"Die Nationalbank ist nicht erpressbar“

"Die Nationalbank ist nicht erpressbar“

FORMAT: Herr Nowotny, Sie waren SPÖ-Wirtschaftspolitiker, Bawag-PSK-General und WU-Professor. Jetzt sind Sie Nationalbank-Gouverneur. Wie hat sich das Image der Banker über 25 Jahre verändert?

Ewald Nowotny: Zweifellos hat sich das Bild über die Branche in den Krisenzeiten in der Bevölkerung stark gewandelt. Getrieben wurde dies vor allem durch die internationalen Entwicklungen. Wir sehen aber, dass das Image der "Hausbank“ in Österreich noch immer ein gutes ist. Das ist positiv.

Sie waren zu einer Zeit Professor an der Wirtschaftuni Wien, als der Beruf hoch angesehen war. Ist "Banker“ für viele WU-Studenten immer noch der Traumberuf oder ist "Zentralbanker“ more sexy?

Nowotny: Sicherlich gibt es in Summe weniger Junge, die in die Finanzbranche wollen. Erfreulich für uns als OeNB ist, dass wir eine große Zahl von qualifizierten Bewerbern haben. Heute sind Banker mehr Manager. Das ist gut. Die Patriarchen von früher gibt es nicht mehr.

Wie hat sich die Geschäftspolitik der Banken in den letzten fünf Jahren gewandelt?

Nowotny: Die hat sich natürlich, vor allem auf der internationalen Ebene, geändert, weil es ja massive Fehlentwicklungen gegeben hat. In Österreich haben die Banken überwiegend das traditionelle Einlagen- und Kreditgeschäft betrieben. Es gab aber auch Fehlentwicklungen. Ich denke da an die exzessive Vergabe von Fremdwährungskrediten, die wir als Nationalbank seit vielen Jahren kritisch beurteilt haben. Die Banken sind jetzt viel stärker - und das ist vielleicht das Wichtigste - risikobewusster als zuvor.

Ist im Ostgeschäft noch Geld zu verdienen, schlummert dort nur noch Risiko?

Nowotny: Ja, das muss man aber nach Staaten differenziert sehen. Die Profitabilität von Österreichs Banken in Osteuropa ist höher als im Inland. Das Risiko ist dabei in den vergangenen Jahren, auch dank unserer Vorgaben, beträchtlich reduziert werden. Fairerweise muss man hinzufügen: Ein Geschäft gänzlich ohne Risiko wird es nicht geben.

Wo sehen Sie das Risiko in Österreich?

Nowotny: Österreichs Banken stehen in Summe gut da, sieht man von den bekannten Problemfällen einmal ab. Die Banken sind stärker mit Eigenkapital unterlegt, haben höhere Risikovorsorgen gebildet und sie haben höhere Liquiditätspolster.

Agieren Nationalbank und Finanzmarktaufsicht nicht zu streng? Eigenkapitalanforderungen steigen stetig. Den Banken brechen aber die Erträge ein, und sie werden durch Zusatzsteuern ordentlich belastet.

Nowotny: Man darf die Aufsicht nicht isoliert für Österreich betrachten. Vieles was bei uns passiert, folgt europäischen, internationalen Regeln. Aber wichtig ist, die richtige Balance zu finden zwischen einer vernünftigen Regulierung, gleichzeitig aber auch zu schauen, dass die Banken ihrer Rolle in der Wirtschaft gerecht werden, Kredite vergeben und letztlich auch Geld verdienen können.

Erhöhte Eigenkapitalanforderungen verhindern das doch. Ist das alles nicht "Opium fürs Volk“? Bei einer echten Bankpleite reichen die Kapitalpolster ohnedies nicht.

Nowotny: Nein, das sind sie absolut nicht. Mehr Eigenkapital bestimmt das Risikoverhalten, und wir wollen ja letztlich mit mehr Eigenkapital verhindern, dass eine Bank, die zu viel Risiko nimmt und Pleite geht, nicht automatisch von einem Staat aufgefangen werden muss.

Banker kritisieren, dass der Regulator übers Ziel schießt. Ist das auch Ihre Meinung?

Nowotny: Das ist ja eine der Lehren aus der Krise. Vor der Krise gab es ein Zuviel an Deregulierung. Dass es jetzt zu einem Überschießen der Reregulierung kommt, das mag in manchen Fällen richtig sein. Wichtig ist, dass nun international koordiniert vorgegangen wird und darum bemühen wir uns als OeNB sehr.

Sind die fünf größten Banken Österreichs "too big to fail“? Was wurden in den vergangenen fünf Jahren gemacht, um Pleiten künftig zu verhindern?

