Die Treichls – Österreichs mächtigste Bankiersfamilie

Die Treichls – Österreichs mächtigste Bankiersfamilie

Die Termine sind fixiert, die Einladungen verschickt, die Vorbereitungen laufen: Am ersten August-Wochenende wird im Salzburger Leogang gefeiert, wo die Familie ihre bäuerlichen Wurzeln hat; das Oktogon der ehemaligen CA-Zentrale in Wien ist für den 10. September reserviert. Der Grund für die Feste? Am 31. Juli wurde Heinrich Treichl, Grandseigneur der heimischen Finanz, 100 Jahre alt.

Das Erfolgsgeheimnis dieser Familie haben schon viele zu ergründen versucht: Der eine Sohn, Andreas, hat die Erste Bank in Zentraleuropa groß gemacht. Seine Frau Desirée organisiert den Opernball. Der andere Sohn, Michael, ist als Investmentbanker in Großbritannien in den britischen Geldadel aufgerückt. Und Heinrich, der Patriarch, Creditanstalt-Generaldirektor in Ruhe, gibt selbst mit 99 Jahren noch vereinzelt Interviews. Sogar das Manager Magazin beschrieb "Die fabelhafte Welt der Treichls“, denn "so etwas gibt es in Deutschland nicht“.

Und so jemanden wie Heinrich Treichl gibt es heute ohnehin fast nirgends mehr. Als "ein Fossil aus einer fernen Vergangenheit“ beschreibt der Wirtschaftshistoriker Herbert Matis den Mann, der nach wie vor ohne Stock auskommt, aber nicht ohne Krawatte. "Er verkörpert den traditionellen Banker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Seriosität ausstrahlend und mit fast aristokratischen Zügen.“

Im Schatten einer solchen Legende selbst Banker zu werden und, nach Jahren im Ausland, in Österreich Karriere zu machen - davon hatten Andreas Treichl eigentlich alle abgeraten. Zu glatt das Parkett, zu omnipräsent der ständige Vergleich mit dem Vater, den jeder kannte.

Verwurzelt im Bürgertum

Im Treichl-Stammbaum finden sich viele Namen wieder, die eng mit der österreichischen Identität verwoben sind: Etwa Heinrich Ferstel, Architekt der Wiener Votivkirche, oder Marie Thorsch, eine der ersten Patientinnen Sigmund Freuds. Heinrich Treichl erzählt darüber in seinen Lebenserinnerungen, die er zu seinem 90. Geburtstag in seinem Buch "Fast ein Jahrhundert“ veröffentlichte. Nicht ganz ohne Stolz gibt er Einblick: Die Kinder lernten erst wegen des richtigen Akzents Französisch, dann Englisch; ihnen wurde beigebracht, Gedichte, Passagen aus Büchern und Briefen zu rezitieren, höflich zu sein, nicht zu protzen.

"Dass viel Wert auf Bildung gelegt wird, ist bei den Treichls auch heute noch so“, erzählt ein Bekannter der Familie. Die drei Söhne von Andreas und Desirée haben selbst im Sommer zu lernen. Aber sonst macht Andreas vieles in der Erziehung anders als sein Vater: Er verbringt viel Zeit mit den drei Buben, geht mit ihnen ins Kino, zum Fußball, Eishockey und kocht mit ihnen für den Großvater. Am liebsten Risotto und Steak. Das Verhältnis zwischen Andreas und Heinrich - beide wohnen im dritten Bezirk in Wien, der Vater im Palais, der Sohn in einer Dachgeschoßwohnung - ist eng und gut. Das war nicht immer so.

Heinrich Treichl war eine dominante Figur, nicht nur als Bankchef. Er wird als selbstbewusst bis selbstverliebt beschrieben. "Selbst für einen Kanzler oder einen Finanzminister war dieses ausgeprägte Selbstbewusstsein schwer handzuhaben“, erzählt Hannes Androsch. Er war Finanzminister in den Jahren, als Heinrich Treichl die Creditanstalt führte und folgte ihm dort 1981 als Generaldirektor nach.

