Die Turkish Airlines fliegt der AUA und Lufthansa um die Ohren

Die Turkish Airlines fliegt der AUA und Lufthansa um die Ohren

Eigentlich wollte die Lufthansa-Gruppe enger mit Turkish Airlines zusammenarbeiten, jetzt herrscht dicke Luft. Weil die Türken zu stark geworden sind, auch in Österreich.

Normalerweise sind die halbjährlich abgehaltenen Treffen der Bosse der Star-Alliance-Mitglieder begrenzt spektakulär. Man stellt strategische Weichen, stimmt über die Aufnahme neuer Mitglieder ab, geht gemütlich essen. Doch bei dem Meeting kommende Woche in Wien ist das alles ein bisschen anders. Denn innerhalb der Star Alliance gibt es gehörig Krach.

Das liegt zum einen an Temel Kotil, Chef der überaus erfolgreichen Turkish Airlines (THY). Und zum anderen am Gastgeber, AUA-CEO Jaan Albrecht, und seinen Kollegen aus der Lufthansa-Gruppe. Die AUA hat den Türken vor kurzem aus heiterem Himmel das Codesharing mit Sommerflugplan 2014 aufgekündigt, das sind Flüge mit gemeinsamer Flugnummer. Die Lufthansa zog nach und reduzierte gleich noch drastisch die Meilen, die auf THY-Flügen gesammelt werden können. Beides ist innerhalb einer Airline-Allianz absolut unüblich und kommt einer Kriegserklärung gleich.

Was ist passiert, wo noch vor einem Jahr von verstärkter Zusammenarbeit zwischen Lufthansa-Gruppe und Bosporus-Airline die Rede war? Warum haben sich die Partner, die mit dem Ferienflieger Sun Express sogar eine gemeinsame Tochter haben, so auseinandergelebt?

Passagier-Absauger

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war eine kleine Ankündigung. Die Türken gaben Mitte November bekannt, ab kommendem Jahr auch Kassel-Calden anzusteuern. Calden ist ein Provinzflughafen, um den die meisten anderen einen großen Bogen machen. Dass die türkische Fluggesellschaft nicht vorab die Deutschen von der Expansion informiert hat, stieß dort sauer auf. Denn schon bisher war man höchst beunruhigt, denn die Turkish zieht höchst erfolgreich Passagiere nach Istanbul ab. Gleiches gilt für die AUA und Österreich.

Mittlerweile fliegt THY zwölf Ziele in Deutschland an. In Österreich sind es Wien und Salzburg. Bald könnten auch Graz, Linz und Innsbruck eine Turkish-Verbindung bekommen. Um dem aggressiven Wildern in den Hoheitsgebieten der Lufthansa und der AUA Einhalt zu gebieten, wurde nun das Codesharing beendet. Man wollte eine Grenze ziehen und zeigen, dass es so nicht weitergehen kann, so die Erklärung bei der AUA. Man spricht dort auch von kulturellen Unterschieden. In Mitteleuropa werde erwartet, dass ein Partner über Expansionsplänen vorab informiert. Solange man sich nicht zur Wehr setzt, würden die Türken munter weiter machen.

Offiziell haben sich die Türken nur sehr diplomatisch zu dem Thema geäußert. "Das war ein falscher Schritt. Wir hoffen, dass jene Beschlüsse noch einmal überdacht werden“, hieß es in einem Statement. Harsche Worte blieben aus. Gleichwohl hat Temel Kotil aber indes angekündigt, dass Turkish die Zahl der Verbindungen zwischen Salzburg und Istanbul bald ausweiten möchte, sogar auf zweimal täglich ab 2015.

Der Mann kann sich die Konfrontation leisten. Denn das Wohl der Turkish ist nicht vom Codesharing mit der Lufthansa-Gruppe abgängig. Nur fünf Prozent der Erlöse der Türken werden über die Star Alliance erzielt, bei anderen Gesellschaften sind es um die 20 Prozent. Es wäre fahrlässig, die profitable Gesellschaft, die zu 49 Prozent dem Staat gehört und an der Börse notiert, zu unterschätzen. Ein Blick auf die Zuwachsraten genügt: Mit 241 Destinationen ist das Streckennetz das viertgrößte der Welt, vor zehn Jahren wurden nicht einmal halb so viele Städte angeflogen. 1.000 Flüge werden am Tag abgewickelt, Kotil will diese Zahl verdoppeln. Derzeit umfasst die Flotte rund 200 Maschinen, 267 weitere wurden bestellt und werden bis 2021 eingesetzt. Spätestens 2023 soll Turkish die größte Fluglinie Europas sein. "Für die saturierten Airlines in Europa ist die Turkish mindestens so gefährlich wie Emirates“, sagt ein Branchenkenner.

Die Passagiere sind zufrieden: Zum dritten Mal in Serie wurde Turkish von den Fluggästen zur beliebtesten Fluggesellschaft Europas gekürt, auch der "Airline of the Year Award 2013“ ging an THY. In der Vergangenheit wurde dieses Kürzel von Reisenden wegen des damals legendär schlechten Service mit "They hate you“ übersetzt. Diese Zeiten sind längst vorbei.

Auch politisch hat die Turkish Rückenwind. Während im deutschsprachigen Raum Ticketsteuern das Fliegen teurer machen, wurde in der Türkei die Abgabe auf Flugbenzin reduziert. Während in Deutschland und Österreich Nachtflugverbote Starts und Landungen einschränken, darf die Turkish unbegrenzt fliegen. Kotils Ziel ist es, immer einen Schritt besser zu sein als andere - "die einzige Konkurrenz sind wir selbst“, so sein Credo. Vor kurzem wurde das neue Do&Co-Essen vorgestellt . Gespart wird hier nicht, auch in der Economy sollen sich auf Langstreckenflügen fliegende Köche um das leibliche Wohl kümmern. In der Business Class bekommt man seit kurzem im On-Board-Programm Start-ups vorgestellt, die Finanzierungen suchen. So kann man im Flug auf Geschäftsideen kommen.

"Die Flugsicherheit wurde ebenfalls extrem verbessert“, sagt Experte Kurt Hofmann. Die Türken haben massiv in die Pilotenausbildung investiert, viele internationale Kapitäne aufgenommen, auch solche, die früher für die AUA geflogen sind. Damit das rasante Wachstum so weitergehen kann, wird in Istanbul ein neuer Flughafen gebaut, der größte der Welt. Dieser könnte zu einem wichtigen Drehkreuz werden - und von der geografischen Nähe zu Mitteleuropa profitieren.

Eigentlich war es das Ziel der Star Alliance, dass die Türken Passagiere zu den Hubs in Deutschland und nach Wien bringen - und sie von dort aus in andere Weltteile weiterreisen. Außerdem wollte man mit Turkish einen starken Partner haben, um gegen die Golf-Airlines Emirates und Etihad besser bestehen zu können. Doch jetzt sind die Türken weniger Zubringer nach Frankfurt als Absauger nach Istanbul. Und die Lufthansa-Gruppe gerät zwischen Turkish und Emirates immer mehr in die Zwickmühle.

Derzeit gibt es keine Tendenzen, dass die Turkish die Star Alliance wieder verlässt - oder rausgedrängt wird. Aber für Boss Temel Kotil wird es trotzdem einiges geben, was er am 12. und 13. Dezember in Wien mit den anderen Star-Alliance-CEOs zu besprechen hat.

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