Nowotny: Es muss uns klar sein, dass es auch in Hinkunft systemrelevante Banken geben wird. Bevor jedoch bei diesen Banken der Staat im Falle des Falles eingreift, werden diese Banken alle möglichen Maßnahmen zur eigenen Stärkung ausreizen müssen, wie etwa den Verkauf von Assets oder die Aufnahme frischen Kapitals. Was gerade die drei großen österreichischen Banken betrifft, hat sich deren Eigenkapitalpolster in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.

Wie hat sich Macht und Einfluss der drei Großen - Bank Austria, Erste Group und Raiffeisen - in Österreich verändert?

Nowotny: Banken sind heute nicht wichtiger oder einflussreicher als andere Unternehmen auch. Anders als noch vor drei Jahrzehnten, als die großen Banken über gewaltige Industriebeteiligungen verfügten. Früher war das Verhältnis zur Politik sicher viel enger. Ich erinnere mich gut an den legendären Chef der Deutschen Bank, Hermann Abs, der enormen Einfluss auf die Politik nahm.

Wie erpressbar sind Regierungen heute? Stichwort: Hypo Alpe-Adria.

Nowotny: Regierungen sind grundsätzlich nicht erpressbar. Manchmal stehen sie aber vor ökonomischen Notwendigkeiten, etwa wenn es darum geht, eine Bankpleite zu verhindern, um dadurch größeren Schaden für die Volkswirtschaft zu vermeiden. Hypo Alpe-Adria und Kommunalkredit sind in Österreich die größten Baustellen.

Was fordert die Nationalbank von den Banken, um nicht erpressbar zu sein?

Nowotny: Die OeNB ist nicht erpressbar.

Die Europäische Zentralbank, der sie als Mitglied des EZB-Rates angehören, wird künftig viel mehr Macht haben als vor der Krise. Wie sehen Sie das?

Nowotny: Die EZB hat gerade in Zeiten der Krise eine hohe Verantwortung übernommen und diese auch gelebt. Macht braucht aber auch Kontrolle, und die EZB hat, so sehe ich das, den heiklen Spagat zwischen Unabhängigkeit und demokratischer Legitimierung gut bewältigt. Es ist deshalb sehr sinnvoll, dass die EZB regelmäßig im Europäischen Parlament über die jüngsten Entwicklungen berichtet. So wie auch ich zwei Mal im Jahr dem Finanzausschuss des österreichischen Parlaments berichte. Die Regelung habe ich übrigens zu meiner Zeit als Vorsitzender des Finanzausschusses selbst eingeführt.

Glauben Sie, wird eine österreichische Bank beim nächsten EU-Stresstest durchfallen?

Nowotny: Darüber kann ich als Aufseher nicht spekulieren. Ich habe aber schon gesagt, dass sich die Eigenkapitalausstattung der Banken verbessert hat.

Wie hat sich die Profitabilität der Banken verändert? Was kommt auf uns zu?

Nowotny: Die Profitabilität von Österreichs Banken hat noch immer nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Die Banken sollten also kostenbewusster und effizienter werden, das schließt Filialschließungen ein. Über Fusionen möchte ich nicht spekulieren.

Wie ist das Problem Hypo Alpe-Adria zu lösen? Wie gehen sie mit dem Thema um?

Nowotny: Das ist primär ein Problem des Eigentümers. Wir als Aufsicht werden den von der EU vorgegebenen Restrukturierungskurs aber aufmerksam begleiten.

Ist der Aufbau einer Super-Bad-Bank aus Hypo Alpe-Adria, Kommunalkredit und ÖVAG sinnvoll? Bank Austria, Erste und RZB müssen da mitmachen, oder?

Nowotny: Es gibt Diskussionen über Bad Bank-Modelle. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sind Sie beim Erstellen des Kassasturzes in den Regierungsverhandlungen involviert? Was ist da alles drinnen?

Nowotny: Als Gouverneur der OeNB bin ich stets bereit, ökonomische Expertise zur Verfügung zu stellen. Ich bin aber nicht in konkrete Verhandlungen involviert. Dass gespart werden muss, scheint aber jedem klar zu sein.

Diese Woche ist Weltspartag. Wie hat sich Sparverhalten im Land verändert?

Nowotny: Wenig. Es gibt erfreulicherweise ein relativ stabiles Verhalten der Sparer, wenngleich die Sparquote insgesamt konjunkturbedingt gesunken ist.

Auf einer Schulnotenskala, welche Note erhält Österreichs Kreditwirtschaft?

Nowotny: Eine Schulklasse bekommt auch keine Gesamtnote. So wie in der Schule würde ich unterschiedliche Noten an jedes einzelne Kreditinstitut vergeben. Für die Zeugnisverteilung ist es aber noch zu früh.

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