzeichnete: Das globale Gewicht der Weltmacht USA nimmt schleichend ab, und China nimmt sich – gemeinsam mit anderen Schwellenländern wie Indien – schneller als erwartet Raum auf der Bühne der Weltpolitik. Schon in der Krisenlösung ist das offensichtlich: Es sind nicht die G-8, die das Ruder in der Hand halten, sondern die G-20, in denen China und Indien wachsendes Gewicht haben.

Zögerliche Politik
Angesichts dieser Verwerfungen wirken die Bemühungen der Politik, die Finanzmärkte zu reformieren, eigenartig zurückhaltend. Die UNO legte zwar umfassende Reformvorschläge vor – sie verhallten allerdings fast ungehört, hatten die Großmächte sich doch darauf geeinigt, dass die 20 größten Volkswirtschaften der Welt das Gremium für die Neuordnung der Welt seien. Doch auch die G-20 haben an Drive verloren. War vor dem ersten Gipfel in London im April noch von einer „Neuordnung der Weltwirtschaft“ die Rede, einem „neuen Bretton Woods“ – also auch einem neuen Währungssystem – und globalen Institutionen zur Regulierung und Aufsicht der Finanzmärkte, konzentriert man sich nun auf Detailfragen wie Eigenkapitalvorschriften für Banken, Bonussysteme für Manager und die Fortschreibung von ­Konjunkturpaketen. „Es fehlt nach wie vor eine globale Ebene, auf der diese Dinge diskutiert und geregelt werden könnten“, meint Erhard Busek, der das Forum Alpbach der Vertrauens­krise und der Neuordnung der Welt infolge der Krise widmete. Joseph Stiglitz, der neuerdings zu Abendessen mit Obama ins Weiße Haus geladen wird, spart ebenfalls nicht mit Kritik und vermisst die große Reform: „Meiner Meinung nach hat die Obama-Administration dem politischen Druck und der Panikmache der Großbanken nachgegeben und hat deswegen die Rettung von Bankern und Aktionären mit der Rettung der Banken verwechselt.“ Doch: „Die Regeln der Marktwirtschaft umzuschreiben – und zwar in einer Weise, dass diejenigen, die der Weltwirtschaft so viel Leid verschafft haben, profitieren – ist mehr als nur teuer. Den Gesellschaftsvertrag sollte man nicht leichtfertig zerreißen.“

Versäumnisse der G-20
Zentrale Punkte sind auf der To-do-Lis­te der G-20 offenbar weit nach hinten gerutscht:
Eine globale Finanzmarktaufsicht scheint in weiter Ferne – das im April aufgewertete Financial Stability Board, das die Vorstufe sein sollte, konzentriert sich bei Sitzungen in einem Schweizer Bergdorf derzeit auf neue Bonusregeln.
Das Thema Steueroasen steht zwar auf der Tagesordnung, doch „alle Territorien und Produkte“ zu erfassen scheint derzeit utopisch: In den USA (Delaware) und Großbritannien (Jersey) etwa werden nach wie vor munter Trusts gegründet – sehr zum Ärger der „Graue-Liste-Staaten“ wie Österreich.
Die Kapitalvorschriften für Banken werden zwar verschärft – doch Vorschriften für gefährliche Finanzprodukte gibt es nicht. Für George Soros wären gerade diese ­zentral, vor allem was die Kreditversicherungs-Derivate Credit Default Swaps (CDS) angeht – ein Produkt, das die Finanzkrise massiv beschleunigte: „Der Verkauf von CDS sollte verboten werden, sie sind ein toxisches Produkt, das man nur auf Verschreibung verabreichen sollte. CDS zu kaufen ist wie eine Versicherung auf das Leben einer Person abzuschließen und zugleich die Lizenz zu erwerben, sie zu töten.“
Ein neues Währungs­system ist schließlich eben­falls nicht in Sicht: Die USA weisen jeden Versuch, den Dollar als Leitwährung anzutasten, erbost zurück.
Ein Jahr nach Ausbruch der globalen Wirtschaftskrise rollen ihre Effekte also weniger spektakulär, aber umso gewaltiger weiter. Der Lerneffekt daraus scheint allerdings begrenzt. Ein Beispiel dafür ist der Mann, der vor einem Jahr die Finanzmärkte an den Abgrund führte. Richard Fuld, der Ex-Lehman-Chef, sagt heute als Bilanz: „Ich bin kein Defätist. Ich glaube fest daran, dass am Ende des Tages die Guten gewinnen. Daran glaube ich wirklich.“ Fuld meint sich selbst.

Von Corinna Milborn

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