Die Unabhängigkeit könnte für Schottland zum finanziellen Selbstmord werden

Der schottische Wunsch nach Unabhängigkeit ist älter als das Vereinigte Königreich selbst. Kriege wurden deswegen ausgefochten, Ritter gefoltert, Königinnen geköpft.

Alex Salmonds Lieblingsplatz in Edinburgh ist das wiedereröffnete National Museum of Scotland. Der schottische Ministerpräsident führt Besucher gerne in die prunkvollen viktorianischen Hallen, um ihnen "die großen Erfindungen der großen Schotten“ zu zeigen.

Da steht etwa die massige Dampfmaschine von James Watt, Schotte. Oder der erste Farbfernseher von John Logie Baird, Schotte. Und natürlich ist da der Nobelpreis von Alexander Fleming, Schotte, für die Entdeckung des Penicillins. Sind die Zuhörer ordentlich beeindruckt, setzt Salmond zu seiner Vision an: "Wir Schotten können wieder zur Erfindernation der Welt aufsteigen.“ Das sei allerdings nur ohne "das Diktat Westminsters“ möglich.

Der schottische Wunsch nach Unabhängigkeit ist älter als das Vereinigte Königreich selbst. Kriege wurden deswegen ausgefochten, Ritter gefoltert, Königinnen geköpft. Gemocht haben einander Engländer und Schotten nie. In den vergangenen Jahrhunderten sah es allerdings so aus, als hätten sie sich arrangiert. Doch Salmond hat den Burgfrieden vorerst aufgekündigt: 305 Jahre nachdem aus England und Schottland durch den Treaty of Union ein gemeinsames Land wurde, will er sein Schottland zurück in die Freiheit führen. Er kündigte ein Referendum für 2014 an.

Ölscheichs im Schottenrock

Die Schotten sollen also entscheiden, ob sie eine eigenständige Nation werden wollen. Den Zeitpunkt hat Salmond gut gewählt: 2014 wird sich die Schlacht von Bannockburn zum 700. Mal jähren. Wie die Welt spätestens seit dem Hollywoodfilm "Braveheart“ weiß, errang Schottland in Bannockburn den entscheidenden Sieg gegen England, der zumindest vorübergehend zur Unabhängigkeit führte. Salmond plant einen ähnlichen Triumph - allerdings diesmal ohne Pferde und Blutvergießen. Damit da nichts schiefgeht, tourt er rastlos durch sein Land, um die Stimmung gegen die britische Regierung zu schüren. Ohne England stünde sein Land besser da. Fast 90 Prozent der britischen Öl- und Gasvorkommen liegen auf schottischem Staatsgebiet. "Gemessen an unserer Wirtschaftskraft pro Kopf, könnte Schottland auf Platz sechs der reichsten Nationen in der OECD aufsteigen“, sagt er.

Wie viele Risiken der Plan birgt, zeigt sich an der Reaktion der Bevölkerung. Nur 35 Prozent der Schotten würden heute für die Unabhängigkeit stimmen. Auch in der Wirtschaft ist die Euphorie verhalten. Zu viele Fragen sind ungeklärt, die Folgen eines Austritts aus dem Vereinigten Königreich schwer abzusehen.

Finanzieller Selbstmord?

"Die Unabhängigkeit könnte für unser Land zum finanziellen Selbstmord werden“, meint der 79-jährige Unternehmer Boyd Tunnock. Er ist einer der wenigen, die ihre Bedenken öffentlich aussprechen. Salmond sei ja ein netter Kerl. Doch die Pläne seien unausgegoren, ein kleines Land habe gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten viel weniger Widerstandskraft. "In 40 Jahren ist das Öl versiegt, und dann stehen wir nur noch mit Heidekraut und Bergen da.“ Dass so wenige Unternehmer öffentlich aufbegehren, erklärt Tunnock mit Angst. "Seit ich mein erstes Interview zu dem Thema gegeben habe, bekomme ich Beschwerdebriefe von Kunden, die unsere Kekse nicht mehr kaufen wollen.“ Ihm sei das egal. "Wenn man mit 79 Jahren nicht sagen darf, was man denkt, wann dann?“

