Die USA kämpft um Wirtschaftswachstum, China rückt in Riesenschritten näher

Die USA kämpfen erbittert gegen einen neuerlichen Einbruch der Wirtschaft, während China der westlichen Supermacht in Riesenschritten näherrückt: Welche Folgen die neue Weltordnung für Europa und Österreich hat.

Ein großer Tisch, ein gelboranges Blumengesteck, eine Aktenmappe, ein Vertrag. Im Hintergrund Vizekanzler Josef Pröll und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, im Vordergrund der chinesische Vize-Ministerpräsident Zhang Dejiang und Denzel-Chef Alfred Stadler. Das Wiener Autohaus wird ab 2011 exakt 100 Stück chinesische Elektroautos vom Typ e6 der Marke BYD kaufen und sie in sein Car-Sharing-Programm aufnehmen. „Es ist ein Pilotprojekt, dem weitere folgen können“, erklärt Denzel- Pressesprecher Michael Röck die Vertragsunterzeichnung im Juni.

Kein Großauftrag, keine Rieseninvestition – und doch ist die Vertragsunterzeichnung in Wien eine Staatssache? Der bescheidene Deal zwischen Denzel und den Chinesen ist vielmehr ein Spiegelbild der größten Kräfteverschiebungen auf der globalen Wirtschaftsbühne: Die aufstrebende Großmacht China ist dabei, den USA als wirtschaftliche Supermacht den Rang abzujagen. Und zwar noch schneller, als Wirtschaftsexperten je vermuteten. Möglich, dass in naher Zukunft mehr chinesische Elektroautos auf Österreichs Straßen rollen als VW Golf oder Ford Fiesta.

China und die USA durchleben derzeit eine Wirtschaftsentwicklung, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnte. Die USA kämpfen erbittert gegen einen neuerlichen Einbruch des Wirtschaftswachstums, gegen den sogenannten „double dip“. Die Arbeitslosigkeit ist mit 9,5 Prozent auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren, ebenso die Verschuldung der privaten Haushalte. Gleichzeitig holt China mit atemberaubender Geschwindigkeit auf: Bereits 2006 löste das bis in die 80er-Jahre in Selbstisolation dämmernde Riesenreich die USA als größten Fahrzeugproduzenten der Welt ab.

2007 lief das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land Deutschland den Titel Exportweltmeister ab, und heuer verdrängt China den Nachbarn Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft – ein symbolischer Meilenstein, hatte doch Japan diese Position seit Ende der 60er-Jahre inne. In spätestens 20 Jahren, so eine Studie der Weltbank, wird China die USA bei der absoluten Wirtschaftsleistung überholen.

Europa – und auch Österreich – beobachtet die Neuordnung mit gemischten Gefühlen: Zum einen gibt es Ressentiments wegen Know-how-Diebstählen und drohender Risiken wie einer Immobilienblase. Zum anderen sieht man die riesigen Exportchancen. Unterm Strich dürfte Europa vom Duell der Supermächte profitieren. „Ich glaube fest an ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in China“, meint der Industrielle Hannes Androsch, der mit dem Leiterplattenhersteller AT&S eine der größten österreichischen Investitionen in China getätigt hat.

Vom Hoffnungsträger zur „lame duck“

Die größte Enttäuschung sind derzeit die USA. Im ersten Quartal 2010, und auch im letzten Halbjahr 2009, lief die US-Wirtschaft dank milliardenschwerer Konjunkturprogramme und einer historisch nie da gewesenen Niedrigzinspolitik gar nicht mal schlecht. US-Präsident Barack Obama prahlte noch, dass die Amerikaner die Finanzkrise wohl wesentlich schneller hinter sich bringen werden als Europa mit seinen verkrusteten Wirtschaftsstrukturen. Doch seit geraumer Zeit dürfte auch Obama beim Anblick der andauernd nach unten korrigierten Wachstumsprognosen die Spucke wegbleiben: Zuletzt rechneten Konjunkturexperten mit 2,5 bis drei Prozent, Pessimisten gehen gar von nur einem Prozent BIP-Zuwachs für 2010 aus. Vor einigen Monaten prophezeite man noch fünf Prozent. „Eine Realität, mit der die grundsätzlich optimistischen Amerikaner erst zu leben lernen müssen“, sagt Franz Rößler, österreichischer Handelsdelegierter in Chicago.

