Diese Rose hat Dornen: Ein FORMAT-Lokalaugenschein auf Rosen-Fincas

Die Rosenindustrie wird seit Jahren für Pestizideinsatz und miserable Arbeitsbedingungen kritisiert. Wie die Branche für ein sauberes Image kämpft. Ein FORMAT-Bericht von Rosenfarmen in Ecuador.

Cayambe ist ein Ort voller Widersprüche. Die vielen Plastikzelte, in denen Millionen von Rosen mit so lieblichen Namen wie „Esperance“, „Milva“, und „Black Magic“ gedeihen, passen so gar nicht zur kargen Gebirgswelt der ecuadorianischen Anden. Fast jeder Bewohner hat eine Arbeitsstelle, doch fast jeder hat auch schlimme Geschichten zu erzählen. „Wenn sich der Chef erinnert hat, dann zahlte er den Lohn“, denkt die 29-jährige Mercedes an ihre letzte Arbeit in einer Rosenfarm, „und es kam vor, dass die Arbeiter Spritzmittel abbekamen und Augenentzündungen und Verätzungen davontrugen.“

Rosen-Hotspot Cayambe
Cayambe, auf 2.500 Meter Seehöhe zwischen mehreren Vulkanen gelegen, ist eines der Zentren der globalen Rosen­industrie. Klimatisch begünstigt, konzentrieren sich 200 Rosen-Fincas in der Gegend, insgesamt sind es in Ecuador 400 bis 500 – alle auf Export ausgerichtet. Mit Winterbeginn, wenn in österreichi­schen Gärtnereien der Rosenanbau fast nicht mehr möglich ist, kaufen Importeure verstärkt von Lieferanten aus Kenia, Tansania, Kolumbien und eben Cayambe. Rund 70 Prozent der 110 Millionen Rosen, die in Österreich jährlich abgesetzt werden, wurden außerhalb des Landes gezüchtet – wie hoch der Anteil Ecuadors ist, ist nicht dokumentiert. In der EU jedenfalls rangiert das südamerikanische Land nach Kenia und Kolumbien auf Platz drei der Rosenimporteure.

Gift in fast allen Blumen
Die schlimmen Arbeitsbedinungen und der massive Pestizideinsatz in der Pro­duktion sind seit Jahren vage bekannt. Das genaue Ausmaß nicht: Bei einer Unter­suchung von Stiftung Warentest 2007, bei der 2.700 Rosen in deutschen Märkten gekauft wurden, enthielten fast alle Stiele Rückstände von Giften. Bis zu 19 verschiedene Substanzen, darunter potenziell Krebs erregende Stoffe, wurden gefunden. Dazu kommt, dass die Arbeitsbedingungen in den Blumenplantagen selbst teilweise katastrophal sind. In Ecuador, so schätzt der Leiter des Instituts für Gesundheit an der Universidad Andina, Jaime Breilh, hält sich die Mehrheit der Rosenexporteure nicht an die Arbeits- und Gesundheitsgesetze. Und das, obwohl seit kurzem große Supermarktkonzerne wie die US-Kette Tesco und die Schweizer Migros ihre Ware über Gütesiegel wie Fairtrade und Flower Label Program (FLP) beziehen. Die Siegel kontrollieren hinsichtlich Pestizideinsatz und Sozialstandards streng – die Praktiken beim Großteil der Rosenfarmen ändern sich dadurch trotzdem nur langsam.

Pestizidspritzen ohne Schutz
Die wenigsten ecuadorianischen Farmbesitzer zeigen ihre Plantagen freiwillig fremden Besuchern. Eine der Ausnahmen ist Santiago Cosime Luzuriaga Guaricela. Sein Unternehmen mit dem klingenden Namen Bella Rosa verbirgt sich hinter hohen Mauern und einem schweren Tor mit Kameraüberwachung. Als vor gut 20 Jahren die alteingesessenen Hacienda-Besitzer Cayambes von der Rinderzucht auf die weitaus lukrativere Rosenindustrie umstiegen, gehörten die Bella-Rosa-Eigner zu den Ersten, die beim Boom dabei waren. Heute ist das Unternehmen ein Vorzeigebetrieb und führendes Mitglied beim Branchenverband Expoflores. Santiago führt durch die 27 Hektar großen überdachten Anbauflächen. Die reifen Rosen werden später mit dem Flugzeug in die USA, nach Russland, Europa und auch nach Österreich verfrachtet.

