"Die Reichen sollen nicht so weinerlich sein"

Unvernünftig hohe Einkommen verdienen unvernünftig hohe Steuern - sagt Strabag-Boss Haselsteiner im Interview. Das nächste Sparpaket ist für ihn fix.

FORMAT: Die Bilanz des Strabag-Konzerns, die Sie vergangene Woche präsentiert haben, ist mit einem Plus bei Umsatz und Gewinn erfreulich. Trotzdem gibt es für die Strabag-Aktie mehr Verkaufsempfehlungen als für jeden anderen ATX-Wert. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Haselsteiner: Ich kann diese Bewertungen nur zum Teil nachvollziehen. Die Analysten denken sich ganz einfach: Die öffentliche Hand muss sparen, die Bauwirtschaft hängt wesentlich von diesen Aufträgen ab, also kann es dem Bau nur schlecht gehen. Das ist grundsätzlich richtig, aber in diesem Ausmaß ist es falsch. Und ein Problem ist der niedrige Kurs ja nur für spekulative Anleger, die jetzt verkaufen wollen.

FORMAT: Aber zum Ausgabekurs von 47 Euro ist es noch ein langer Weg, die Strabag-Aktie notiert um die 20 Euro.

Haselsteiner: Den Ausgabekurs werden wir auch nicht so schnell erreichen, es wäre eine Illusion, etwas anderes zu glauben. Was mich mehr stört, ist, dass die Aktie deutlich unter dem Buchwert von rund 30 Euro notiert, das ist eine Schande.

FORMAT: Die Strabag hat rund 190 Millionen Euro in den Rückkauf eigener Aktien investiert und sich eine Fortsetzung dieser Aktion genehmigen lassen. Mit 15 Prozent ist der Streubesitz aber schon sehr niedrig. Es gibt Spekulationen, Sie könnten die Aktie ganz von der Börse nehmen.

Haselsteiner: Nein, so einen Plan gibt es nicht. Wir bleiben eine börsennotierte Gesellschaft. Wir kaufen Aktien zurück, um bei möglichen Zukäufen von Unternehmen diese Aktien als "Währung“ zu haben, mit der wir bezahlen können.

FORMAT: Bei Ihrem Großaktionär Raiffeisen gibt es entscheidende personelle Veränderungen: Generalanwalt Christian Konrad, mit dem Sie sehr eng zusammenarbeiten, geht in Pension. Was bedeutet das für die Strabag?

Haselsteiner: Konrad ist über die Jahre ein enger Freund geworden, aber in der Strabag spielt er keine Rolle. Und sein Nachfolger Erwin Hameseder sitzt bereits im Aufsichtsrat und wird dort bleiben.

FORMAT: Erwarten Sie, dass Christian Konrad weiterhin im Hintergrund die Fäden zieht? Diesen Ruf hat er.

Haselsteiner: Na ja, er weiß auch, dass man die Macht nicht mehr zurückbekommt, wenn man sie erst einmal aus der Hand gegeben hat. So viele Fäden gibt es da also nicht zum Ziehen. Für uns kam sein Rückzug nicht überraschend. Christian Konrad ist 68 Jahre alt und hat eben andere Pläne.

FORMAT: Ist der drohende Machtverlust auch für Sie ein Thema? Sie sind ebenfalls 68, und Ihre Nachfolge an der Strabag-Spitze ist noch ungeklärt.

Haselsteiner: Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, sie wird gerade geformt.

FORMAT: Wo suchen Sie? In der Familie, im Konzern, bei der Konkurrenz? Einer Ihrer Söhne gilt als Anwärter.

Haselsteiner: Ich habe immer gesagt, dass ich prinzipiell ein vehementer Gegner der Erbpacht bin. Das heißt aber nicht, dass eine Familienlösung völlig ausgeschlossen ist. Ein Sohn aus meiner Ehe (gemeint ist Klemens, 31, Anm.) hat vielleicht Interesse, wir werden sehen.

FORMAT: Das wäre aber ein schweres Erbe, in Ihre Fußstapfen zu treten.

Haselsteiner: Ach wo! Er beerbt ja nicht mich, sondern höchstens meinen Nachfolger. Dann bin schon längst vergessen.

