Drei gegen die Libor-Mafia

Die kleine österreichische Futures-Fonds-Gesellschaft FTC hat als Erste in den USA eine Sammelklage gegen die weltweiten Libor-Manipulationen eingereicht. Die Chancen auf Erfolg stehen nicht so schlecht.

Drei gegen die Libor-Mafia

Rolf Majcen ist ein Kämpfer, zäh und ausdauernd. Drei Jahre war er Offizier beim österreichischen Bundesheer. Er war der erste Österreicher, der an den drei bedeutendsten Wettkämpfen im Ski-Bergsteigen teilgenommen hat. Und er ist Treppenläufer. Beim Empire State Building Run Up im Jahr 2000 schaffte er die 1.576 Stufen bis zur Aussichtsplattform im 86. Stockwerk als Neunter. Die Zeit: knapp elf Minuten.

Eduard Pomeranz ist ein kunstsinniger Trader. Seine Pomeranz Collection umfasst internationale zeitgenössische Künstler und wird gerade im Jüdischen Museum in Wien ausgestellt. Aber die finanzielle Basis für seine Sammlerleidenschaft hat er mit der Gründung der FTC, einer Futures-Fonds-Gesellschaft, geschaffen. 150 Millionen Euro verwaltet sie. Die Fonds rangieren regelmäßig unter den Top-Performern.

Bernhard Scherer ist Wissenschaftler mit Ausbildung zum Diplomökonomen an den Universitäten Augsburg und London. Bis 2010 war er Professor an der EDEHEC Business School in London. Die Liste seiner Veröffentlichungen und Bücher füllt drei Seiten. Aber seine Berufserfahrung reicht auch von J.P. Morgan, Morgan Stanley, Sal. Oppenheim, Schroders bis eben jetzt zum Chief Investment Officer bei FTC.

Der Kampf beginnt

Was die drei Männer eint, ist nicht nur, dass sie das Führungstrio der Fondsgesellschaft FTC bilden. Sie sind auch die Ersten, die den juristischen Kampf gegen die durch das betrügerische Libor-Kartell entstandenen Schäden für Anleger aufgenommen haben. Und das sogar lange bevor der Skandal jetzt seinen medialen Höhepunkt erreicht hat. Schon vor mehr als einem Jahr, am 15. April 2011, hat die FTC in New York und in Chicago Sammelklagen gegen die damals 14 Banken, die den Libor (London Interbank Offered Rate) berechneten, eingebracht.

Die Österreicher waren damit die Ersten, die wegen der betrügerischen Manipulation jenes Zinssatzes, der Basis für Geldgeschäfte im Wert von Hunderten Billionen Euro ist, rechtliche Schritte unternommen haben. Die Klage bezieht sich konkret auf von ihnen durchgeführte Terminkontrakte auf Euro-Dollar-Basis. Durch einen "unechten“ Libor-Satz können hier ungerechtfertigte Verluste für Anleger entstehen.

Obwohl auf der gegnerischen Seite die mächtigsten Banken der Welt stehen, hat das Unterfangen nichts von einem Kampf David gegen Goliath an sich. Denn FTC-Manager Majcen ist nicht nur Treppenläufer, sondern auch Jurist - und zwar mit profunder Kenntnis im Bereich Sammelklagen nach amerikanischem Recht. Majcen: "Ich beschäftige mich als Jurist seit sieben Jahren mit dem Thema Sammelklagen. Deshalb haben wir bei FTC ein Screeningsystem installiert, das filtert, ob von uns durchgeführte Transaktionen von irgendwelchen Betrugsfällen auf der ganzen Welt betroffen sind.“

Erste Verdachtsmomente

Anfang 2011 war es so weit. Es gab erste Presseberichte über mögliche Libor-Manipulationen. Mitte März 2011 kam ein weiterer Stein ins Rollen, als die schweizerische Großbank UBS zur Erklärung ihrer außergewöhnlich hohen Rückstellungen aufgefordert wurde. Der Grund für die Bildung der Sicherheiten: erste Untersuchungen des SEC, des amerikanischen Justizministeriums und der British Bankers Association gegen die UBS wegen Verdachts von Libor-Manipulationen. Die Schweizer ahnten wohl bereits, was das für Konsequenzen für sie haben könnte.

Daraufhin reagierte FTC rasch. Majcen: "Wir waren in einer ähnlichen Sache bereits einmal erfolgreich. 2004 wurde in den USA eine Klage gegen 24 Gasgesellschaften wegen möglicher Preisabsprachen eingereicht. Eine Analyse ergab, dass einer unserer Fonds im kritischen Zeitraum Erdgas-Futures gehandelt hatte. Wir machten unsere Ansprüche geltend und erhielten einen Scheck über 110.000 US-Dollar. Das Geld wurde dem Fondsvermögen zur Gänze gutgeschrieben.“

Der Aufwand für die Klage gegen die 14 Banken, denen die Manipulation vorgeworfen wird, ist erstaunlich gering. FTC hat in den USA ein auf Sammelklagen spezialisiertes Anwaltsbüro beauftragt. Das Honorar dieser Kanzlei fällt aber nur im Erfolgsfall an. Auch für die gegenerischen Anwälte muss im Falle eines abschlägigen Urteils kein Honorar bezahlt werden. "Das US-Sammelklagerecht ist das klägerfreundlichste Recht der Welt“, sagt Majcen, "auf einen Rechtsstreit in einem anderen Land hätten wir uns nie eingelassen.“

Mittlerweile hat es in der Affäre erste Geständnisse gegeben. Und daraus ergab sich ein Bild der Finanzwelt, das den Begriff der "Bankster“ beinahe harmlos erscheinen lässt. Der Libor wurde nach den Interessen der Investmenttrader der großen Banken schamlos manipuliert. Sie trafen Absprachen mit den Geldhändlern der 18 Banken, die jenen Zinssatz melden, zu dem sie bereit wären, sich untereinander Geld zu leihen. Aus diesen Meldungen wird dann, nach Abzug der vier höchsten und vier niedrigsten Werte, der Libor ermittelt (siehe Schaubild ).