Privat gegen Staat

Dass Kämpfe mit der Politik auf der Tagesordnung standen, rührt aus einer für Heinrich Treichl fatalen Konstellation: Er war liberal und für mehr Privatisierungen - war aber Generaldirektor einer verstaatlichten Bank, die über ihre Industriebeteiligungen über Tausende Arbeitsplätze bestimmte. Zum Imperium der CA gehörten damals Steyr-Daimler-Puch, Semperit, Wienerberger, Universale Bau, Leykam Papier, Andritzer Maschinen, Jenbacher oder die Hotels Bristol, Imperial, Goldener Hirsch, Wertheim. Vor allem mit Bundeskanzler Bruno Kreisky lieferte er sich legendäre Wortgefechte. "Treichl hatte diesbezüglich keinen leichten Stand in der CA“, sagt der Ökonom Erich Streissler, "bei der Privatisierungsfrage stieß er an Grenzen“.

Diese Erfahrungen wirkten nach: In seiner Biografie widmet Heinrich Treichl vor allem Androsch deutlich mehr Seiten als seinen beiden Söhnen, lässt aber kaum ein gutes Haar an ihm. "Wir hatten ein respektvolles, aber nicht unkritisches Verhältnis zueinander“, sagt Androsch. Doch mit den Jahren sei der kritische Teil geschrumpft und der Respekt gestiegen. "Wir haben uns vor einigen Monaten in der Oper gesehen“, erzählt Androsch, "er ist zur Begrüßung gleich aufgestanden - und das in seinem Alter“. Auch Treichl findet mittlerweile positive Worte über seinen Nachfolger. "Das hätte es unter dem Androsch nicht gegeben“, soll er nun sagen - und damit den Verkauf der CA an die rote Bank Austria meinen (siehe " CA – Die erste Großbank Österreichs ").

Heinrich Treichl internationalisierte die CA, vor allem aber öffnete er die Industriebank für das Retail-Geschäft. "Er versuchte, sie wieder mehr zur Bank zu machen“, so der Wirtschaftshistoriker Matis. Die bitteren Erfahrungen der Zwischenkriegszeit, in der die CA notverstaatlicht werden musste, hatten Treichl geprägt: "Aus der Kenntnis der Vergangenheit hat er Schlüsse für die Zukunft gezogen“, so Matis.

Das Langfristige über das Kurzfristige zu stellen und zu erkennen, dass es auch eine gesellschaftliche Verantwortung gibt, habe Heinrich Treichl auch seinen Söhnen mitgegeben, sagt Caritas-Direktor Michael Landau, ein Kenner der Familie.

Auch die Entwicklung der Mitarbeiter war Heinrich Treichl wichtig. "Die CA hatte die beste zweite und dritte Ebene einer großen Bank“, so Androsch. Für viele heute tätige Banker war die bürgerliche CA eine Karriereschmiede: Etwa für Alois Steinbichler, Boss der Kommunalkredit oder für Karl Sevelda, den neuen Chef von Raiffeisen International, der bei der CA 1977 als Sachbearbeiter begann. Sevelda war damals Betriebsrat - und für Gewerkschaften hatte Treichl wenig übrig. "Er hat seinen Mitarbeitern Grenzen aufgezeigt. Aber charmant, mit großem Wortwitz, “ sagt Sevelda.

Neue Bankenwelt

Wenn Andreas Treichl heute in der Erste Group jemanden den Krawattenknoten richtet, dann tut er das augenzwinkernd. Denn viele Anekdoten, die sich um seinen Vater ranken, haben mit Kleidung zu tun: "Gehen Sie heute noch jagen?“, soll Heinrich Treichl gesagt haben, als er jemanden nur im Tweed-Anzug ins Büro kommen sah. Und als bei ärgster Sommerhitze jemand fragte, ob es ihn störe, wenn er das Sakko ablege, antwortete er: "Das weiß ich nicht, denn so etwas hat mich noch nie jemand gefragt.“

Dass er auf Haltung, Umgangsformen und Kleidung Wert legt, beeindruckt seinen ehemaligen Vorstandskollegen Franz Vranitzky, der sonst nicht immer seiner Meinung war. "Ohne in bürgerliche Fadesse zu verfallen, glaube ich, dass sich in dieser Hinsicht nicht alles zum Vorteil entwickelt hat“, sagt der spätere Bundeskanzler, der als Sozialdemokrat für seine maßgeschneiderten Anzüge auch Kritik einsteckte.

