Ehemaliger CA-General im FORMAT-Interview: "Ich mache mir große Sorgen"

Die Banken müssen wieder konservativer werden, sagt der legendäre Chef der Creditanstalt, Heinrich Treichl, 95, im FORMAT-Exklusivinterview.

Format: Macht Ihnen die aktuelle Krise am Finanzmarkt Angst?
Heinrich Treichl : Wenn ich von mir rede, dann rede ich von einem Pensionisten und Bankkunden, aber nicht von einem Bankleiter. Natürlich macht mir diese Krise Angst und große Sorgen. Ich glaube, dass es eine sehr ernste Krise ist.
Format: Warum?
Treichl: Weil die weltweite Verflechtung so groß ist, dass das ganze System gefährdet ist. Man soll auch nicht übersehen,
dass jede ernstere Bankkrise auch Folgen auf die Realwirtschaft hat.
Format: Kann man das, was jetzt passiert, mit der Weltwirtschaftskrise 1929 vergleichen?
Treichl: Oberflächlich wahrscheinlich ja. In den Ursachen wahrscheinlich nicht so sehr.
Format: Was ist anders?
Treichl: Ich glaube, dass 1929 die ersten Ursachen realwirtschaftliche waren. Es waren die Folgen der deutschen Reparationszahlungen, es waren Zusammenbrüche der Industrie, die eine bedeutende Rolle gespielt haben. Das ist jetzt ganz sicher nicht der Fall. Die Krise jetzt ist selbst gestrickt von der Finanzwirtschaft.
Format: Wie konnte es dazu kommen? Waren die Bankchefs zu gierig?
Treichl: Die veröffentlichten Bezüge von einigen amerikanischen Bankenchefs sind erstaunlich hoch und werden zwangsläufig sehr viel Unwillen erregen. Das ist sicher ein Missverhältnis zwischen Leistung und Einkommen, besonders wenn Banken so schlecht geführt sind. Es war wie eine Seifenblase, die irgendwann einmal platzt.
Format: Haben Sie die Krise jetzt erwartet?
Treichl: Ich habe eine gewisse Scheu gehabt, als ich versuchte, zu verstehen, welche wirklichen Risken in den neuen Instrumenten der Veranlagung liegen. Das ist für mich nicht mehr durchschaubar und daher unheimlich gewesen. Ein merkwürdiges Phänomen ist, dass die Bankwirtschaft sehr stark modeunterworfen ist. Wenn eines oder zwei der führenden Institute etwas machen, dann machen es die anderen nach.
Format: Auch wenn sie selbst gar nicht genau verstehen, was sie da tun?
Treichl: Ja.
Format: Müssen aus Ihrer Sicht die Banken wieder konservativer werden?
Treichl: Ja, eine Bankführung soll konservativ sein, Angst vor Neuerungen haben und wenig protzen. Die amerikanischen Banken sind zum Teil nicht sehr gut geführt gewesen. Dort ist man ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Und im Bankwesen ist diese Neigung eine Gefahr.
Format: Machen Sie sich besondere Sorgen um Ihre ehemalige Bank, die Creditanstalt, die mittlerweile zur Bank Austria wurde und der UniCredit gehört?
Treichl: Nein. Ich hab gar keine näheren Kenntnisse. Aber ich glaube nicht, dass die Creditanstalt sehr weit in diesen hochgefährlichen konstruierten Veranlagungen engagiert ist. Wie die österreichischen Banken überhaupt, Gott sei Dank, etwas fern von den großen internationalen Entwicklungen waren.
Format: Agiert aus Ihrer Sicht die Notenbank richtig, wenn sie versucht, so viel Geld wie nötig ins System zu pumpen?
Treichl: Ja. Bankenkrisen beginnen fast immer mit einer Liquiditätskrise. Und dass die Notenbanken, deren Aufgabe es ja ist, den Bankenapparat mit Liquidität zu versorgen, jetzt eingreifen, halte ich für absolut richtig. Und es scheint mir geboten zu sein, dass es ein Maximum an internationaler Zusammenarbeit der Notenbanken gibt. Garantien der Regierung für die Sparguthaben sind auch richtig. Aber das sind halt Beruhigungspillen.
Format: Manche vergleichen den Fall der Wall Street jetzt mit dem Fall der Mauer 1989. Glauben Sie das auch?
Treichl: Nein. Aber dass das System gefährdet ist, daran besteht kein Zweifel. Das ist deutlich sichtbar.
Format: In Ihrem Buch bezeichnen Sie sich als Liberaler im klassischen Sinn und sagen, der Kapitalismus braucht einen ethischen Ordnungsrahmen, dessen Einhaltung überwacht werden muss. Liegt der Fehler derzeit im Ordnungsrahmen oder in der Überwachung?
Treichl: Den Ordnungsrahmen bezog ich nicht auf Bankgeschäfte, sondern auf die Wirtschaftsordnung. Der Rahmen ist durchaus annehmbar. Leider stößt man unter den Institutionen, die die nationalen Kontrollen besorgen, auf schwache Besetzungen. Es ist leider wirklich verdammt schwer, in eine Bankbilanz hineinzuschauen und die Schwachstellen zu sehen.
Format: Haben Sie in den vergangenen Wochen auch Geld verloren?
Treichl: Nein, ich glaube nicht. Aber nur weil ich meine Ersparnisse konservativ und primitiv angelegt habe.
Format: Am Sparbuch?
Treichl: Bankguthaben und Obligationen.
Format: Was wünschen Sie sich für eine Regierung?
Treichl: Eine schwarz-grüne.
Format: Und wenn man realistisch sein muss, immerhin hat Schwarz-Grün ja keine Mehrheit, was wäre dann Ihre Wahl?
Treichl: Ich bin ein Gegner der großen Koalition. Ich wäre für ein anderes Wahlrecht, ein Mehrheitswahlrecht.
Format: Macht Ihnen der Rechtsruck der jungen Wähler Sorgen?
Treichl: Ja, ich finde diese Führersehnsucht erschreckend. Es wäre eine Aufgabe für die Regierung, sich um die Jugend und ihre politische Bildung zu kümmern.

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