Die Porsche-Saga

Die Porsche-Saga

Der langjährige Chefredakteur des "Spiegel“ Stefan Aust gibt in seinem neuen Buch tiefe Einblicke, wie es bei den zwei reichsten österreichischen Familien, den Porsches und den Piëchs, so zugeht.

Das mag die scheue Familie gar nicht. Wenn sich jemand aus ihrem Kreis an die Öffentlichkeit wagt. Peter Daniell Porsche, 40, hat es dennoch getan und in einem Buch mit den Seinen abgerechnet. Der Urenkel des legendären VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche erhielt prompt Besuch von den Anwälten. "Einen Maulkorb hat man mir umgehängt“, sagt Porsche - dem immerhin ein Achtel der jährlichen Dividenden aus dem Sportwagenkonzern zustehen, die er größtenteils an ein Schulprojekt in Salzburg weiterleitet - gegenüber FORMAT.

Seine Kritik richtete sich vor allem gegen Ferdinand Piëch. Dem 75-jährigen, patriarchalischen VW-Aufsichtsratspräsidenten wirft er unter anderem Machtversessenheit vor. Die öffentliche Kritik zielt dabei im Übrigen auf einen Verwandten. Denn die Porsches und Piëchs entstammen demselben Geblüt: dem des Großvaters Ferdinand Porsche. Was sie trennt, ist lediglich der Name.

Doch die austro-deutsche PS-Dynastie, die ein Vermögen von rund 35,5 Milliarden Euro in Stiftungen hält und bei Volkswagen, dem bald größten Autokonzern der Welt, das Sagen hat, liegt seit jeher im Clinch und liefert sich zuweilen ordentliche Schlammschlachten. Einblicke in solche gewährt ein neues Buch von Stefan Aust. Der ehemalige Chefredakteur des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel“ zeichnet gemeinsam mit Co-Autor Thomas Ammann in "Die Porsche Saga“ den Aufstieg des Unternehmens zur Kultmarke nach, beschreibt, wie sich die Familien seit Jahren bekämpfen und wer das Imperium in der nächsten Generation führen soll.

Der Anfang des immerwährenden Zwists liegt in der geschwisterlichen Rivalität zwischen Ferry und Louise Porsche, die einen Piëch heiratete. Die beiden zankten sich täglich und waren laut Peter Daniell Porsche charakterlich grundverschieden. Zudem musste sich der Kronprinz ständig gegen seine aufmüpfige Schwester durchsetzen. Das ambivalente Verhältnis der zwei dürfte sich über all die Jahre in beiden Stämmen fortgesponnen haben.

Wie unterschiedlich Persönlichkeiten werden können, spiegelt sich letztlich auch in ihrer Ausbildung wider: So etwa wurde Ferdinand Piëch nach dem Tod seines Vaters auf ein Internat geschickt. Er verließ es abgehärtet und als Einzelkämpfer. Die Porsche-Kinder kamen zur gleichen Zeit in die Wohlfühlanstalt Waldorf-Schule.

Wie die Familien Beschlüsse fassen

Eine der wenigen Demonstrationen der Zweisamkeit inszenierten vor fünf Jahren die beiden Streithähne Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche in einem gemeinsamen Interview für den deutschen "stern“. In dem Gespräch zeigten sie sich in trauter Einigkeit. Ferdinand Piëch: "Wir diskutieren hinter verschlossenem Vorhang vieles, aber letztlich sind wir uns einig, wenn es um wichtige Dinge geht.“ Wolfgang Porsche assistierte: "Nur wenn man an einem Strang zieht, und zwar am gleichen Ende, ist man stark.“

Dass die Piëchs aufgrund einer geringfügig kleineren Beteiligung weniger mitzureden hätten, schloss Ferdinand Piëch damals aber aus: "Für eine Entscheidung sind bei uns mindestens 66,6 Prozent nötig, und die meisten Dinge müssen mit 75 Prozent der Stimmen beschlossen werden. In Wirklichkeit heißt das: entweder einstimmig oder gar nicht.“