"Sonst bin ich tot.“

Das von Untersuchungsbehörden mitgeschnittene Gespräch eines Investmentbankers von Barclays mit einem Geldhändler, in dem er ihn um eine manipulierte Meldung anfleht, ist mittlerweile zum Symbol für die Vorgangsweise im Skandal geworden: "Wenn der Satz unverändert bleibt, bin ich ein toter Mann.“ Und tags darauf der erlösende Anruf: "Komm bei mir vorbei, wir öffnen eine Flasche Bollinger.“

Barclays-Chef Bob Diamond ist mittlerweile zurückgetreten, und die Untersuchungen im Libor-Skandal laufen auf Hochtouren. Majcen: "Seit der Einreichung unserer Klage hat sich sehr viel getan. Die amerikanischen und die britischen Aufsichtsbehörden haben hervorragende Arbeit geleistet.“

Klagswelle

Mittelerweile sind es natürlich nicht mehr nur die Österreicher, die vor Gericht ziehen. Eine Flut von Klagen wird die beteiligten Banken überrollen. Dabei reicht es, wenn jener von FTC Recht gegeben wird. Betroffene können daraufhin ebenfalls ihre Ansprüche geltend machen. Morgan Stanley schätzt die Kosten, die durch Klagen auf die Banken zukommen werden, auf rund acht Milliarden Dollar (siehe Grafik ).

Wie hoch die Ansprüche für FTC und andere Kläger sein werden, können auch versierteste Ökonomen nicht einschätzen. Um das genau festzustellen, müsste jede einzelne Komastelle, um die der Libor manipuliert wurde, bewiesen werden und dann für jede zu diesem Zeitpunkt getätigte Transaktion der richtige Wert ermittelt werden - ein unrealistisches Unterfangen. Alleine das gesamte Volumen von Euro-Dollar-Futures, die im Jahr 2011 gehandelt wurden, soll sich auf 564 Billionen Dollar belaufen.

Es werden daher wohl Sachverständige eruieren, wie hoch die durchschnittliche Schadenssumme angesetzt werden soll. Sammelklagen enden in den USA in der Regel deshalb auch mit einem Vergleich. "Die UBS hat beispielsweise mit dem US-Ministerium bereits eine Vereinbarung abgeschlossen, wonach sie nur für einen gedeckelten Maximalbetrag haftet, falls sie Schadenersatzzahlungen in einer Kartellrechtsklage nach US-Recht leisten müsste“, weiß Majcen. Auch das ein Beleg dafür, wie sehr sich manche Institute vor einer Schadenersatz-Lawine fürchten.

Warnung ohne Erfolg

Eine Frage wird dabei wohl offen bleiben: Hat die Bank of England durch bewusstes Wegschauen von den Manipulationen des Libor nicht nur gewusst, sondern sie auch geduldet? Denn ein niedriger Libor nützt Kreditnehmern. Und so könnte britischen Häuslbauern im Krisenjahr 2008 die Belastung durch Kreditraten erleichtert worden sein. US-Finanzminister Timothy Geithner wies den Boss der Bank of England, Mervin King, bereits damals auf die Manipulierbarkeit des Libor hin. Ohne Erfolg. FTC-Investmentmanager Scherer: "Der Libor ist ja auch ein Indikator, ob Banken unter Stress stehen. Und der Libor hat sich 2008 anders bewegt, als es die Preise für Kreditausfallversicherungen impliziert haben.“

Neben der Schadenersatzforderung für ihre Kunden ist für die drei Kämpfer gegen das Libor-Kartell auch die Frage nach Gerechtigkeit von Bedeutung. "Der Libor ist eine große Sache“, sagt Majcen, "wenn auch dieser ganz einfach manipuliert werden kann, ist das Vertrauen in die Finanzwelt endgültig dahin. Und dagegen kämpfen wir auch.“

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Wegbereiter einer neuen Industrie

Mit dem Schlagwort Industrie 4.0 werden revolutionäre Änderungen der …

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Comeback der Krise?

Auffällig viele Topunternehmen schreiben Verluste, eine Besserung der …

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Innovation - der wichtigste Rohstoff

Im Wettkampf der Regionen muss Österreich noch stärker auf …

50 Millionen Euro Umsatz macht die von Ronnie Seunig gegründete Excalibur City pro Jahr und schafft 500 Jobs. Roger Seunig tritt in die Fußstapfen seines Vaters und setzt dessen pittoreske Visionen fort.
 

Roger Seunig - der Ritter von Kleinhaugsdorf

Roger Seunig übernimmt von seinem Vater das Billig-Paradies Excalibur …