Die zwei Seiten der Macht: Horst Pirker verlässt Styria Media Group

Horst Pirker, einer der erfolgreichsten Medienmanager des Landes, tritt ab. Letztlich ist er auch über sein Machtverständnis gestolpert.

Die Szenerie erinnert an ein kürzlich erfolgtes Begräbnis: Viele Blumen, leicht verwelkt, und Menschen, denen die Trauer ins Gesicht geschrieben ist. Im Büro von Horst Pirker, dem Chef des zweitgrößten Medienhauses des Landes, herrscht Abschiedsstimmung. Und tatsächlich sollen einige Mitarbeiter der Styria letzte Woche in Tränen ausgebrochen sein, als sie vom Abgang ihres langjährigen Chefs erfahren haben.

Auch Pirker selbst wirkt alles andere als glücklich. „Es fühlt sich so an, als würde ich meinen Lebenspartner zurücklassen“, sagt der Mann, der zehn Jahre lang die Geschicke des Hauses geleitet hat. Erfolgreich geleitet, wenn man sich die Zahlen anschaut. Im Jahr 2000 setzte die Styria Media Group mit 2.100 Mitarbeitern 276 Millionen Euro um, 2008 waren es bereits 3.300 Mitarbeiter, die 486 Millionen Euro erwirtschafteten. Der Konzern expandierte unter Pirkers Führung erfolgreich nach Kroatien, Slowenien und Montenegro. Im Inland verleibte sich die Styria das „WirtschaftsBlatt“ und zahlreiche Magazine wie „Wiener“ und „Wienerin“ ein. Die „Kleine Zeitung“, wo der Jurist Pirker seine journalistische Karriere startete, blieb über all die Jahre das Zugpferd und die Cashcow der Gruppe.

Warum also lässt der Eigentümer, die Katholische Medien Verein Privatstiftung, einen derart erfolgreichen Manager ziehen beziehungsweise komplimentiert ihn aus dem Unternehmen? Lange Jahre war es Pirker gewohnt, das alleinige Sagen im Konzern zu haben. Über Pirker sei nur noch Gott, meinte ein Verleger einmal. Allerdings dürfte sich zwischen Gott und Pirker eine Zwischenstufe eingeschlichen haben.

Seit rund zwei Jahren finden sich nämlich neue Leute aus der Wirtschaft im Aufsichtsrat, wie der Chef der Grazer Wechselseitigen, Othmar Ederer, RLB-Steiermark-Boss Markus Mair oder Friedrich Santner, Chef der Anton Paar GmbH. Ihnen soll Pirkers Macht innerhalb und außerhalb des Unternehmens ein Dorn im Auge gewesen sein. Immer öfter sollen sie Ideen und Pläne von Pirker, zuletzt etwa den Neubau des Styria Medienzentrums, abgeschmettert haben. „Pirker ist sicher sehr dominant“, sagt Santner zu FORMAT. Ederer und Mair wollen sich keine Statements zu Pirker entlocken lassen. Wohl auch ein Zeichen für seine übergroße Macht, selbst nach seinem Rücktritt.

Auch Freunde Pirkers geben unumwunden zu, dass er ein enormer Machtfaktor im Land war. „Sein Abgang ist ein großer Verlust für die Steiermark“, sagt etwa Rudi Roth, langjähriger Freund Pirkers und Chef des gleichnamigen Mineralölkonzerns. Eine Grenze aber kannte die Machtausübung des Styria-Managers immer: Die Redaktionen blieben von seinen politischen und weltanschaulichen Positionen unbeeinflusst.

Mit seinen unternehmerischen Standpunkten hielt er aber nicht hinterm Berg. „Pirker war in Verhandlungen immer ein sehr hartes Gegenüber. Für Vergütungen und Prämien zeigte er nur wenig Verständnis“, erzählt Claus Albertani, Innenpolitikressortchef der „Kleinen Zeitung“ und Betriebsrat. Manche wollten dieses Spiel nicht mitspielen und schieden aus dem Unternehmen aus oder wurden nicht gerade fein entfernt. „Was Pirker fehlt, ist Zurückhaltung“, sagt ein ehemaliger Styria-Mitarbeiter, der seinen Hut nehmen musste. Vielleicht fehlte diese Zurückhaltung auch, als er versuchte, die Styria-Mitarbeiter in eine Content-Engine hineinzupressen.

