Doping am Arbeitsplatz: Am gefährdetsten sind Manager, Kreative und Ärzte

Gesellschaft auf Speed: Die Krise verstärkt Leistungsdruck und Angst vor Jobverlust. Immer mehr Manager pushen sich chemisch durch die Krise. Medikamente wie Ritalin werden als Aufputschmittel missbraucht, Pharmafirmen verdienen daran Milliarden.

Schnell, schneller, es dreht sich alles in atemberaubender Geschwindigkeit. Wenn ich stehen bleibe, falle ich von diesem rasenden Karussell, dann ist alles aus.“ Thomas K. sprudelt vor Worten, die Kiefer mahlen, der Blick zuckt. Im Aschenbecher glimmt eine Zigarette, er zündet eine zweite an und drückt sie wieder aus. K. hat mit 19 begonnen, in der Finanzbranche zu arbeiten – das war vor 20 Jahren. Lange Zeit nahm er gelegentlich Kokain und Amphetamine – „das gehörte in den 1980ern zum guten Ton“. So viel wie jetzt war es noch nie: Drei Gramm pro Tag braucht er mittlerweile, um beim Höllenritt durch die Krise nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Einnahmen blieben aus; um die Engpässe zu überbrücken, nahm K. immer neue Kredite auf. Sein Schuldenberg ist Schwindel erregend. „Es liegt wohl auch an der Selbstüberschätzung auf Kokain, dass ich mir immer wahnwitzigere Projekte ausdachte und diese den Banken auch noch überzeugend verkaufen konnte“, sagt K. Aussteigen ist nicht drin: Das Haus ist nicht abbezahlt, das Kind in der Privatschule, die Freunde fahren Porsche. Um den gesellschaftlichen Absturz zu vermeiden, nimmt K. den körperlichen in Kauf und arbeitet weiter, 16 Stunden, 18 Stunden am Tag, angetrieben von weißem Pulver und Tabletten. Drogensüchtig? K. lacht nervös. „Ich doch nicht! Ich brauche das nur zum Arbeiten, nur derzeit. Dann trete ich wieder leiser.“

Spitzenkräfte auf Psychopharmaka
Im Spitzensport wird gegen die chemische Leistungssteigerung mittlerweile hart durchgegriffen. Im brutalen Verdrängungskampf in der Arbeitswelt hingegen ist Doping verbreitet wie nie. Die Angst um den Arbeitsplatz, der steigende Leistungsdruck und die aufgeputschte Konkurrenz treiben die Verkaufszahlen für legale wie illegale Muntermacher in die Höhe. Längst zählt Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Entzugsinstituts, nicht mehr nur Drogenabhängige aus der Straßenszene zu seiner Hauptklientel. „Immer mehr Büroarbeiter, vor allem Spitzenkräfte, die organisch gesund sind, greifen zu Psycho- und Neuropharmaka und Kokain mit dem Ziel, den Berufsalltag besser bewältigen zu können.“ Doping am Arbeitsplatz ist nicht neu. Seit sich die Arbeitswelt mit Beginn der Industrialisierung schneller dreht, kommen Aufputscher und Beruhigungsmittel zum Einsatz: Erst zogen die legalen, altbewährten und gesellschaftlich akzep­tierten wie Koffein, Nikotin, Alkohol und pflanzliche Mittel von Guaraná bis Bal­drian in den Arbeitsalltag ein. Schon Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich Kokain in der Arbeitswelt aus, dann kamen – im Gefolge von Massenausgaben an Soldaten – die künstlichen Wachmacher namens Amphetamine. Heute nimmt der Konsum wieder enorm zu.

Das Management frisst seine Kinder
Grund: Der Leistungsdruck steigt – und mit der Krise verschärft sich der Konkurrenzkampf im Büro. Schon seit 1991 sinkt die Zahl der Krankenstände. Allerdings: Die Zahl der Ausfallstage aufgrund psychischer Erkrankungen ist gleichzeitig um gravierende 125 Prozent gestiegen (siehe Grafik ) . Jüngsten Schätzungen der Arbeiterkammer zufolge sind mittlerweile 1,5 Millionen Österreicher Burn-out-gefährdet. Immer mehr retten sich chemisch aus den Leistungstiefs. Zur Hauptrisikogruppe zählen Manager, Krea­tive und Ärzte. „Sie sind besonders leistungsorientiert und haben besonders hohe Ansprüche an sich“, analysiert Musalek. „Die Versagensangst wird gern mit ent­sprechenden Mitteln behandelt.“ Bei vielen Führungskräften, aber auch bei mittleren und einfachen Arbeitnehmern habe sich deshalb ein Ge- und Missbrauch von leistungssteigernden Substanzen eingebürgert. Wiens Drogenbeauftragter Alexander David: „Das Suchtverhalten hängt stark mit dem Zeitaufwand für das Arbeitsleben zusammen: Die Arbeitsstunden steigen, abends geht man zu einem Afterwork-Clubbing mit Kollegen, am Wochenende wird aufgearbeitet. Die Freizeit kann nicht mehr genossen werden, auch im Bett geht nichts mehr. Das Management frisst seine Kinder.“

