Die Ölpest hält BP weiterhin im Würgegriff

Ein Jahr nach der Katastrophe im Golf von Mexiko ist die Zukunft von BP ungewiss. Und statt Erfolg zu bringen, entwickelt sich die geplante Allianz mit dem russischen Konzern Rosneft zu einem weiteren Desaster.

Tränen laufen Diana Wilson über das mit braunem Sirup verschmierte Gesicht. Die 62-jährige Krabbenfischerin hat einen langen Weg auf sich genommen, um ihrer Wut Luft zu machen. Aus ihrem Heimatort Seadrift in Texas flog die Amerikanerin am Donnerstag vor einer Woche zur Hauptversammlung von BP nach London. Doch obwohl sie sich Aktien des verhassten Ölkonzerns gekauft hatte, lassen sie die Sicherheitskräfte nicht in das Londoner Konferenzzentrum.

„Schande über BP“, schreit die Texanerin und schüttet sich mehr des wie Öl aussehenden Sirups über die Hände. „Unser Ort ist ausgestorben, das Meer tot.“ Vor dem Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko hatten die Fischer in Seadrift über hundert Schiffe. Davon seien heute nur noch drei übrig. BP-Chef Bob Dudley würde lügen, wenn er behaupte, der Golf sei wieder sauber. „Selbst die Fischer weigern sich, die Fische zu essen, die sie fangen.“

Ein Jahr ist es her, dass die Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte. Der Unfall führte zur schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA. Elf Menschen starben, 17 wurden verletzt, über 2.000 Kilometer Küste verseucht, Hunderttausende Tiere verendeten qualvoll. Über 87 Tage flossen insgesamt 780 Millionen Liter Öl ins Meer, bevor BP das Leck endlich schließen konnte.

Einen Teil des Öls konnten die Einsatzkräfte von BP zwar aus dem Meer fischen, die langfristigen Folgen für Natur und die Gesundheit der Menschen sind aber nicht absehbar.

Ebenso vage ist die Zukunft des britischen Ölkonzerns. Die endgültigen Kosten der Katastrophe sind überhaupt noch nicht einzuschätzen. Das gibt selbst BP-Chef Dudley zu. „Niemand weiß bislang, wie hoch die Kosten sein werden“, sagte der Amerikaner bei der Vorstellung des Geschäftsberichts im Februar.

Milliardendesaster

Umgerechnet 28 Milliarden Euro stellte der Konzern bislang für die Folgen der Ölpest zurück. Wegen der astronomischen Summe musste BP für das vergangene Jahr erstmals seit 1992 einen Verlust melden. Ob die Rückstellungen für die Katastrophe reichen, hängt auch von der US-Regierung ab: Je nachdem, ob sie dem Unternehmen grobe Fahrlässigkeit nachweisen kann, wird die Schadenersatzforderung zwischen 3,7 und 14,6 Milliarden Euro liegen.

Dass der Konzern an den Folgen des Desasters zerbrechen könnte, glaubt allerdings heute kaum noch jemand. Erfahrungen von vergleichbaren Katastrophen wie der Havarie des Öltankers Exxon Valdez 1989 zeigen, dass sich Schadenersatzklagen oft über Jahrzehnte hinziehen. Bei einem Jahresumsatz von rund 200 Milliarden Euro wird BP die Forderungen schultern können.

Ob der Konzern auch in Zukunft in der ersten Liga der Ölbranche mitspielen kann, ist dagegen eine ganz andere Frage. Um die Kosten der Katastrophe zu finanzieren, musste sich BP von Beteiligungen im Wert von rund 14,5 Milliarden Euro trennen. Weitere Verkäufe von bis zu sieben Milliarden Euro sind geplant. „BP wird ein anderes Unternehmen werden“, so Dudley. Der Konzern will einen Großteil des Raffineriegeschäfts verkaufen und sich auf die lukrativere Ölförderung konzentrieren.

Doch mit dieser Strategie lief es für Dudley bislang alles andere als rund. Denn BPs wichtigste Produktionsregionen sind der Golf von Mexiko und Russland. Vor dem Unfall der Deepwater Horizon förderte BP als größter Lizenznehmer im Golf zehn Prozent seiner weltweiten Öl- und Gasproduktion. Das von US-Präsident Barack Obama verhängte Moratorium für Tiefseebohrungen ist zwar inzwischen aufgehoben. Ab Juli darf BP im Golf aber wieder Öl fördern – allerdings ohne neue Quellen zu erschließen.

Russisches Roulette

Gewaltige Sorgen bereitet Konzernchef Dudley auch das Russlandgeschäft. Dort fördert BP rund 25 Prozent seiner weltweiten Produktion. Das Potenzial des Landes könnte für BP jedoch noch viel höher sein. In der südlichen Karasee im Norden Russlands lagern die wohl größten bisher nicht angebohrten Ressourcen des Planeten. Experten vermuten dort rund ein Fünftel der weltweit unentdeckten Ölvorkommen. Dementsprechend stolz kündigte Dudley im Jänner eine Allianz mit dem russischen Staatskonzern Rosneft an. Gemeinsam wollen die Unternehmen die Arktis erschließen. Parallel dazu sollte es einen Aktientausch im Wert von 5,4 Milliarden Euro geben. Doch was Dudley seinen Aktionären bei der Hauptversammlung am vergangenen Donnerstag als großen Coup präsentieren wollte, droht jetzt zum Fiasko zu werden.

Denn Dudley hat bei dem Geschäft hoch gepokert. Seit 2003 hält der britische Konzern 50 Prozent des russischen Joint Ventures TNK-BP. Die anderen 50 Prozent gehören der Oligarchengruppe AAR. Die Gesellschaftervereinbarung von TNK-BP verbietet es BP, mit einem anderen russischen Partner als AAR zusammenzuarbeiten.

Dudley ignorierte den Vertrag frech, offenbar, weil er auf die Rückendeckung des Kremls baute. Ausgehandelt hatte er das Geschäft nämlich mit Rosneft-Aufsichtsratschef Igor Sechin, der gleichzeitig Russlands Vizepräsident ist. Sechin musste jedoch am Montag von seinem Aufsichtsratsposten zurücktreten. Die geprellten Oligarchen gehen derweil auf die Barrikaden und ließen das Geschäft mit einer einstweiligen Verfügung stoppen. Wegen des Vertragsbruchs fordern sie sieben Milliarden Euro Schadenersatz von BP.

Das „Njet“ der Oligarchen

In der vergangenen Woche versuchte Dudley verzweifelt, einen Ausweg aus dem Desaster zu finden. Eine Möglichkeit wäre, den Anteil von AAR an TNK-BP zu übernehmen. Doch die Oligarchen, darunter schillernde Namen wie Viktor Vekselberg und Michail Fridman, wollen zu der von BP gebotenen Summe von 27 bis 28 Milliarden Dollar nicht verkaufen. Sie verlangen angeblich bis zu 40 Milliarden. Ein Betrag, den sich BP ein Jahr nach der Ölkatastrophe kaum leisten kann.

Am vergangenen Donnerstag wäre die Frist für den Aktientausch mit Rosneft ausgelaufen. Dudley konnte den Staatskonzern in letzter Minute überzeugen, ihm noch einen weiteren Monat Zeit zu geben. Eine Lösung ist das noch nicht, aber immerhin ein Aufschub.

– Tina Kaiser, London

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