"Du, Herr Porsche": Ein Erbe der reichsten heimischen Autodynastie tanzt aus der Reihe

Daniell Porsche, Spross der Autodynastie und Betreiber einer Waldorfschule, über den VW-Porsche-Deal, den Graben zwischen den Porsches und Piëchs und seinen bescheidenen Lebensstil.

Wenn Daniell Porsche in der Pause den Gang der Waldorfschule in St. Jakob entlangschlendert, stürmen die Jugendlichen sofort auf ihn zu. Sie schütteln ihm die Hand, umarmen ihn, kämpfen mit ihm. Unter den Jugendlichen wirkt der 36-Jährige wie ein junger Bursche, der gerade erst die Schule abgeschlossen hat. „Du, Herr Porsche“, sagt einer, „ich hab im Fernsehen die Porsche-Story gesehen. Kennst du auch den Ferry Porsche?“ Der 36-Jährige erklärt verstohlen: „Das ist mein Großvater.“

Waldorfschule und Buchautor
Daniell Porsches Familie ist mit sagenhaften 24,5 Milliarden Euro Vermögen der reichste Clan des Landes. Daniell selbst ist in seiner Generation größter Einzelaktionär der Sportwagenschmiede Porsche und der Salzburger Porsche Holding. Doch er ist anders als die meisten seiner 80 Verwandten. Seine Vorfahren waren Ingenieure, Konstrukteure, Geschäftsleute. Seine Cousins sind Manager, Designer und Wirtschaftsprüfer. Daniell hingegen ist ausgebildeter Musiktherapeut, Anthroposoph und betreibt die Waldorfschule in St. Jakob am Thurn nahe Salzburg. Im November kommt sein neuer Gedichtband mit dem Titel „Ein Porsche geht auf Reisen“ heraus. Der Band erscheint vor dem Hintergrund großer Umwälzungen: Die Stuttgarter Sportwagenschmiede wird Teil der VW-Gruppe, und die Porsches und Piëchs müssen ihre Macht künftig mit anderen Aktionären teilen. Im FORMAT-Interview spricht Daniell Porsche erstmals über die Veränderungen und die Zwistigkeiten innerhalb der Familie.

Krise verstärkt Identifikation
FORMAT: Herr Porsche, Sie tragen ein T-Shirt mit einem Porsche-Abzeichen. Ich bin überrascht, einen Waldorf-Schulbetreiber habe ich mir anders vorgestellt.
Porsche: Seit die Probleme in unseren Firmen vor ein paar Monaten begonnen haben, habe ich dieses T-Shirt oft an. Ich habe das Gefühl, mich noch stärker mit Porsche zu identifizieren.
FORMAT: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie über die Liebe zu Porsche. Was ist Ihre Liebe zu Porsche?
Porsche: Ich durfte meinen Urgroßvater Ferdinand leider nicht kennen lernen. Sein Wunsch, ein Auto zu bauen, das es am Markt nicht gab, ist für mich die Liebe zu Porsche. Es war freilich eine schwierige Zeit damals. Seine Idee war aber genial und zugleich einfach. Bereits beim Käfer konnte ein Damenstrumpf einen gerissenen Keilriemen ersetzen. Neue Entwicklungen bei Porsche kommen heute immer noch mit wenig Schnickschnack aus. Alles hat seine Funktion. Und natürlich, Porsche hat es neben der Schnelligkeit und den technischen Anforderungen geschafft, eine Formensprache zu finden, die bei vielen Porsche-Kunden Zuneigung hervorruft.

"Kein Problem damit, dass VW Porsche kauft"
FORMAT: Sie schreiben auch von der Tragik, die in den Veränderungen der Porsche-Welt liegt. Was ist so tragisch daran, Sie sind immerhin jetzt Anteilseigner einer wesentlich größeren Firma?
Porsche: VW ist vor allem politisch beeinflusst. Je größer ein Unternehmen, desto größer sind die Probleme. Desto weiter werden auch die Strecken zwischen Vorstand und -Arbeitern, desto schwieriger wird es, das gesamte Vehikel zu überblicken. Leider sind wirtschaftliche Probleme vorhanden. Porsche hat immer deutlich versucht, interne Probleme menschlich anzugehen. Bei größeren Betrieben geht das eher verloren.
FORMAT: Sie wirken wehmütig.
Porsche: Ich habe kein Problem damit, ob Porsche VW kauft oder umgekehrt. Beide Unternehmen haben den gleichen Ursprung, nämlich meinen Urgroßvater. Ich finde es gut, dass sie wieder auf einen Zweig zusammenkommen. Nur die Art und Weise lässt noch Fragen offen.