Amphetamin-Konsum im Anstieg
Die Krise wirkt doppelt, fürchtet Musalek: „Einerseits geraten die Menschen noch mehr unter Druck und greifen zu Mitteln, die kurzfristig helfen, aber langfristig zu Depressionen führen. Andererseits werden sie sich nicht in Behandlung begeben, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren.“ Die Folge: Der Konsum von Leistungsboostern boomt. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz am AKH Wien: „Vor allem im kompetitiven Bereich werden gern Amphetamine und Kokain eingesetzt. Männer greifen eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen zu beruhigenden, angstlösenden.“ Für den Werber Christian Wurzer war Kokain das Mittel, das ihn jahrelang von Erfolg zu Erfolg trug. „Es geht damit ganz kurz ganz steil bergauf. Kokain zeigt momentan eine Abkürzung, erweist sich dann aber als Einbahnstraße“, sagt der Creative Director, der mittlerweile auf grünen Tee und Meditation umgestiegen ist (siehe Interview ) . Doch auch außerhalb der Werbe- und Kreativbranche ist Kokain stärker nachgefragt denn je. „2006 wurden in Österreich 61,8 kg Kokain sichergestellt, ein Jahr später 78 kg. Wir erwarten, dass die Menge im Bericht 2008 wieder gestiegen ist“, so Bundesdrogenkoordinator Franz Pietsch. Der Preis sei außerdem deutlich gesunken (siehe Tabelle ) . „Früher hat schlechtes Koks pro Gramm noch 3.500 Schilling gekostet. Heute kostet ein Gramm guter Qualität auf der Straße 50 bis 60 Euro, maximal 100 Euro. Amphetamine sind noch viel billiger, viele steigen aus Kostengründen daher auch um“, berichtet Wiens Drogenbeauftragter Alexander David.

Leistungsdrogen und Brainbooster
Doch die Drogen der Nullerjahre haben mit Genuss wenig zu tun: Saubere Leis­tungssteigerung ist das Gebot der Stunde. Den größten Anstieg verzeichnen verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin, Modafinil oder Provigil – Amphetaminhaltige Aufputscher, die zweckentfremdet zur Leistungssteigerung eingesetzt werden. Ritalin ist eigentlich ein Arzneimittel für Kinder mit Aufmerksamkeits­defiziten. Bei gesunden Erwachsenen steigert es die Konzentration. Modafinil (als Provigil im US-Handel) ist ebenfalls ein Amphetamin, das etwa an die Piloten der US Air Force ausgegeben wird. Auch amphetaminhaltige Appetitzügler und Diätpillen sind als Aufputscher beliebt. „Ich habe sehr viel Modafinil genommen, als ich mein erstes Start-up auf die Beine stellte und daneben voll arbeitete. Ohne Modafinil hätte ich es nicht geschafft“, erzählt ein Jungunternehmer, der in London eine Firma aufbaute. „Es verschafft mir einen seltsamen Konzentrationsschub und erlaubt mir, zwölf Stunden wie ein Tier zu ackern und Ummengen technischer Arbeit zu erledigen, besonders mit etwas Koffein kombiniert.“ Ein Trader wiederum erzählt: „Du kannst mit Ritalin so lange aufbleiben, wie du willst, und danach trotzdem gut schlafen. Es macht nicht high – nur extrem konzentriert.“ Die Gehirndoping-Mittel werden quer durch die Branchen eingesetzt – unter Managern genauso wie unter Ärzten, die nach Nachtdiensten noch konzentriert operieren wollen. Eine Umfrage des Magazins „Nature“ unter Forschern ergab gar, dass mehr als 60 Prozent der Naturwissenschaftler bereits Ritalin genommen haben, um besser zu arbeiten – und das, obwohl die Neben- und Langzeitwirkungen auf Gesunde noch gar nicht erforscht sind.