Zur Desinfektion ins Chlorbad
Bei Bella Rosa werden die Pflanzen täglich über die Bewässerung gedüngt. Zusätzlich werden sie rund einmal wöchentlich mit Pestiziden, vor allen gegen den verbreiteten Bodritis-Pilz, behandelt. Nach der Ernte werden die geschnittenen Rosen noch zur Desinfektion in Chlor gebadet. „Wir halten uns an alle Gesetze“, versichert Santiago. Wer als Laie bei Bella Rosa nach Verfehlungen sucht, wird nicht fündig. Wer Jaime Breilh heißt, vielleicht schon. Der Universitätsprofessor zertifizierte für das Gütesiegel FLP rund 60 Rosenproduzenten und kennt viele weitere Farmen von innen. „Dass die Leute beim Pestizideinsatz Schutzkleidung und Mundschutz tragen, heißt noch nichts. Um wirksam zu sein, muss man die Schutzbekleidung regelmäßig wechseln, und das tun die wenigsten“, sagt Breilh.

Chronische Vergiftung
Doch bei der Mehrzahl der Rosenfincas, so hat Breilh beobachtet, mangelt es schon an der Grundausstattung: an der Schutzbekleidung und an ordentlichen Stiefeln und Handschuhen für die Pestizidbehandlung. Es fehlen Duschen, wo sich die Mitarbeiter nach Spritzungen waschen können. Und die Angestellten werden nicht selten nach der Pestizidanwendung ohne Schonfrist gleich wieder in die Rosenhallen geschickt. Manchmal wird sogar während der Ernte gespritzt. „Wenn Menschen ungeschützt mit den Pestiziden in Berührung kommen, werden sie, auch bei niedriger Dosis, vergiftet. Leute, die über Wochen spritzen müssen, sind dann chronisch vergiftet. Nerven, Leber und Knochenmark werden geschädigt“, so Breilh.
Die Liste der Krankheiten, die der Universitätsprofessor bei Blumenarbeitern festgestellt hat, ist lang. Sie reicht von chronischen Kopfschmerzen und Händezittern bis hin zu Unfruchtbarkeit und Krebs.

Pestizide erlaubt - mit Einschränkungen
Fast alle Rosenerzeuger setzen Pestizide ein. Sogar Eduardo Letort. Der französischstämmige Ecuadorianer ist Besitzer der Finca Hoja Verde. Im Vorzimmer seines Büros duftet ein riesiger Strauß Rosen der Sorte „Vitality“. Normalerweise riechen Blumen nicht, die für den Export bestimmt sind und bis zu 20 Tage halten müssen. Doch „Vitality“ ist eine neue, vielversprechende Züchtung für westliche Blumenläden. Da sie wie die 75 anderen Rosensorten auf Hoja Verde wächst, muss auch Letort spritzen. Obwohl seine Plantage seit einigen Jahren von Fairtrade zertifiziert ist. Das Gütesiegel, wohl das weitaus strengste bei Rosen, verbietet zwar den Einsatz von besonders aggressiven Giftstoffen, grundsätzlich sind Pestizide aber erlaubt – wenn auch mit strikten Schutzmaßnahmen für die Arbeiter. „Immerhin 20 Prozent unserer Spritzmittel sind schon biologisch. Wir bemühen uns, diesen Anteil merklich zu erhöhen“, erzählt Letort.

Rosenfarmen in der Krise
Hoja Verde engagiert sich derzeit in einem Forschungsprojekt mit 20 weiteren Farmen in der Produktion von Bio-Rosen. Doch das Endprodukt ist derzeit noch so teuer, dass nur zwei Rosenerzeuger die Bio-Blumen im Sortiment führen. „Sobald die Konsumenten dafür bereit sind, gehen wir breiter auf den Markt“, erklärt Santia­go Saa vom Verband Expoflores. Doch derzeit sieht es nicht danach aus: Die ecuadorianische Rosenproduktion ist seit Anfang des Jahres um gut 35 Prozent eingebrochen, die Preise ebenfalls. Derzeit kostet ein Stück im Verkauf im Schnitt 22 bis 28 Cent. 40 Farmen, so Expoflores, haben in den vergangenen zehn Monaten dichtgemacht.

