Die Welt 2025: Das Ende der Globalisierung

Der Altmeister der Volkswirtschaftslehre entwirft ein globales Post-Krisen-Szenario. Sein Fazit: Die Menschen werden alle etwas schlanker.

Dieser Tage ist im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften der 429. Denkschriften-Band der "philosophisch-historischen Klasse“ erschienen (128 Seiten, 34 Euro). In zehn größeren Aufsätzen befassen sich Erich W. Streissler (Universität Wien) und Gunther Tichy (Universität Graz), die beiden österreichischen Doyens der Volkswirtschaftslehre, mit den jüngsten Verwerfungen der Welt-Ökonomie. Das Büchlein mit dem trockenen Titel "How to Forecast Economic Developments During and After Crises“ liest sich ein bisschen wie ein Resümee zweier zorniger alter Männer.

Tichy beschreibt eindringlich und nahezu händeringend, "wie es in den USA fast unmöglich war, die Augen vor der drohenden Finanzmarktkatastrophe zu verschließen“, so sein Vorwort. "Doch wurden alle Warnungen als zerstörerischer Defätismus abgetan.“ Streissler wiederum wagt im Schluss-Essay eine Vorausschau auf die großen Weltwirtschaftstrends für die nächsten zehn bis 15 Jahre ("Forecasting World Trends During the 2010s“), die sich auf fünf große Thesen verdichten lassen. "Meine Prognose-Erfahrungen sind ziemlich gut“, so seine selbstbewusste Einleitung. "Bisher bin ich in all meinen Vorhersagen zu 55 Prozent richtig gelegen.“

Zwei durchaus provokante Grundannahmen stehen in deren Mittelpunkt. Zum einen, dass die Finanzwerte, mit denen die Bruttosozialprodukte, also die Leistungsfähigkeit von Staaten (BIP), berechnet werden, vielfach inkorrekt seien. Denn wenn produzierte Güter nicht verkauft werden, seien die (oft überhöhten) Kosten der Erzeugung die Basis ihrer Bewertung. Werden sie aber verkauft, fließe nur der Rechnungsbetrag, nicht aber dessen Begleichung in die BIP-Kalkulation ein. Streissler: "Das haben wir ja im letzten Jahrzehnt mit den vielen Häusern erlebt, die etwa in den USA gebaut, aber nie bezahlt worden sind.“

Zum anderen weist Streissler darauf hin, dass sich - auf globaler Ebene - zirka seit der Jahrtausendwende dank hoher Sparquoten in Ländern wie China, Japan, Deutschland, aber auch Österreich ein "Überschuss an Weltersparnissen“ angehäuft hat. Diesem seien nicht ausreichend vielversprechende Investitionsmöglichkeiten gegenübergestanden. Große Teile wurden daher, "zumal in den USA, durch privaten und öffentlichen Konsum vernichtet“ oder an der produzierenden Wirtschaft vorbei in Staatsanleihen kanalisiert. "Die Staatsschuldenkrise hat aber gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt Streissler. "Nur in Pensionen, also letztlich in Konsum, zu investieren, wird überhaupt kein Wachstum bringen. Die Sparüberschüsse müssen in Innovationen fließen.“ Die zukunftsträchtigsten Investitionsmöglichkeiten ortet der Ökonom wenig überraschend in neuen Umwelttechnologien, wie er in seiner ersten These argumentiert.

1. Beschäftigungshoch durch Green Tech

Die laut Expertenprognosen in wenigen Jahrzehnten bevorstehende Erschöpfung fossiler Energiequellen bedingt zwangsweise die forcierte Entwicklung alternativer Energieformen. Nur diese können Öl, Gas und Kohle langfristig substituieren und gleichzeitig die schädlichen Folgen des Klimawandels zumindest in Schranken halten. "Im Gegensatz zu den Entwicklungen in der Computertechnologie, die den Boom in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre dominiert hat und extrem arbeitssparend war“, so Streissler, "werden bessere Umwelttechnologien - zumindest mittelfristig - noch sehr kosten-, vor allem aber auch arbeitsintensiv sein.