Piëch und Porsches: "Unterschiedliche Interessen"
FORMAT: Die Integration von VW und Porsche ist für 2011, vielleicht früher, angestrebt. Wackelt der Termin?
Porsche: Wenn man einen Geschäftsplan macht, hält man sich nicht zuletzt an die Erfahrungen, die man bereits gemacht hat. Derzeit bin ich vorsichtiger und vorausschauender als vielleicht bisher. Wenn es keine gröberen Schwierigkeiten gibt, ist 2011 realistisch.
FORMAT: Sie sprechen die Zwistigkeiten innerhalb der Familie an. Die Porsches wollten VW übernehmen, die Piëchs das Unternehmen unter das VW-Dach bekommen. Nun ist VW-Aufsichtsrat Ferdinand Piëch als Sieger aus dem Streit hervorgegangen. Wie verstehen Sie sich mit ihm?
Porsche: Ich verstehe mich mit allen Familienmitgliedern sehr gut. Auf der menschlichen Ebene sowieso. Auf der wirtschaftlichen Ebene gibt es immer unterschiedliche Wünsche. Jeder hat unterschiedliche Interessen. Leider wurden Vereinbarungen gemacht, die nicht so eingehalten wurden, wie ich mir das vorstellte.

"Von Wiedeking persönlich nicht enttäuscht"
FORMAT: Hat sich Porsche in der Übernahme mit VW verspekuliert?
Porsche: Nicht Porsche hat sich verspekuliert, sondern ein paar wenige Menschen, die mit den Finanzen unserer Firma betraut waren und sich zu sehr darauf verlassen haben, dass der Börsenboom weitergeht. Wenn ich die großen finanziellen Freiräume von Porsche auf eine Karte setze, die möglicherweise verspielt werden kann, dann ist das verantwortungslos.
FORMAT: Sind Sie vom Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking enttäuscht?
Porsche: Er hat uns in den Jahren nach seinem Eintritt in den Konzern sehr viel geholfen und gebracht. Ich bin nicht von ihm als Person enttäuscht. Im Nachhinein könnte man sagen, er hätte einiges besser überprüfen müssen. Wenn man so wie er in relativ kurzer Zeit so viel Erfolg hat, neigt man dazu, sich relativ sicher zu wähnen. Und diese Ruhe hat ihm möglicherweise im rechten Moment die entsprechende Information gekostet.

"Soziales Gewissen" der Familie
FORMAT: Was sagt Ihre Großfamilie zu Ihrem sozialen Engagement?
Porsche: Da und dort gibt es ein Schmunzeln. Einige wissen es auch zu schätzen, dass es einen in der Familie gibt, der sich mit eigener Hand sozialen Projekten widmet. In einem Buch werde ich als das „soziale Gewissen“ der Familie bezeichnet. Ich würde mir wünschen, dass ab und an doch noch mehr finanzielle Unterstützung aus der Großfamilie hin zu meinen Projekten käme. Abgesehen davon spenden selbstverständlich auch andere Mitglieder der Familie für soziale Projekte.
FORMAT: Eine Tätigkeit bei Porsche haben Sie nie angestrebt? Sie würden vielleicht wesentlich mehr Menschen etwas Gutes tun können als hier in St. Jakob?
Porsche: Es ist unendlich schwierig, als ein Herr Porsche in der eigenen Firma aufzutreten und dort etwas bewirken zu wollen. Mit der Schule gebe ich den Menschen das zurück, was ich in unserer Firma geben würde – freilich mit einer gewissen Umwegrentabilität. Hier in St. Jakob bin ich unbeeinflusst und frei.

"Jeder hat das Recht, glücklich zu sein"
FORMAT: Sie erhalten im Jahr rund zehn Millionen Euro Dividende. Macht Ihnen so viel Geld manchmal nicht Angst?
Porsche: Nein, denn ich weiß, was ich damit mache und wie ich damit umgehe. Ich habe so viele Projekte im Kopf, die ich gerne umsetzen würde. Außerdem bleiben mir nach Abzug der Steuern und des Fruchtgenusses meines Vaters vielleicht zwei oder drei Millionen Euro. Und 2008 gab es ohnehin kaum eine Dividende. Gerade so viel, dass die Sozialprojekte existieren konnten.
FORMAT: Nicht alle in Ihrer Familie sind so bescheiden wie Sie. Was sagen Sie zu jenen, die in Saus und Braus leben?
Porsche: Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein, und jeder ist mit anderen Dingen zufrieden. Ich sitze oft am Traktor, mache das Brennholz und andere Arbeiten, die um meine Projekte herum anfallen. Das macht mich glücklich, und ich akzeptiere, wenn es bei anderen nicht so ist.

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