"Die Smart-TV-Entwicklung wird sich unheimlich schnell verbreitern"

"Die Smart-TV-Entwicklung wird sich unheimlich schnell verbreitern"

FORMAT: Herr Wrabetz, wo werden Interviews mit Ihnen in Zukunft stattfinden - im ORF-Zentrum am Küniglberg oder im neuen Wiener Media Quarter Marx?

Alexander Wrabetz: Die Frage ist: Können wir den ORF in Zukunft - ein Standort, trimedial und mit komplett neuen Workflows - am Küniglberg verwirklichen? Wie können wir die Nachrichtenredaktionen für Fernsehen, Radio und Online, die jetzt auf drei Standorte verteilt sind, in einem Newsroom vereinen? Das muss ab etwa 2015 das Informationsherz des ORF sein. Diese Planungsphase sollte Ende 2013 abgeschlossen sein. Baubeginn des ORF-Standorts neu ist Anfang 2014. Primärvariante ist der Küniglberg.

Die wachsende Konkurrenz durch Privatsender und neue Online-Angebote kostet den ORF seit Jahren Marktanteile. Ist die Konzentration der Kernaktivitäten das einzige Gegenrezept?

Wrabetz: Zuerst einmal haben wir die Liberalisierung des TV- und Radiomarktes und die Konkurrenz durch digitale Medien sehr gut bestanden - auch im internationalen Vergleich. Im Fernsehen halten wir mit rund 35 Prozent einen stabilen Marktanteil. Im Radio liegen wir bei etwa 75 Prozent. Und mit 50 Millionen Visits ist ORF.at die größte Internetplattform des Landes. Wir sind 2012 in den schwarzen Zahlen und planen auch für 2013 ein leichtes Plus.

Doch hauptsächlich wegen eines strengeren Sparkurses und des Abbaus von etwa 600 Mitarbeitern in den letzten Jahren.

Wrabetz: Und dadurch können wir jetzt nach vorne schreiten. Wir haben 2012 unsere Senderflotte mit ORF III und ORF Sport+ ergänzt. Jetzt stehen wir vor der Herausforderung Smart TV, also dem Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet in einem Gerät.

Wie wird der ORF darauf reagieren?

Wrabetz: Nehmen wir die Ski-WM 2013 in Schladming. Viele werden diesen Top-Event übertragen. Aber wir werden nicht nur die besten Bilder und Töne haben, sondern planen auch eine Second-Screen-Applikation für Smartphone, iPad und Laptop, in der wir Zusatzfunktionen über das klassische Fernsehen hinaus anbieten. Etwa zusätzliche Kameraperspektiven, Informationen, Bilder. Wir öffnen unser Datenbankwissen und schaffen Möglichkeiten, mit dem Publikum zu diskutieren. Schladming wird unsere erste Test-App.

Wie soll das ORF-Angebot in der schier unüberblickbaren Internetvielfalt schnell und zielsicher gefunden werden?

Wrabetz: Indem wir unsere Programme viel besser beschreiben und einen Teaser-Guide anbieten, der Lust macht, in unsere Programme hineinzugehen. Und natürlich mithilfe unserer starken Marken. Diese Smart-TV-Entwicklung wird sich unheimlich schnell verbreitern.

Selbst wenn der ORF im Sender- und Onlinedschungel gut auffindbar sein wird, bleibt die Frage, ob Ihre Senderflotte auch inhaltlich gegen die teils immens spezialisierte Konkurrenz bestehen kann.

Wrabetz: Das lineare Fernsehen ist das eindeutige Leitmedium, die Nutzungszeit steigt sogar. Der ORF ist mit seiner Senderfamilie sehr gut aufgestellt. Vollprogramme wie ORF eins für die eher Jüngeren und ORF 2 mit seiner hohen Informationskompetenz für das ältere Publikum werden zumindest die nächsten zehn Jahre ihre Funktion beibehalten. Aber wir müssen uns natürlich permanent weiterentwickeln. Etwa in ORF eins mit dem Ausbau der Information durch die neue verlängerte "ZiB 20“. ORF III hat sich binnen eines Jahres auf Augenhöhe mit Arte und weit über vergleichbaren Spartensendern etabliert, und auch ORF Sport+ entwickelt sich sehr gut. Außerdem denken wir über eine Weiterentwicklung unseres Kinderprogramms nach, eventuell in Kooperation mit KIKA. Und auch unsere große Stärke bei den Regionalangeboten aus den Landesstudios wollen wir noch mehr nutzen, über ORF 2 hinaus.

Also eine Antwort auf Servus TV und den Trend zur Landlust?