Warten auf den Lohn
Der ohnehin hohe Wettbewerbsdruck – die Hauptkonkurrenz, die Kolumbianer, zahlt wesentlich niedrigere Löhne – verschärft die Lage der Arbeiter. Viele klagen, seit Monaten kein Gehalt bekommen zu haben. „Die Kollegen in diesen Farmen arbeiten trotzdem weiter. Sie haben keine andere Möglichkeit“, erzählt Luz Quishpe. Die 25-Jährige pflückt bei Hoja Verde oft 350 bis 400 Stiele pro Tag. Ihre Freunde, die bei konventionellen Farmen arbeiten, beneiden sie: Vor dem Gang in die Rosenhallen bekommt Quishpe ein Frühstück, ihr Lohn wird pünktlich gezahlt, die Überstunden korrekt abgerechnet, und als sie ihr erstes Kind bekam, konnte sie in Mutterschutz gehen. „Auf Hoja Verde behandelt man uns freundlich, und wir werden nicht gedrängt, schwere Arbeiten zu machen“, sagt sie. Zusätzlich bekommen die Hoja-Verde-Arbeiter einen Fairtrade-Bonus. Zehn Cent pro verkaufte Rose fließen in einen Fonds, über den sie selbst – etwa für Ausbildung und Bau­kredite – verfügen können.

Fairtrade-Farmen sind die Ausnahme
Doch die Fairtrade-Farmen sind in der Minderheit. Gerade einmal sieben der rund 400 ecuadorianischen Farmen haben das Fairtrade-Siegel, 60 ein FLP-Zertifikat. „Bei den anderen 300 Plantagen sieht es oft katastrophal aus“, meint Uni-Professor Breilh. „Viele Arbeiter haben nicht einmal einen Vertrag. Wenn sie einen haben, wissen sie nicht, was drinsteht. Arbeitszeiten werden nicht eingehalten und Überstunden nicht gezahlt. Einige Firmen beschäftigen die Leute überhaupt nur über Subfirmen. In der Praxis gibt es auch noch Kinderarbeit.“ Das Problem in Ecuador: Im Umweltbereich existieren so gut wie keine Gesetze, wie für die Abwässer und das Recycling der alten Plastikplanen. Dort, wo es Gesetze gibt, etwa im Arbeitsbereich, werden sie nicht eingehalten. Keiner prüft.

Besserung kaum in Sicht
Der Branchenverband Expoflores hat mittlerweile auf die Kritik reagiert und ein eigenes Gütesiegel namens Flor Ecuador eingeführt – wie oft und wie streng kon­trolliert wird, ist aber offen. „Vor zehn Jahren hätte ich auch gesagt, dass es schlechte Kontrollen und Missbrauch gibt. Heute zeigen die Unternehmer aber wesentlich mehr Verantwortung“, rechtfertigt sich Santiago Saa von Expoflores, „und Unfälle sind nicht häufiger als in anderen Branchen.“ Die linksgerichtete Regierung hat sich nun zur Aufgabe gemacht, die Situation der Rosenarbeiter mit höheren Mindestlöhnen und dem Vorantreiben von Gewerkschaften zu ändern. Doch ob das die Arbeitsbedingungen ändern wird, ist fraglich. Viele Rosen-Impresarios würden mit höheren Lohnkosten wahrscheinlich eher Leute kündigen. „Solange der Rosenpreis so niedrig ist, können sich die Bedingungen nur schwer ändern“, sagt sogar Julio Oleas, Vizeminister für Außenhandel und Integration.

Druck von Konsumenten
Doch bei den Konsumenten in Europa und den USA zählen schon lange nicht mehr nur der Preis und die Haltbarkeit der Rosen: Bei Lukas Klimesch, einem der größten österreichischen Importeure – er beliefert die Rewe-Gruppe, die Blumenhandelskette B&B und zahlreiche Floristen –, stammen mittlerweile 75 Prozent der Rosen aus Fairtrade-Anbau. „Wir werden von unseren Kunden immer wieder zu Arbeitsbedingungen und Pestizideinsatz befragt“, erzählt Klimesch. Die Rewe-Gruppe etwa hat bei ihren Rosenprodukten seit heuer ausschließlich Fairtrade-Rosen im Sortiment. Die Blumenpyramide, die die heimischen Großmärkte beliefert, wird demnächst fair produzierte Blumen in die Produktpalette aufnehmen. Insgesamt wird 2009 der Anteil der Fairtrade-Rosen an allen Import-Rosen um satte 165 Prozent auf fast 20 Prozent zulegen. Doch offenbar ist das zu wenig.

Barbara Nothegger, Cayambe

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