Umsatz verneunzigfacht  
Nun erreicht das Doping aus der Apotheke die Masse. In Österreich ist der Jahresumsatz mit solchen Psychostimulantien von 1998 bis 2008 explodiert – von 21.303 auf rund 1,8 Millionen Euro, zeigt IMS Health Austria, das den Medikamentenverbrauch von Apotheken, Krankenhäusern und Direktgeschäft erhebt. Der Löwenanteil geht zwar auf den Einsatz bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten zurück, doch ein guter Teil davon kommt am Arbeitsplatz der gestressten Eltern zum Einsatz. „Ich muss sehr genau darauf achten, dass Eltern nicht viel zu oft Rezepte für Ritalin abholen“, erzählt ein Wiener Kinderpsychiater, „viele nehmen die Pillen selbst.“ Laut einer Studie der deutschen DAK hat sich bereits jeder 20. Arbeitnehmer – als Gesunder – mindestens einmal mit solchen Arzneimitteln beholfen. Das sind in Deutschland zwei Millionen Beschäftigte. Knapp die Hälfte davon würde diese Medikamente sogar regelmäßig und sehr gezielt einnehmen. „In Österreich schätzen wir die Zahl der Medikamentenabhängigen auf 120.000, Tendenz steigend. Dazu kommt die hohe Dunkelziffer jener, die Missbrauch betreiben. Wenn auch der Alkohol nach wie vor führend ist, ist diese Anzahl bereits erklecklich.“

Gewinner: Pharmafirmen
Die neue Art von Drogen macht die Drogenmafias obsolet: Den Treibstoff der Krise gibt es in der Apotheke. Die Medikamente werden über Freunde und Familie oder in Onlineshops besorgt. Die Sucht mache, so Drogen­expertin Gabriele Fischer, vor Lügen nicht Halt: „Gang und gäbe ist das sogenannte Ärzte-Hopping, bei dem die Betroffenen Erkrankungen wie Narkolepsie oder Ähnliches vortäuschen.“ Anleitungen zur korrekten Simulation der richtigen Symptome finden sich zuhauf im Internet. Dort boomt auch der Markt mit Designer-Aufputschern: Zugeschnitten auf Zielgruppen wie „Partykids“ oder „Leistungsträger“, geistern auch illegale Aufputschpillen durchs Netz. Den größten Gewinn mit dem Doping macht die Pharmaindustrie – nicht nur im Sport, wo Athleten als Versuchskaninchen und Werbeträger fungieren, sondern nun auch in der Arbeitswelt. Die Wirkstoffe von Ritalin und Provigil bescheren den Medikamentenproduzenten Novartis und Cephalon Umsätze, die längst nicht mehr mit steigenden Krankenzahlen korrelieren. Novartis macht mit Ritalin weltweit inzwischen 375 Millionen Dollar Umsatz (die österreichischen Zahlen wollte der Konzern auf FORMAT-Anfrage nicht nennen), US-Konkurrent Johnson & Johnson lukriert mit dem Präparat Concerta 930 Millionen. Wer die Pillen nicht zwecks Heilung, sondern zur Leistungssteigerung einsetzt, muss allerdings tricksen. Entsprechend lauter werden die Rufe nach einer Freigabe der „Brainbooster“ als Lifestylemedikamente.

Der lange Weg zurück
Doch das Vertrauen auf die chemische Stütze ist nicht ohne Risiko. Das musste Gerhard L. feststellen. Mit dem Frühlingsbeginn hat er das Bärlauchpflücken wiederentdeckt. Jeden Tag spaziert er nun allein auf den nahe gelegenen Hügel und wieder zurück. Den Rest des Tages verbringt er mit Lesen, Fernsehen – und Warten auf den nächsten Besuch. Nur wenige Verwandte und Freunde wissen seine aktuelle Adresse: Anton-Proksch-Institut, Kalksburg – die bekannteste Wiener Entzugsanstalt für Suchtkranke. Erst kürzlich hat sich der 43-jährige Fondsmanager von seinem bisherigen Arbeitgeber getrennt. Die offizielle Begründung: Burn-out. Was unbemerkt blieb: Gerhard L. war bereits über drei Jahre lang schwer medikamentensüchtig. „Mein Job ist stressig. Nicht erst seit der Wirtschaftskrise. Irgendwann wurde mir bei einem Afterwork-Clubbing eine Aufputschtablette angeboten.“ Die Wirkung? „Kraft und Selbstwertgefühl sind zurückgekehrt. Zumindest für ein paar Stunden.“ So sei er in den Teufelskreis hin­eingerutscht. Am Schluss habe er die Pillen sogar am Arbeitsplatz eingenommen: am frühen Nachmittag das erste Amphetamin, ein sogenannter „Wachmacher“, nachts folgten Benzodiazepine und Tranquilizer wie Valium. Mit den ersten Anzeichen der globalen Finanzmisere im vergangenen Jahr sei der Erwartungsdruck im Job weiter gestiegen. Vor zwei Monaten folgten der psychische wie physische Zusammenbruch und der Wunsch nach Therapie. Angenehm sei der Aufenthalt in der streng kontrollierten Entzugsinstitution natürlich nicht, sagt L. „Aber die Sucht kommt einem Gefängnis noch viel näher.“

Von Nina Kreuzinger und Corinna Milborn

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