Doch diese heterogene Zusammenarbeit fand nicht immer statt. In den 1970er-Jahren führte dies zu einem finalen unternehmerischen Kolbenreiber. Bei Porsche agierten damals Ferdinand Piëch (technischer Geschäftsführer), Hans-Peter Porsche (Produktionschef) sowie Ferdinand Alexander Porsche (Design-Verantwortlicher). Und deren Kooperation lief alles andere als rund. Jede noch so kleine Unstimmigkeit endete in einem lautstarken Drama. Die schwelenden Streitigkeiten setzten der Sportwagenfirma heftig zu. Und so mündete der Enkel-Fight in einer Gruppentherapie. Am Zell am Seer Familiendomizil, dem "Schüttgut“, schüttelte man 1972 den "Stuttgarter Erbfolgekrieg“ ab, startete die Motoren neu und kam zu einem einschneidenden Entschluss: Kein Porsche, kein Piëch und auch sonst kein Verwandter sollte jemals wieder eine operative Tätigkeit im Unternehmen ergreifen können.

Der junge Ferdinand Piëch war damals dabei und schildert die Entscheidung heute so: "Das war eher eine Satire auf gut gemeinte Bemühungen, und wir gerieten uns voll in die Wolle.“

Der raubeinige Kontrolleur war aber noch an einem weiteren Achsbruch beteiligt: So spannte er etwa seinem Cousin Gerd Porsche die Gattin Marlene aus. Trotz heftiger Interventionen vonseiten der Familie gab Piëch seine hübsche Eroberung nicht zurück.

Zuvor offenbarte auch sein ältester Bruder, Ernst Piëch, diplomatische Mängel: Er beschimpfte lauthals die Porsches bei einer Familienversammlung.

Piëch übernimmt Porsche

All dies führt wohl nicht zu einer harmonischen Familienidylle. Doch der Höhepunkt der Rivalität sollte erst Mitte der Nullerjahre kommen: Plan der Familien war es ursprünglich, mit Porsche den 15-mal größeren Autokonzern Volkswagen zu übernehmen.

Der Porsche Holding SE, die eigens für die Übernahme gegründet wurde, saß Wolfgang Porsche, derzeitiger Sprecher der Porsche-Sippe, vor. Und bei Volkswagen ist seit knapp zehn Jahren Ferdinand Piëch der mächtige Aufsichtsratspräsident. Binnen kurzer Zeit kippte Piëch die Richtung und integrierte Porsche in den VW-Konzern. Wolfgang Porsche stand 2009 mit tränenerstickter Stimme vor dem Personal und schwor: "Verlassen Sie sich auf mich. Der Mythos Porsche lebt und wird nicht untergehen.“

Peinigend für die Porschejaner und Piëchjaner ist die Tatsache, dass sie wie Pech und Schwefel aneinandergeschweißt sind. Die wasserdichten Konsortialverträge machen eine Trennung der Familienanteile fast unmöglich. Will der eine aussteigen, rückt der andere aus derselben Clique nach. Werden Aktien verkauft, müssen die der anderen Seite zuerst angeboten werden. Diese Aussicht des Ewig-verbunden-Seins erstickt oft viele Versöhnungsversuche.

Die menschlichen Marotten der Porsches und Piëchs sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in einer eigenen Welt leben. Peter Daniell Porsche erzählt etwa: "Bei verschiedenen Veranstaltungen, zu denen sich die Piëchs und Porsches trafen, trugen die Frauen aus dem Clan morgens, mittags und abends jeweils ein anderes Kleid. Meine Mutter durfte sich nur selten etwas Neues kaufen, und so fühlte sie sich in diesen Kreisen nicht wohl in ihrer Haut.“ Auch seine eigene Frau bekam die finanzielle Überheblichkeit immer wieder zu spüren, weil sie aus einfachen Verhältnissen stammt.

Zusammenwachsende Konzerne

So wie die Namen Porsche und Piëch sind auch die beiden Konzerne - VW und Porsche - seit Anbeginn untrennbar miteinander verbunden. 1936 gründeten Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry ein Werk in Stuttgart, wo sie den VW-Käfer als Prototypen testeten. Ein Jahr später wird in Wolfsburg das VW-Werk gebaut - dortiger Werksleiter: Schwiegersohn Anton Piëch.