Es war eine andere Zeit, und Bankdirektoren, deren Inbegriff Heinrich Treichl war, bildeten einen elitären Kreis: Sie hatten sogar einen eigenen Aufzug - und mehr Zeit. In der CA gab es zum Beispiel ein eigenes Post-Lesezimmer. "Ein wunderschöner Raum, mit herrlichen Bildern“, erzählt Sevelda. Heute haben Bankchefs wie er einen Blackberry. "Man checkt ihn auch im Lift, im Auto, immer.“ Antworten auf Mails werden binnen Minuten erwartet. "Bankenvorstände sind heute wesentlich operativer ins Tagesgeschäft eingebunden. Auch der Umgang mit den Regulatoren und der Aufsicht nimmt mehr Zeit in Anspruch“, sagt Sevelda.

Die Bankenwelt, in der sich Heinrich Treichls Söhne bewegen, ist eine gänzlich andere: Die Handelsgeschwindigkeit ist enorm gestiegen, ebenso die Größe der Banken: In den 70er Jahren hatte die CA eine Bilanzsumme von 100 Milliarden Schilling, also sieben Milliarden Euro und war damals die größte Bank des Landes. Die Bilanzsumme der Erste Group, der heutigen Nummer eins, liegt bei 214 Milliarden Euro. Und der Stil, in dem sie durch Andreas Treichl geführt wird, ist vergleichsweise kollegial.

Um dem Schatten der Familie zu entkommen, arbeitete Andreas Treichl zuerst in den USA und Griechenland. Finanzielle Unterstützung von seinem Vater erhielt er in den Anfangsjahren nicht. Dass er nach seiner Rückkehr nach Österreich in Interviews immer wieder mit ihm verglichen wurde, ärgerte ihn. Als Andreas 1994 Vorstand der damals kleinen Erste österreichischen Spar-Casse wurde, hatte Heinrich über diesen Sektor wenig liebevolle Worte übrig. Und lange Jahre war die Creditanstalt-Pension des Alten höher als die Gage von Andreas. Erst mit der Expansion in Osteuropa wurde Andreas Treichl zeitweise zum bestverdienenden Bankmanager des Landes. 2012 kam der Erste-Boss auf knapp zwei Millionen Euro.

Das ist viel Geld, aber sein älterer Bruder Michael wird das wohl "Peanuts“ nennen. "Michou“ stand als Kind dem Vater näher, er war der schlechtere Schüler als Andreas und brauchte neun Jahre und drei Gymnasien, um die Matura zu schaffen. Mittlerweile lebt der 65-Jährige mit Frau und zwei Kindern in einem Anwesen namens "Parnham House“ nahe London. Zu seinen Freunden zählt Julius Meinl. Seine Geschäfte bei Audley Capital laufen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im Internet findet man vor allem Einträge über Erfolge beim Senioren-Tennis.

Bei Andreas Treichl gibt es deutlich weniger "Upper-Class-Gehabe“, er holt sich manchmal gern selbst sein Sushi zum Mittagessen. In den besten Kreisen verkehrt er trotzdem: Der schwedische König wünschte sich bei seinem Staatsbesuch in Kroatien, dass Andreas Treichl eine Rede hält. Was der Erste-Chef natürlich tat. "Vater und Sohn haben gemeinsam, dass sie beruflich ihr Bestes geben wollen, dass sie ihre Aufgaben sehr gut erfüllen, aber eben auch, dass es nicht nur darum geht“, meint Landau.

Dass sich Andreas Treichl seiner Verantwortung bewusst sei und die Auswirkungen seines Handelns bedenke, kommt aus Sicht des Caritas-Direktors aus der Familie. "Und das wird heute immer rarer.“

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