FORMAT: Einen logischen Nachfolger im Konzern, eine "Lichtgestalt“ neben Ihnen, gibt es aber nicht?

Haselsteiner: Es liegt ein Krisenplan in meiner Schublade, falls mir etwas zustoßen sollte. Meine Aufgabe würde dann Fritz Oberlerchner übernehmen, der ja mein Vize ist und das absolut könnte. Natürlich stehen manche Leute in meinem Schatten. Aber wenn ich weg bin, fällt die Sonne auf sie, und sie werden sich entsprechend entwickeln. Oberlerchner (er ist fast 64, Anm.) wird allerdings in einigen Jahren ebenfalls die Altersgrenze erreichen. Daher werde ich einen Zettel mit einem weiteren Namen in meinen Schreibtisch legen. Und diese Person wird jemand sein, der aus diesem Konzern ist. Jemanden von außen zu holen ist ein großes Risiko - und auch ein Armutszeugnis, wenn in einem großen Unternehmen niemand da ist, der infrage kommt.

FORMAT: Wie lange wollen Sie noch Vorstandsvorsitzender bleiben?

Haselsteiner: Ich bin bis Ende 2015 bestellt, aber Sie können davon ausgehen, dass ich diesen Zeitraum nicht bis zur Neige ausschöpfen werde.

FORMAT: Sind Sie glücklich, dass Oleg Deripaska wieder fixer Kernaktionär der Strabag ist?

Haselsteiner: Ich war nie unglücklich, weil er das immer war. Die Verpfändung war ja nie ein Problem. Im Gegenteil: Wir hätten in seiner damaligen Zwangslage mit dem Rückkauf zu einem extrem niedrigen Aktienkurs eine Milliarde Euro verdient. Darauf haben wir verzichtet, weil ich das als langfristige Geschäftsbeziehung sehe. Deripaska hat mir den Börsengang ermöglicht und in Russland zu einem gewissen Standing verholfen.

FORMAT: Treffen der allgemeine Fachkräftemangel und die Klagen über die Qualität der Lehrlinge auch die Strabag?

Haselsteiner: Wir haben grundsätzlich immer zu wenig gute Leute. Aber den Klagen über die zu geringen Kenntnisse der Lehrlinge kann ich mich absolut nicht anschließen. Man muss sich um die jungen Leute nur mehr bemühen und kümmern, weil die Schulen und Familien diese Aufgaben immer weniger übernehmen.

FORMAT: Die Stimmung in der Baubranche ist durchwachsen. Wie beurteilen Sie die allgemeine Lage?

Haselsteiner: Wir haben eine gute Auftragslage und können die Märkte ganz gut einschätzen. Für Depressionen besteht kein Anlass. Aber die Preise verfallen trotz guter Auftragslage, das kann dann nur psychologische Gründe haben. Jeder glaubt, dieser eine Auftrag ist der letzte, den es gibt, und will ihn um jeden Preis haben. Das ist fast eine Art Panik.

FORMAT: Wie kann die Politik gegensteuern?

Haselsteiner: Sie muss klarmachen, dass nicht nur gespart, sondern auch investiert werden muss. Bei den österreichischen Tunnel-Milliarden sieht man ja, wie schwierig das ist. Dabei geht es um einen Verteilungskampf: Wer die Tunnelprojekte kritisiert, tut das nur, weil er die Mittel gerne für etwas anderes hätte. Aber das wäre ja die Todsünde schlechthin, das Geld zu verbrauchen, ohne einen nachhaltigen Effekt auf die Infrastruktur und damit den Standort zu haben. Ausgaben für Bildung sind okay, für die Infrastruktur auch. Aber für weitere soziale Wohltaten, für den Erhalt von Pfründen und Funktionären im Föderalismus - nein.

FORMAT: Wie bewerten Sie das Sparpaket? Bringt es genug?

Haselsteiner: Es ist eine Pflichtübung, die getan wurde. Aber alles, was nennenswerten politischen Widerstand hervorgerufen hätte, wurde vermieden.

FORMAT: Also wird es ein weiteres Sparpaket geben?