Die gute Nachricht dabei: Durch den notwendigen hohen Aufwand an Forschung und Entwicklung und die im Verhältnis zu industriellen Großproduktionen wie Raffinerien oder Kraftwerken zu Beginn der Substitutionsphase kleinen Einheiten alternativer Energieerzeugung wird die Intensivierung von "Green Technologies“ global gesehen zu einem hohen Beschäftigungsniveau führen. Streissler: "Wir treten in eine Periode ein, in der Umwelttechniken neue Arbeitsplätze schaffen und nicht wie zwischen 1995 und ’99 einsparen.“ Die schlechte Nachricht dabei: Bis grüne Technologien für den Ersatz herkömmlicher Quellen ausreichend Energie und damit die Aussicht auf vernünftige Erträge generieren, wird jede Menge dieses überschüssigen Weltsparkapitals gebunden sein. Und das, so die These Nummer zwei, dürfte das globale Business ziemlich einbremsen.

2. Einbruch des Wirtschaftswachstums

Streissler schätzt, dass sich in der kommenden Dekade die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten für Staaten, die in Sachen Green Tech zu den Innovationsführern zählen, "zwischen einem und maximal 1,5 Prozent“ bewegen werden. Bei jenen, die hinterherhinken, irgendwo zwischen null und 0,5 Prozent. "Ein halbes Prozent entspricht in etwa den japanischen Wachstumsraten in den 90er-Jahren. Die meisten europäischen Staaten steuern auf dieses japanische Szenario zu.“

Am schlimmsten dürfte es allerdings die USA treffen. Mehrere Experten-Berechnungen beziffern die Kosten der Krise in den Jahren 2008 und 2009 allein für die Vereinigten Staaten auf etwa 17 Billionen Dollar oder rund 120 Prozent des dortigen BIP. "Nimmt man die erwähnten inflationären Berechnungsmethoden, die vieles verschleiert haben, und diesen gigantischen Verlust an Wohlstand zusammen“, resümiert Streissler, "hatten die USA über das ganze letzte Jahrzehnt hinweg zumindest ein Nullwachstum, wenn nicht sogar eine schrumpfende Wirtschaft.“ Doch bevor der streitbare Professor, der seit Jahr und Tag das Ende der US-Vormachtstellung prophezeit, dies in seiner vierten These abermals postuliert, geht er auf einen dritten globalen Megatrend ein. Der wird, wie er lakonisch anmerkt, "alle Menschen etwas schlanker machen“.

3. Explosion der Lebensmittelpreise

Denn es stelle sich überhaupt die Frage, ob das BIP der relevante Maßstab für die zukünftige Entwicklung der Menschheit ist. Streissler: "Überleben können wir auch ohne Autos und Computer, aber nicht ohne Nahrung.“ Tatsächlich ist die Produktion von Nahrungsmitteln - hauptsächlich aufgrund neuer, verbesserter Saatgüter und Techniken - seit dem 18. Jahrhundert kontinuierlich stärker als die Produktion anderer Wirtschaftsgüter gewachsen. Seit etwa Mitte des vorigen Jahrzehnts hat diese Entwicklung jedoch - beeinflusst durch die Folgen des Klimawandels wie zum Beispiel Dürren, Verwüstung oder Temperaturschwankungen - ein Limit erreicht. Außerdem werden viele Anbauflächen für Getreide, Mais oder Reis der Bepflanzung durch erneuerbare Energiespender - von Raps bis Holz - zum Opfer fallen.

"Die Quintessenz davon ist, dass die Nahrungsmittelproduktion in Zukunft nur noch um vielleicht 0,5 bis 0,75 Prozent pro Jahr zunehmen wird, also deutlich weniger als das maximale Wirtschaftswachstum“, meint Streissler. "Das heißt umgekehrt, dass unser aller Essen, selbst wenn die Weltbevölkerung ab zirka 2050 nicht mehr weiter wächst, sehr bald deutlich teurer wird.“ Laut einer ökonomischen Faustregel beläuft sich der Anteil von Nahrungsmitteln derzeit auf etwa ein Achtel eines durchschnittlichen BIP. Laut Streissler soll es bis 2050 in etwa ein Drittel sein.