Die größte Sorge der Ökonomen ist dabei die hohe Arbeitslosigkeit. Knapp 15 Millionen Menschen waren im Juni ohne Job. Besonders paradox ist, dass sich die zu Jahresbeginn guten Wirtschaftsdaten nicht auf den Arbeitsmarkt niederschlugen. Ein neues Phänomen für die USA, wo traditionell das Arbeitsplatzangebot mit der Wirtschaft im Gleichklang wuchs.

„Es wurde offensichtlich viel zu wenig in Humankapital investiert, also in Fortbildungen und neue Arbeitszeitmodelle. Auf dem Weltmarkt agierende US-Konzerne rekrutieren daher jetzt eher im Ausland“, erklärt Rolf Langhammer, Vizechef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Zudem sind viele arbeitsintensive Branchen wie das produzierende Gewerbe und der Bau noch nicht wieder angesprungen.

Gerade für die USA ist die hohe Arbeitslosigkeit aber eine Katastrophe. Anders als Deutschland, dessen kleines Wirtschaftswunder auf einem Exportboom basiert, ist die US-Wirtschaft zu fast 70 Prozent vom Konsum abhängig. Und so ist die Rechnung einfach: Gehen die Amerikaner nicht shoppen, wächst ihre Wirtschaft nicht. Angesichts der bevorstehenden Kongresswahlen im November bringt Barack Obama aber keine neuen Konjunkturspritzen durch. „Die USA werden durch ein längeres, tieferes Tal gehen“, ist sich Langhammer sicher.

Indes machen die Amerikaner die Wirtschaftspolitik anderer Länder für ihre Misere verantwortlich: China, beklagte schon im Juni Finanzminister Timothy Geithner, halte seine Währung, den Yuan – auch Renminbi genannt – künstlich niedrig, um seine Exporte zu stimulieren. Die jüngsten Währungslockerungen seien da bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. „China spielt nicht mit fairen Regeln“, meint auch David Wyss, Chefökonom des Finanzdienstleisters Standard & Poor’s.

„Heute besser als gestern.“

Tatsächlich ist der Exportboom Chinas beeindruckend: Für 2010 wird ein weiterer Anstieg von 18 Prozent prognostiziert, während der Welthandel nur um sieben Prozent zulegen soll. Auch wenn sich immer wieder Zweifel an der Nachhaltigkeit des Booms regen, gehen Experten nach wie vor von einer anhaltenden Stärke Chinas aus: 2010 soll die Wirtschaft laut dem Internationalen Währungsfonds um rund zehn Prozent wachsen. „Hier gilt nach wie vor das Motto: Heute wird es besser als gestern“, berichtet der stellvertretende Handelsdelegierte in Peking, Arnulf Gressel.

Die anhaltend gute Wirtschaftslage in China ist mit ein Grund, warum auch in Teilen Europas der Konjunkturmotor früher anspringt als erwartet. Österreich verzeichnete 2009 in China sieben Prozent Ausfuhrplus. Bei allen anderen großen Exportmärkten sanken die Mengen. Ähnlich Deutschland, das seine Exporte ins Land des Lächelns im ersten Halbjahr 2010 um satte 56 Prozent steigerte. „Noch ist China zwar nicht groß genug, um länger als globale Wachstumslokomotive zu wirken. Doch schon alleine als Absatzmarkt wird es in Zukunft für Antrieb sorgen“, meint Marcus Scheiblecker vom Wirtschaftsforschungsinstitut.

Eine ganze Reihe namhafter heimischer Unternehmen wie Lenzing, AT&S, Swarovski und RZB sind schon lange im Reich der Mitte tätig und profitieren vom Erwachen des Wirtschaftsgiganten.

Von der Krise ließen sich österreichische Betriebe nicht abschrecken. Das Vorarlberger Unternehmen Enercret, das sich auf den Bau von Erdwärmeanlagen bei Pfahlbauten spezialisiert hat, expandierte genau zu jener Zeit. Dem chinesischen Bauboom und dem steigenden Bewusstsein für die Bedeutung umweltschonender Energie verdankt Enercret mittlerweile 50 Prozent seiner Umsätze. „Wir rechnen damit, dass der Markt weiter wächst“, sagt Produktmanager Bernhard Widerin optimistisch.