Wrabetz: Keine Antwort, mit den Landesstudios ist regional niemand besser verankert als der ORF. Wir werden prüfen, ob wir ein zusätzliches Angebot, das auf die Schätze unserer regionalen Archive zugreift, realisieren können.

Ist die größte Hürde hinsichtlich Smart TV nicht das momentane Social-Media-Verbot für den ORF?

Wrabetz: Die Social-Media-Regulierung besagt, dass der ORF keine eigenen sozialen Netzwerke gründen und auch keine Kooperationen mit marktbeherrschenden Anbietern in diesem Bereich eingehen darf. Das ist zu respektieren. Aber wo das Gesetz von der Medienbehörde zu eng ausgelegt wird, ist das generelle Nutzungsverbot von sozialen Medien. Wir dürfen nicht verlinken oder etwa Facebook als Plattform nutzen. Die Behörde sagt: Wenn ich mich mit jemandem im Stadtpark treffe, ist das eine Kooperation mit der Gemeinde Wien. Ich sage, der ORF sollte dort sein, wo auch seine Kunden, mit denen er kommuniziert, sind. Das ist in unseren Augen noch keine Kooperation mit Facebook. Und es geht auch nicht mehr um die Frage: Was macht der ORF im Internet? Sondern darum, was er im Fernsehen der Zukunft macht, das von den sozialen Medien aufgrund der technologischen Fortschritte durchdrungen wird. Darauf muss ich reagieren können.

Sehen Sie die von Ihnen angestrebte Haushaltsabgabe als ORF-Gebühren-Ersatz auch in diesem Zusammenhang?

Wrabetz: Wir müssen die Art, wie wir uns finanzieren, bis 2020 auf eine neue Grundlage stellen. Derzeit sind fast 98 Prozent aller Haushalte erfasst und zahlen ORF-Gebühren oder sind befreit. Doch unsere Gebühr knüpft an das Fernsehgerät an. In fünf, zehn Jahren wird es aber viele Haushalte geben, in denen tatsächlich kein Fernsehgerät mehr steht. Eben weil der Medienkonsum über iPad oder Laptop erfolgt, also nicht mehr über die herkömmliche Broadcast-Technologie, sondern über Breitband, wo ja auch unsere Angebote gerühmt werden. Deswegen ist es gerechter, nicht am Gerät, sondern an den Haushalten anzuknüpfen. Wir haben die gesetzliche Aufgabe, eine intellektuelle Infrastruktur für Österreich anzubieten. Die soll legitimerweise auch von allen bezahlt werden, und damit kann es auch für alle günstiger werden.

Soll die Haushaltsabgabe nicht bloß ein traditionelles Finanzierungsmodell absichern, anstatt auf ein grundlegend neues Medienkonsumverhalten dank entsprechender Technologien einzugehen? Wie schnell man damit scheitern kann, hat das Beispiel Musikindustrie gezeigt.

Wrabetz: Nun, das klassische Fernsehen ist von dieser Veränderung noch nicht so sehr betroffen wie die Printmedien. Aber wir müssen verdammt aufpassen, diese Veränderungen nicht zu verschlafen. Deswegen versuchen wir auch, mit den Verlegern im Online-Bereich gemeinsame Wege zu gehen.

Der ist aber noch nicht sehr lang.

Wrabetz: Wir haben den Verlegern angeboten, ORF-Informationsbeiträge zur Verfügung zu stellen. Weltweit hat die Content-Industrie ja gemeinsame Interessen. Einerseits steht sie untereinander in immenser Konkurrenz, andererseits ist sie im Internet mit globalen Playern wie etwa Google konfrontiert, die praktisch überhaupt keinen Konkurrenzdruck haben. Gerade jetzt wollten RTL und PRO 7 eine gemeinsame Video-on-Demand-Plattform aufziehen. Das haben die deutschen Kartellbehörden abgelehnt. Allerdings unter völliger Außerachtlassung dessen, dass es in den USA Download-Plattformen gibt, die ein x-Faches größer, mächtiger und kapitalstärker sind als die beiden zusammen. Es geht darum, gemeinsam sicherzustellen, dass sich solche Gatekeeper nicht zwischen uns, die Content-Hersteller, stellen und uns um unseren fairen Anteil bringen. Das kann man auf regulatorischer Ebene lösen, aber auch im Wege von Kooperationen.

Zur Person
Alexander Wrabetz, 52, ist seit 2007 ORF-Generaldirektor und war zuvor kaufmännischer Leiter des Österreichischen Rundfunks. Der Jurist begann seine Karriere bei der Girozentrale und diente auch als Geschäftsführer der Intertrading und der Vamed.

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