4. Ende der Dollar-Dominanz

In dem großen Bild, das der Ökonom von der Welt malt, ist diese in drei dominante Regionen aufgeteilt: Nordamerika, inklusive Australien und Neuseeland, den von Deutschland dominierten europäischen Raum sowie Südostasien mit China und, etwas weniger bedeutend, Indien. "Was die USA betrifft, ist deren zukünftiges Entwicklungspotenzial bei weitem überschätzt. In Wahrheit stehen die Staaten am Wendepunkt in Richtung Abstieg, gut möglich sogar kurz vor dem nächsten, ganz großen Finanzcrash“, so sein Urteil.

Die Hauptargumente: Durch die volkswirtschaftliche Konzentration auf den Finanzsektor seien die USA hinsichtlich industrieller Forschung & Entwicklung ins Hintertreffen geraten, was insgesamt gesehen zu einem schmerzhaften Verlust an Konkurrenzfähigkeit führt. Der Substitutionsprozess von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern bedroht zudem zentrale Großindustrien wie etwa den Automobilsektor. Bei jährlichen Leistungsbilanzdefiziten von etwa sieben, acht Prozent und einer momentanen Verschuldung in Höhe von etwa 105 Prozent des BIP "bewegen sie sich in griechische Dimensionen“, so der US-Kritiker. "Sie sind jetzt schon der Sklave von China, dem sie etwa 2,8 Billionen Dollar schulden.“ Und das Fazit: "Eher früher als später wird niemand mehr in den USA investieren wollen, und der Dollar wird seine Bedeutung verlieren. Es ist bloß die Frage, ob die USA sehr bald den wirklich großen Krach oder nur eine sehr lange, tiefe Depression erleben werden.“

5. Stillstand der Globalisierung

Auf Basis dieser vierten These postuliert der emeritierte Wiener Volkswirtschaftsprofessor im FORMAT-Gespräch nicht nur eine Pause, sondern gar ein "Ende der Globalisierung“. Einerseits werden die Überschüsse bei den Weltersparnissen schlicht und einfach kaum mehr in US-Schuldverschreibungen kanalisiert werden, was zu einem gesamtwirtschaftlichen Bedeutungsverlust der USA führen muss. Andererseits ist die europäische Leistungsbilanz, also die Differenz zwischen Ersparnissen und Investitionen, im Großen und Ganzen überraschend stabil.

"Die Eurozone hat ein Leistungsbilanzdefizit von etwa 0,5 Prozent. Rechnet man die starken Nicht-EU-Länder wie die Schweiz oder Norwegen dazu, bilanziert Europa im Grunde ausgeglichen und ist eigentlich autark“, begründet Streissler diese verblüffende These. "Das bedeutet aber meiner Meinung nach auch, dass die finanzielle Integration auf globaler Ebene abnehmen und wahrscheinlich durch eine stärkere Integration innerhalb der Blöcke ersetzt werden wird. Um ehrlich zu sein: Über diesen - gelinde gesagt - Stillstand der Globalisierung bin ich selbst erstaunt. Aber es ist eigentlich zwingend logisch: Denn das Ausmaß der Integration unserer Welt hängt von Kreditflüssen ab. Wenn man keine Schulden mehr machen kann, hört sich auch die Globalisierung auf.“

Zur Person: Erich Streissler, 79, gilt als Doyen der österreichischen Volkswirtschaftler. Der Jurist und akademisch geprüfte Statistiker wurde bereits im Alter von 28 Jahren als Professor für Statistik und Ökometrie an die Universität Freiburg berufen, wo er engen Kontakt mit August Friedrich von Hayek hielt. Von 1968 bis zur Emeritierung unterrichtete der oft kontroverse Ökonom an der Universität Wien.

- Rainer Himmelfreundpointner

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