Haselsteiner: Ja, sicher. Aber wenn man eine Föderalismusreform macht, ist das ja kein Sparpaket - sondern das Ergebnis bringt Einsparungen. Nur muss man davon Landeshauptmann Erwin Pröll erst einmal überzeugen und Michael Häupl klarmachen, dass er Bürgermeister von Wien bleibt, auch wenn das kein eigenes Bundesland mehr ist. Die Diskussion um die Lehrer ist symptomatisch: Jeder weiß, dass die Lehrer entweder zum Bund oder zu den Ländern gehören. Weil sich die Politiker aber nicht einigen können, bleibt alles, wie es ist - wider besseres Wissen.

FORMAT: Steht Europa der große Crash mit hoher Geldentwertung noch bevor?

Haselsteiner: Das glaube ich nicht. Aber vorbei ist die Krise noch lange nicht. Wir haben eine Schuldenkrise, obwohl Amerika und Japan höher verschuldet sind als Europa, das muss man auch mal sagen. Diese Schuldenkrise werden wir nur durch eine hohe, kontrollierte Inflation lösen, anders bringen wir die Schulden nicht weg. Ich kann mich erinnern an Jahre mit über zehn Prozent Inflation. Inflationsjahre sind nicht automatisch schlechte Jahre. Man muss das nur besser machen als jetzt in Griechenland, nicht so radikal.

FORMAT: Lieber Inflation als harte Sparmaßnahmen?

Haselsteiner: Mit hartem Sparen geht es natürlich auch - aber um welchen Preis? Dass die Wirtschaft und jedes Wachstum abgewürgt wird? Dieser Preis ist nicht gerechtfertigt. Und er ist auch nicht durchsetzbar, wenn es die Mehrheit der Bevölkerung in der Substanz trifft.

FORMAT: Der Korruptions-Untersuchungsausschuss liefert täglich neue Details. Wie korrupt ist dieses Land?

Haselsteiner: Das Bild, das in der Öffentlichkeit entsteht, ist überzogen. Ich habe Österreich als korruptionsarmes Land kennengelernt. Die Debatte, die jetzt geführt wird, ist politisch und nicht sachlich begründet. Es gab aber eine gewisse Zeit mit politischen Proponenten, die hier andere Maßstäbe angelegt haben.

FORMAT: Wen meinen Sie?

Haselsteiner: Wir haben diese Regierung aus freien Stücken gewählt - und da darf man sich hinterher nicht beschweren, dass man bestohlen wurde.

FORMAT: Auf der anderen Seite hat es mit der Telekom auch ein Unternehmen gegeben, das kräftig Geld verteilt hat …

Haselsteiner: Das ist ein echter Skandal. Aber die Telekom ist nicht Maßstab für die österreichische Wirtschaft, weil sie immer ein politnahes Unternehmen war. Notwendig sind Politiker, die bereit sind, entsprechende Maßnahmen durchzusetzen, weil sie nicht unbedingt wieder gewählt werden wollen.

FORMAT: Stehen Sie zur Verfügung?

Haselsteiner: Das ist etwas für Jüngere. Ich habe meine Pflicht bereits getan.

FORMAT: Sie haben damals das Liberale Forum aktiv und finanziell unterstützt. Unterstützen Sie jetzt die Piratenpartei?

Haselsteiner: Ich halte die Piraten nicht für eine Partei, sondern für eine Erscheinung. Man kann mit dem ausschließlichen Sammeln von Proteststimmen und viel Hetze keine gute Politik machen.

FORMAT: Sie haben sich immer wieder für eine höhere Besteuerung von Reichen ausgesprochen und werden dafür - von Vermögenden - kritisiert. Würden Sie wirklich gerne mehr Steuern zahlen?

Haselsteiner: Ich sage ja nicht, dass ich gerne mehr zahle, aber ich halte es für gerechtfertigt. Denn unvernünftig hohe Einkommen sollen unvernünftig hohe Steuersätze haben. Da gibt es eigentlich auch kein vernünftiges Gegenargument. Die Reichen, die sich darüber beschweren, sollen nicht so weinerlich sein.

FORMAT: Wie kann so eine Besteuerung aussehen?

