Die Tricks der Lebensmittelindustrie

Zucker, Fett, Zusatzstoffe und unklare Herkunftsbezeichnungen – wie die Lebensmittelhersteller die wahren Zutaten hinter schönen Werbesprüchen verstecken.

Nutella, ein geeignetes Frühstück für Kinder? Eine Mutter aus den USA hatte das geglaubt. Immerhin bewirbt Ferrero seinen Haselnussaufstrich als „gesundes und nahrhaftes Frühstück“. Nun zieht die Dame aus Kalifornien vor Gericht und führt eine Sammelklage gegen das Nahrungsmittelunternehmen wegen irreführender Werbung und unfairen Wettbewerbs. Ihr Argument: Sie habe herausgefunden, dass Nutella ähnlich viel Fett und Zucker enthalte wie ein Schokoriegel und für ihr vierjähriges Kind ungesund sei.

Die schönen Slogans und heilen Bilder der Werbung passen in der Realität oft nicht zu den tatsächlichen Zutaten vieler Lebensmittel. Hoher Zuckergehalt, viel zu viel Fett, dazu Aromen und Farbstoffe – diese Zutaten finden sich allzu häufig kleingedruckt auf der Produktrückseite. Die Europäische Union arbeitet fieberhaft an einer strengeren Lebensmittelkennzeichnung, und auch das österreichische Gesundheitsministerium feilt an besseren Gesetzen. Konsumentenschützer sind schon längst alarmiert. „Offenbar lohnt es sich, zu schwindeln. Der Markt hat eben keine wirksamen Kontrollmechanismen. Es geht ausschließlich um den Preis“, klagt etwa der prominente deutsche Konsumentenschützer Thilo Bode im FORMAT- Interview .

Auf der Foodwatch-Homepage veröffentlicht Bode regelmäßig Namen bekannter Marken und deren Etikettenschwindel (siehe Slideshow oben).

Klar, eigentlich müsste jede Mutter wissen, dass Nutella Zucker und Fett enthält. Es steht ja auf der Verpackung. Doch die Zutaten, deren Mengen und ihre Wirkung werden von den Herstellern oft geschickt versteckt. Konsumenten müssen oft Detailwissen haben, um die Zutatenlisten zu entschlüsseln. Die gängigsten Methoden: Zucker etwa wird als Fruktose oder Glukose getarnt – die beiden Stoffe sind aber im Prinzip das Gleiche wie Zucker. Ein Getränk mit Beerengeschmack muss nicht unbedingt aus Beeren zubereitet sein – es reicht, wenn Beerenaromen enthalten sind. Ein natürliches Erdbeeraroma kann genauso gut von Sägespänen stammen wie von Erdbeeren, weil es nicht aus dem Chemielabor, sondern von natürlichen Holzabfällen kommt. Light-Produkte sind zwar fettarm. Weil sie statt Fett mehr Wasser enthalten, sind sie aber reich an Emulgatoren und Haltbarmachern.

Besonders krass: Konventionelle Fleischprodukte sind häufig mit Bildern von grasenden Kühen auf einer Almwiese versehen. Dabei stammen fast 90 Prozent des in Österreich verarbeiteten Fleischs aus Intensivtierhaltung. „Viele Verpackungen suggerieren etwas, das mit dem Inhalt nicht zusammenpasst“, meint Gabriele Zgubic von der Arbeiterkammer.

Beispiel Kinder-Riegel: Hersteller Ferrero wirbt für die „Extra-Portion Milch“ und die „reichhaltige Milchfüllung, denn 100 g enthalten die wichtigsten Bestandteile aus gut einem viertel Liter Milch“. Auf der Packung ist noch dazu ein Glas Milch zu sehen. Dabei enthält die „reichhaltige Milchfüllung“ nur Butterreinfett und Milchpulver und keine Vollmilch. Ferrero darf trotzdem so werben: Denn die besten Bestandteile der Milch wie Proteine finden sich auch in Milchpulver.

Auch der Zuckergehalt der Kinder Riegel ist enorm: ganze elf Gramm pro Stück. Dass Hersteller überhaupt dermaßen viel Zucker verwenden, liegt daran, dass es ein günstiges Ausgangsprodukt ist. Bei Säften etwa kommt es billiger, Wasser zu zuckern und mit Aromen anzureichern, als echten Fruchtsaft zu verwenden. „Man muss auch bedenken, dass Essen immer mit Emotionen verbunden ist. Zucker ist ein Kompromiss, wenn viele Menschen zusammenkommen. Süß schmeckt jedem“, so Ernährungsexpertin Hanni Rützler.

Des hohen Zuckergehalts in vielen Produkten will nun auch die EU mit einer neuen Regelung Herr werden. Heuer soll im EU-Parlament noch eine Lebensmittelkennzeichnungs-Verordnung beschlossen werden. Kernpunkt: eine verpflichtende Nährwertkennzeichnung, sodass etwa der Gehalt an Zucker und Fett ausgewiesen werden muss.

Dem österreichischen Gesundheitsminister Alois Stöger gehen die Regeln allerdings nicht weit genug. Der SPÖ-Minister könnte sich sogar eine sogenannte Ampelregelung nach britischem Vorbild vorstellen: Der Konsument würde dann anhand eines Farbleitsystems auf einen Blick sehen, wie gesund ein Produkt ist. Außerdem will das Ministerium neben dem AMA-Gütesiegel weitere staatliche Gütezeichen. Derzeit beruht der Großteil der Siegel nämlich auf privaten Initiativen. „Denkbar wäre etwa ein Gütesiegel für gentechnikfreie Produkte oder tierschutzgerechte Haltung. Damit könnten unsere Bauern international einen Wettbewerbsvorteil erlangen“, erklärt Petra Lehner vom Büro des Gesundheitsministers.

Leider dauert es oft elendslang, bis gesetzliche Bestimmungen umgesetzt werden: Die Gesundheitswerbung ist bereits seit 2007 auf EU-Ebene geregelt. Hersteller dürfen nur mit gesundheitsbezogenen Aussagen – Stichwort „Activia bringt Ihre Verdauung in Schwung“ – werben, wenn diese wissenschaftlich belegt sind. Rund 6.000 solcher Werbeaussagen werden seit längerem von der EU-Lebensmittelbehörde EFSA überprüft.

Erst nächstes Jahr erwartet Activia-Hersteller Danone ein Urteil. Einstweilen beruft sich Danone auf eigene wissenschaftliche Studien.

– Barbara Nothegger

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff