Düstere Zeiten in der Industrie: Im Herbst erwartet die Wirtschaft eine Pleitewelle

Zehntausende Jobs sind für immer verloren. Ein irreversibler Strukturwandel hat eingesetzt. Was Österreich bleibt: hohe Staatsschulden und steigende Arbeitslosenraten.

Es war „ein Fall ins Bodenlose“, sagt Peter Mitterbauer. Seit 40 Jahren ist der mittlerweile 66-jährige Chef des Autozulieferers Miba AG im ­Geschäft, doch die vergangenen zwölf Monate übertreffen alles bisher Erlebte. Nach der Lehman-Pleite brach das globale Banksystem zusammen, danach die Automobilindustrie und am Ende die Weltwirtschaft. „Für ein exportorientiertes Land wie Österreich war das ein gefährlicher Mix“, sagt Mitter­bauer. Die Miba AG, die Autokonzerne mit Gleitlagern und Reibbelägen versorgt, bekam das besonders hart zu spüren. Das verdeutlicht ein Blick in die aktuelle Halbjahresbilanz: Der Umsatz brach um 25 Prozent ein, der operative Gewinn stürzte von 24 Millionen Euro im Vorjahr auf nunmehr rund zwei Millionen Euro ab. „Wir müssen schlanker werden“, weiß Mitterbauer. Seit Jahresbeginn baute er daher rund 300 Mitarbeiter oder zehn ­Prozent der Konzernbelegschaft ab. 120 schickte er in Kurzarbeit. Ob das reichen wird, weiß derzeit keiner. So gut wie sicher ist: Viele Aufträge sind für immer verloren. „Eine längerfristige Investitions- oder Liquiditätsplanung ist fast ­unmöglich. Wir fahren im dichten Nebel.“

„Haben eine Strukturkrise.“
Im Nebel fahren derzeit viele. Manche glauben zwar wieder etwas Licht zu sehen und können wie der Linzer Stahlkonzern Voest berichten, dass weite Teile der Kurzarbeit aufgehoben werden. Doch keiner bestreitet, dass die Zeiten düster sind: Die Wirtschaft wird heuer zwischen drei und fünf Prozent schrumpfen (siehe Grafik ) , je nachdem, welchen Experten man traut. Die Exportwirtschaft ist froh, wenn sie auf ­Jahressicht ein Minus von 15 Prozent schafft (siehe Grafik ) . Eine Pleitewelle und deutlich mehr Arbeitslose sollen im Herbst kommen. Vor allem in der Industrie, der Speerspitze der heimischen Wirtschaft, werden Zehntausende Jobs verloren gehen (siehe Grafik ) . Und mit hohen Staatsschulden werden die Österreicher noch lange zu kämpfen haben. „Wir werden am Ende der Krise nicht weniger Arbeitsplätze haben, aber viele werden etwas anderes tun“, sagt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Für ihn ist das, was Österreich derzeit durchmacht, nicht nur eine Finanz-, sondern auch eine Strukturkrise. Arbeitsplätze im automotiven Bereich gehen verloren, neue entstehen in andere Sektoren wie etwa im Bereich Energie- und Umwelttechnologie. Ein Jahr nach Lehman ist Österreichs Wirtschaft deutlich im Umbruch. Den Crash hat man überlebt, aber die Folgen sind noch nicht verdaut.

Arbeitsmarkt in der Bredouille
Die Finanzbranche, von der die Schockwellen ausgingen, ist hierzulande von Massenentlassungen verschont worden. In der Realwirtschaft hingegen sind Kurzarbeit und Kündigungen nicht zu vermeiden. 292.497 Personen (siehe Grafik ) waren zuletzt arbeitslos gemeldet oder in Schulungen des Arbeitsmarktservices (AMS). Das entspricht der Einwohnerzahl von Linz, Klagenfurt und Eisenstadt zusammen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit wird sich auch in den kommenden Monaten um rund 55.000 Personen im Jahresvergleich fortsetzen. 2010 sei mit einem monatlichen Anstieg um 40.000 bis 45.000 Betroffene zu rechnen. „Das Ende der Krise am Arbeitsmarkt ist derzeit nicht absehbar“, sagt AMS-Chef Herbert Buchinger. Dafür sei ein Wirtschaftswachstum von zumindest 2,5 Prozent notwendig. Das ist nicht in Sicht. Dafür wird es heuer um 15 Prozent mehr Pleiten geben, erwartet der Kreditschutzverband. Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der Insolvenzen um neun Prozent auf 3.448 Fälle. Durch die Reform des Insolvenzrechtes versucht die Regierung, überlebensfähige Betriebe zu sanieren und nicht zu zerschlagen.