Haselsteiner: Die erste Million Einkommen so wie jetzt besteuern, alles darüber mit progressiv ansteigenden Sätzen. Zusätzlich wäre es denkbar, dass diese überzogenen Einkommen steuerlich nicht mehr als Aufwand gelten, dann würden sich das die Firmen schnell überlegen. Mit diesen Regelungen brauche ich auch nicht mehr diese Schein-Aufregung über die Banker-Boni. Das ist so verlogen!

FORMAT: Sie engagieren sich sehr stark karitativ. Zuletzt haben Sie für die Flüchtlingshelferin Ute Bock in Wien ein großes Haus gekauft. Warum tun Sie das?

Haselsteiner: Weil ich es für die Pflicht wohlhabender Menschen und Organisationen halte. Auch macht es Spaß.

FORMAT: Warum sprechen Sie öffentlich wenig darüber?

Haselsteiner: Nur wer Gutes tut und damit nichts verknüpft, tut wirklich Gutes.

FORMAT: Westbahn, conwert, Semper Constantia: Warum suchen Sie sich für Ihre privaten Investitionen immer Problemfälle aus? Brauchen Sie auch außerhalb der Strabag "Baustellen“?

Haselsteiner: Das ist für mich auch eine Frage der Gestaltungsmöglichkeiten, die bei diesen Unternehmen natürlich größer sind - und es ist auch eine Frage der damit verbundenen Risikoprämie.

FORMAT: Westbahn-Chef Stefan Wehinger reagiert oft sehr emotional auf die ÖBB. Ärgern Sie sich auch so?

Haselsteiner: Die ÖBB sind in einer mehr als schwierigen Situation. Sie haben einen Rucksack zu tragen, der groß und schwer ist, und dazu noch Bergschuhe. Und die stehen jetzt an der Startlinie eines 100-Meter-Laufes, und der Läufer daneben hat Spikes. Jetzt werden die ÖBB ihren Rucksack nicht los, weil da die Gewerkschafter draufsitzen wie angeklebt. Also wird versucht, dem Sprinter mit den schweren Bergschuhen einige Spikes abzubrechen. Irgendwann wird man dann merken, dass das nichts nützt, weil der andere trotzdem schneller ist.

FORMAT: Wovon noch nichts zu sehen ist. Die Westbahn liegt rund 40 Prozent unter der Umsatzprognose von vier Millionen Euro pro Monat.

Haselsteiner: Ich war da von Anfang an vorsichtiger als das Management, insofern sehe ich das gelassen. Die Umsatzsituation ist nicht erfreulich, aber auch nicht beunruhigend.

FORMAT: Was werden Sie den ganzen Tag machen, wenn Sie in Pension gehen?

Haselsteiner: Das fragt mich meine Frau auch immer …

FORMAT: Und, was antworten Sie?

Haselsteiner: Ich habe ein ganzes Bündel von Interessen und Vorhaben. Ich werde mich verstärkt der Kunst und Kultur widmen, mich mehr um Sozialprojekte kümmern und auch das eine oder andere in der Wirtschaft begleiten. Und ich werde auch die eine oder andere Aufgabe für die Strabag übernehmen, in Absprache mit meinem Nachfolger. Vielleicht gehe ich in den conwert-Verwaltungsrat.

FORMAT: Und die Malediven oder die Seychellen locken nicht?

Haselsteiner: Bloß nicht, ich mag keine Fernreisen, wegen des Jetlags. Den nehme ich nur für das Skifahren in Kanada in Kauf. Und dort werde ich sicherlich mindestens eine Woche pro Jahr länger sein.

FORMAT: In unserem jüngsten Report über die Freimaurer werden auch Sie namentlich erwähnt. Hat Sie das geärgert?

Haselsteiner: Ich bin ein bekennender Freimaurer, daher hat mich das in keiner Weise geärgert. Mich stört viel mehr, was da so an Schmonzes verbreitet wurde und wird über geheime Opferrituale usw., das war schon unter diversen Päpsten und Adolf Hitler so.

FORMAT: Warum haben Sie sich dieser Organisation angeschlossen?

Haselsteiner: Die Freimaurer sind eine Vereinigung, die mit ihren Debatten absolut horizonterweiternd ist. Da wird ernst zu nehmend diskutiert, gesellschaftspolitische Themen haben dabei einen hohen Stellenwert. Das hat mich schon als junger Mann interessiert.

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