Eine ewiges Bindeglied stellte auch die Porsche Holding mit Sitz in Salzburg dar. Ferdinand Porsche verhandelte mit dem damaligen VW-Chef Heinrich Nordhoff (dessen Tochter dann Ernst Piëch heiratete) die Vertriebsrechte der VW-Gefährte - vorerst einmal nur für Österreich. Daraus entstand ein Unternehmen, das im Vorjahr knapp 13 Milliarden Euro umsetzte. Für 3,3 Milliarden Euro brachte die Familie das Firmenjuwel im Vorjahr in den Volkswagen-Konzern ein, damit die Beteiligung an VW klappen konnte.

Und mit 1. August 2012 wurde die Fusion der Porsche AG geschafft. Die zwei Firmen, die nie zusammengehörten, waren viel mehr eine Einheit als die Porsche-Erben. Aber die neuen Generationen - aus beiden Häusern - stehen dem Grabendenken kritisch gegenüber, formieren sich bereits und stehen in den Startlöchern für neue Funktionen.

Damit verbunden ist nicht nur eine angesehene Tätigkeit, sondern auch eine monetär erkleckliche: So kassierte etwa Wolfgang Porsche als Aufsichtsratschef der Porsche Holding SE mit den damit verbundenen weiteren Kontrollfunktionen im Vorjahr 578.530 Euro. Auch hier hatte Ferdinand Piëch die Nase vorne: Er verdiente 945.862 Euro. Dahinter liegt Ferdinand Oliver Porsche, der auf 694.960 Euro kam.

Letztlich müssen die Nachfolger aber noch warten. Denn die dritte Generation hält das Lenkrad fest in Händen. Doch selbst Ferdinand Piëch lässt sich zu einer selbstkritischen Notiz hinreißen. "Die erste Generation baut das Unternehmen auf. Die zweite erhält es. Und die dritte Generation ruiniert alles. Das wäre uns ja auch fast gelungen“, so Piëch in einer TV-Dokumentation vor zwei Jahren.

Insgesamt umfasst der Clan 80 bis 100 Personen; darunter auch viele junge. Es gibt mindestens zehn potenzielle Nachfolger für Ferdinand Piëch, Wolfgang Porsche & Co. Den allerfähigsten sieht Ferdinand Piëch in seinem jüngsten Sohn Gregor Anton.

Der ist gerade mal 18 Jahre alt und soll zum künftigen Mastermind herangezogen werden. Ob er das selbst will, wird sich zeigen. Aber eines muss man dem Patriarchen Piëch zugestehen. Die künftige Übergabe hat er schon penibel geplant. Vorerst hat er seiner Frau Ursula ein Aufsichtsratsmandat bei Volkswagen beschert und testamentarisch verfügt, dass sie ihm nachfolgen soll - sie wird spätestens in fünf Jahren Aufsichtsratspräsidentin bei Volkswagen.

Nachfolger gesucht

Wolfgang Porsche hat laut Familien-Insidern seine Hausaufgaben noch nicht erledigt. Der früher als Society-Löwe und Veranstalter umtriebiger Jagdausflüge verschriene Mann hat noch keine Zeichen dafür gegeben, wer ihm als Porsche-Sprecher nachfolgen soll. Beste Chancen dafür dürfte Ferdinand Oliver Porsche haben, der bereits Aufsichtsratsmandate innehat und mit Hans Michel Piëch, Ferdinands Bruder und Rechtsanwalt in Wien, sehr gut kann. Die beiden Clan-Sprecher könnten in Zukunft einen gedeihlicheren Umgang miteinander einleiten. Es wäre auch ihre Aufgabe, die weitverzweigte Sippe wieder zusammenzuführen.

Bekanntlich dürfen Familienmitglieder seit dem "Stuttgarter Erbfolgekrieg“ keine operative Tätigkeit im Konzern mehr übernehmen. Das hat die Familien gezwungen, bürgerliche Berufe zu ergreifen, die sie in alle Welt verstreut ausüben: Mitglieder der Porsches und Piëchs arbeiten heute in Hongkong als Journalisten, in den USA als Anwälte oder verdienen sich in Spanien als Hoteliers ihr Brot.

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