Auch für den Rest Großbritanniens steht einiges auf dem Spiel. Denn entgegen der in England weit verbreiteten Meinung hängt Schottland keineswegs am Subventionstropf des Königreiches. 2010 spülten die Nordsee-Vorkommen 8,8 Milliarden Pfund in britische Kassen und halbierten fast das Handelsbilanzdefizit. Neben dem Wegfall der Einnahmen wäre auch der Einflussverlust auf europäischer Ebene bitter. Als geschrumpftes Königreich könnte das Land in der EU seine Sonderrechte wie den Briten-Rabatt bei den Beitragszahlungen kaum verteidigen. Offiziell sagt das niemand in Westminster. David Camerons Regierung geht davon aus, dass Salmond das Referendum nicht gewinnen kann.

Vorbild Norwegen

Große Pläne schmiedet dagegen John Swinney, der schottische Finanzminister: "Allein unsere Öl- und Gasvorkommen sind nach Expertenschätzungen eine Billion Pfund wert.“ Bislang hätten die Schotten aber kaum von diesem Vermögen profitiert. "Schauen Sie sich Norwegen an, mit fünf Millionen Einwohnern etwa so groß wie Schottland.“ Das skandinavische Land hat 1990 einen Ölfonds aufgelegt, der heute mit 394 Mrd. Euro der größte Fonds Europas ist.

"Wenn wir jedes Jahr nur eine Milliarde anlegen, wäre unser Fonds in 20 Jahren etwa 30 Mrd. Pfund wert“, rechnet Swinney vor. Damit könnte Schottland für jene Zeit vorbauen, wenn Öl und Gas versiegen. Als Zukunftsindustrie hat seine Regierung die erneuerbare Energie ausgemacht. Mit seinen rauen Küsten könne das Land dereinst 25 Prozent von Europas Gezeitenstrom, 25 Prozent der Offshore-Windkraft und 10 Prozent der Wellenkraft herstellen.

Selbst wenn man dieser Prognose glaubt, bleibt die Frage, wie Swinney sich die Finanzpolitik eines nationalstaatlichen Schottlands vorstellt. Das Land würde natürlich seinen Anteil am britischen Schuldenberg übernehmen, sagt er. Als Währung will Swinney das britische Pfund behalten. Zwar hatte seine Regierung einst vom Euro-Beitritt gesprochen, aber "in der derzeitigen ökonomischen Situation in Europa kommt das nicht infrage“.

Owen Kelly rauft sich seine roten Haare, wenn er das hört. Als Chef des Verbands Scottish Financial Enterprise vertritt er die Interessen der schottischen Finanzindustrie. Und damit hat seine Meinung Gewicht - rund 20 Prozent der schottischen Wirtschaftsleistung und 10 Prozent aller Jobs in Schottland sind von Banken, Versicherungen und Fonds abhängig. "Swinney und die schottische Regierung haben überhaupt keine Kompetenz, über die Politik der Bank of England zu entscheiden“, sagt Kelly.

Dass Schottland keinen Einfluss auf die Zinspolitik von Großbritannien hätte, könne zum Problem werden. Der schottische Finanzplatz ist eng verzahnt mit London. Viele Banken haben Verwaltungsjobs ins günstigere Schottland ausgelagert. Wären diese Arbeitsplätze in Gefahr, wenn Schottland sich von Großbritannien abkapselt? Owen sagt, auf diese Frage könne er zum jetzigen Zeitpunkt keine seriöse Antwort geben. "Es ist einfach eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten.“ Sicher weiß er dagegen, dass Unsicherheit immer schlecht für Investitionen ist. "Je schneller die Politiker Klarheit schaffen, desto weniger wird der Unabhängigkeitsprozess anrichten.“

- Tina Kaiser, London

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