Chinesen auf Einkaufstour

Durch seinen Boom und die gigantischen Ausfuhren hat China mittlerweile 1,9 Billionen Euro Devisenreserven angehäuft, vor allem in Form von US-Dollars. Nachdem China seine Devisenreserven jahrelang in amerikanischen Staatsanleihen angelegt hat, ist es zum größten Gläubiger der USA geworden. Zunehmend investieren die Chinesen aber auch in ausländische Unternehmen. Um knapp vier Milliarden Dollar kauften chinesische Firmen vergangenes Jahr US-Konzerne auf – erstmals mehr, als umgekehrt Amerikaner im Reich der Mitte Betriebe erwarben. „Die Chinesen gehen aggressiv vor“, sagt Lawrence Chia, Chef des US-Finanzdienstleisters Deloitte China M&A Service.

Dieses Vorgehen kann die Risiken, die im Reich der Mitte schlummern, allerdings nicht überdecken: Trotz realer Einkommenssteigerungen zwischen neun und zehn Prozent jährlich und eines 460 Milliarden Dollar schweren Konjunkturpakets muss auch die Regierung unter Wen Jiabao mittelfristig den Konsum stärker ankurbeln. Pro Kopf geben seine Landsleute nämlich nur ein Fünftel dessen für neue Autos, Handys und TV-Geräte aus, was Bewohner anderer Schwellenländer wie Mexiko springen lassen. Mittelfristig muss China daher weg von der Exportlastigkeit hin zu einem stärker vom Binnenkonsum geleiteten Wachstumsmodell kommen. Um dies zu erreichen, muss die Regierung der Bevölkerung mehr Sicherheit geben. Dafür braucht es eine Reform des Gesundheits- und Sozialwesens sowie ein besseres Pensionssystem.

Ein erstes Warnsignal für soziale Spannungen erhielt die chinesische Führung erst kürzlich: Im Juni protestierten 1.900 Arbeiter in einem Honda-Zulieferbetrieb in Guangdong, später keimten Demonstrationen auch in anderen Regionen auf.

Die zweite große Herausforderung für Wen Jiabao ist der Immobilienmarkt. Laut einer Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sind 2009 die Immobilienpreise in großen Städten um bis zu 90 Prozent explodiert. Neben leer stehenden Bürogebäuden gebe es im Landesinneren ganze Geisterstädte mit unbewohnten Appartements, berichten die WIIW-Experten.

Beängstigend: Immobilieninvestitionen machen zehn Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts aus und stellen 44 Prozent der Einnahmen der Provinzregierungen. „Man versucht derzeit, das Problem etwa mit höheren Steuersätzen auf den Erwerb einer Zweitwohnung in den Griff zu bekommen“, meint Gressel.

Das dritte Problem liegt im Klima- und Umweltschutz: „Hier hat China viel aufzuholen, was sich irgendwann auch auf die Preise und damit auf die Konkurrenzfähigkeit der produzierten Güter niederschlagen wird“, sagt der Wirtschaftsforscher Scheiblecker.

Die große gegenseitige Abhängigkeit

Doch das wohl größte Risiko für China ist paradoxerweise eine schwache Position seines Rivalen USA. Denn mit fast 300 Milliarden Dollar Exportvolumen sind die USA der größte Absatzmarkt für Produkte made in China. Die Absatzflaute bekommen schließlich auch die chinesischen Unternehmer zu spüren. Derzeit versuchen sie zwar, diesen Rückgang mit billigeren Preisen und dadurch mit mehr Absatzvolumen wettzumachen. Langfristig schaden sich die fernöstlichen Exporteure damit aber selbst.

Auch auf anderen Ebenen sind die Verflechtungen eng: Die internationale Bedeutung der Leitwährung Dollar ist zu groß, als dass China ein Interesse an dessen Niedergang hätte, noch dazu wegen seiner großen Währungsreserven. Dazu kommt die militärische Übermacht der USA auf geopolitischer Ebene, die derzeit kein seriöses Land ausfüllen könnte. Und eine sichere Weltlage ist auch in Chinas Sinne. „Ein möglicher Abstieg der Amerikaner löst keine Hurra-Schreie in China aus. Die beiden Länder sind zu sehr voneinander abhängig“, erklärt Weltwirtschaftsexperte Langhammer.

Fazit: China braucht für seinen Weg an die Weltspitze seinen Kontrahenten USA, und das viel zitierte asiatische Jahrhundert bietet denn wohl auch für die Supermacht USA ungemeine wirtschaftliche Chancen.

– Martina Bachler, Barbara Nothegger

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