Hygiene-Fanatiker

Pirker selbst fühlt sich ganz wohl in der Rolle desjenigen, der polarisiert. Dass er einerseits seine Mitarbeiter zu Tränen rührt, andererseits aber viele Feinde hat, stört ihn nicht. „Man kann nicht immer auf alle Rücksicht nehmen“, sagt er und bezeichnet sich selbst als „geradlinig, vielleicht zu geradlinig“. Stolz ist der langjährige Styria-Manager auch auf seine Vorstellungen von Hygiene. Gerüchte, wonach er neben seinem Job bei der Styria an mehreren Unternehmen Beteiligungen gehalten haben soll, weist er entschieden zurück. „Ich war zwar in ein paar Aufsichtsräten und Stiftungsvorständen, aber immer nur ehrenamtlich. Das war mir wichtig“, sagt Pirker. Die Hygiene ging für ihn sogar so weit, dass seine fünf Kinder nie bei der Styria als Praktikanten arbeiten durften.

Auch wenn der fünfzigjährige Manager sich also über keine Ausschüttungen aus Firmenbeteiligungen freuen durfte, so war er geschäftlich auch abseits der Styria recht erfolgreich unterwegs. Zu seinem geschätzten Jahresgehalt von 600.000 Euro und generösen Erfolgsprämien kamen noch Einkünfte aus Immobiliengeschäften hinzu. Gemeinsam mit seiner Frau Evelin und seinem Sohn Georg betreibt er die CMB Consulting Management und Beteiligungs GmbH, die im Wesentlichen Zinshäuser im Grazer Raum verwaltet. „Überleben kann man davon sicher“, sagt Pirker. Als vermögend will er sich aber nicht bezeichnen. „Vermögend – was ist das schon? Wenn eine Million Euro vermögend ist, dann bin ich vermögend“, gibt sich der Medienmann, der in Kärnten geboren wurde, bescheiden. In seinem Besitz befinden sich jedenfalls einige wertvolle zeitgenössische Gemälde, darunter viele von Hermann Nitsch. Außerdem gehört ihm ein 400 Jahre altes Gasthaus in Graz, das Pirker in nächster Zeit revitalisieren will.

Viele Jobangebote

Ins Gastgewerbe will der Styria-Mann, der noch bis Ende September im Amt ist, aber nicht wechseln. Jobangebote trudeln bei ihm minütlich ein. Festlegen will sich der Zeitungsmann aber noch nicht. „Ich kann mir auch vorstellen, nicht in der Medienbranche zu bleiben“, sagt er. Was er sich nicht vorstellen kann, ist ein Ortswechsel etwa nach Russland à la Sigi Wolf. Da schon eher nach Wien. Ambitionen auf den ORF-Chefsessel dementierte er zuletzt, einen Wechsel zur Mediaprint schloss er hingegen nicht dezidiert aus. Ein ehemaliger Styria-Mann ätzt: „Jeder Eigentümer sollte sich dreimal überlegen, ob er Pirker holt, denn dann hat er nicht mehr viel zu melden.“

In der Grazer Styria-Zentrale herrscht indes Ratlosigkeit. Nach dem Ausscheiden Pirkers weiß niemand, wohin die Reise geht. „Pirker war wenigstens eine berechenbare Größe“, sagt Albertani. Ob das Interims-Vorstandsduo Klaus Schweighofer und Wolfgang Bretschko allein bleibt oder noch jemand dazukommt, ist offen. Pirker hat sich schon entschieden, wer den Konzern nach ihm weiterführen soll: „Die zwei sind tüchtige, außergewöhnliche Manager. Ich traue ihnen das zu.“

– Angelika Kramer

Zur Person: Horst Pirker, 50, war 25 Jahre in der Styria Media Group, dem zweitgrößten Medienkonzern des Landes, tätig. Zehn Jahre davon als Vorstandsvorsitzender. Der Kärntner studierte in Rekordzeit Jus und BWL in Graz. Von 2004 bis zum Frühjahr 2010 war Pirker Präsident des österreichischen Zeitungsverbandes (VÖZ). Gemeinsam mit seiner Frau, mit der er fünf Kinder hat, betreibt er außerdem Immobiliengeschäfte im Raum Graz.

Horst Pirker im FORMAT-Interview

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