Finanzierung verzweifelt gesucht
„Die Unternehmen müssen sich jetzt, ob erfolgreich oder nicht, jedenfalls neu ­aufstellen“, sagt Mitterlehner. Das heißt, sie müssen neue Märkte finden, neue Produkte aus dem Hut zaubern und gleichzeitig die Kostenstrukturen überdenken. „Zum Glück sind wir nicht zur Gänze von der Autoindustrie abhängig“, sagt der frühere Chef der Industriellenvereinigung, Mitterbauer, der auch Kraftwerke zu seinen Kunden zählt. „In diesem Bereich sind die Umsätze relativ stabil.“ Auch frisches Geld für neue Investitionen aufzustellen ist schwer. Denn die Banken knausern mit Krediten – auch wenn sich eine Kreditklemme an den Zahlen der Notenbank nicht ablesen lässt. Darlehen sind trotz Zinssenkung nicht billiger geworden, weil die Banken unsicher sind, mehr Pleiten erwarten und ihre Eigenkapitalpolster auffüllen. Sogar Unternehmen wie der ­erfolgsverwöhnte Sportmotorradhersteller KTM haben es schwer bei den Banken. Weil die Umsätze um mehr als 20 Prozent eingebrochen sind und in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres ein Verlust von 66,8 Millionen Euro angehäuft wurde, kommt KTM-Chef Stefan Pierer nur mit Ach und Krach an Finanzie­rungen ran. Pierer sucht fieberhaft nach alternativen Geldquellen und kämpft ­weiter ums Überleben nach dem Crash.

Ein Loch im Staatsbudget
Für Unmut unter den Firmenbossen sorgt daher, dass es für die Wirtschaft keine Soforthilfen gab, während die Banken bereits im Oktober des Vorjahres mit 100 Milliarden Euro gerettet wurden. Erst vor kurzem wurden 15 Milliarden Haftungen davon für Industriebetriebe zur Verfügung gestellt. Um ein Gefühl für diese Zahlen zu bekommen: Man müsste 2.800 Jahre alt werden, damit das menschliche Herz 100 Milliarden Mal schlägt.
Aber in der Krise hieß es für den Staat klotzen, nicht kleckern: Mit Konjunkturpaketen und einer Steuerreform wurde in Österreich versucht, die Realwirtschaft anzukurbeln. Was auf jeden Fall davon bleiben wird, ist ein riesiges Minus im Staatshaushalt. Allein heuer werden die Staatsschulden um 16,8 Milliarden Euro steigen. Wie viel Geld das ist? Wenn man 100-Euro-Scheine aneinanderreiht und immer 30 Scheine nebeneinander legt, würde der so entstandene Geldteppich vom Neusiedler bis zum Bodensee reichen.

Es muss gespart werden
Heuer werden die Staatsschulden mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen. 2013 sollen es dann laut Rechnung des Finanzministerium, die viele als zu optimistisch beurteilen, 78,5 Prozent des BIP sein. Das wären 245 Milliar­den Euro. Bernhard Felderer, der Chef des Staatsschulden­ausschusses, mahnt aus diesem Grund eindringlich, mehr zu sparen. Fragt sich nur, wo. Radikal neue und billigere Verwaltungsstrukturen sind in einem föderalistischen Land wie Österreich undenkbar. Sparpakete, bei denen Sozialleistungen gekürzt werden, gelten als realistischer. Auch höhere Steuern werden nach der Krise wohl kommen wie das Amen im Gebet, auch wenn dies die ­Politiker jetzt noch dementieren. Eine stark gestiegene Inflationsrate (siehe Grafik ) wäre zwar für den Abbau der Schulden gut. Allerdings würde auch das Volksvermögen schrumpfen, zudem bedeu­ten hohe Teuerungsraten große Schwierigkeiten für Unternehmen.

Österreich weniger wettbewerbsfähig
Der den Österreichern sympathische Weg des Einfach-nichts-Tun ist auch nicht überzeugend: Denn schon jetzt fließt gleich viel Geld in Zinszahlungen wie das Jahresbudget für die Schulen, Universitäten und die Kunst ausmacht. Außerdem bremst die hohe Abgabenquote die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Schon im jüngsten „Global Competitiveness ­Report“ des Weltwirtschaftsforums verlor Österreich drei Plätze und landete auf dem 17. Rang. Der oberste Staatsschulden-Manager Felderer: „Wenn wir zu denen gehören, die es nicht schaffen, die Schulden zu reduzieren, dann wird uns der Finanzmarkt bestrafen.“

Von Miriam Koch und Ashwien Sankholkar

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