Die heimliche Macht der Ökonomen

Die heimliche Macht der Ökonomen

Ökonomen rittern um die Vorherrschaft: Wie vier große Wissenschaftler-Gruppen um die Macht der Meinungen kämpfen.

Lernen Sie nun Andrej Schleifer, 52, kennen, den wahrscheinlich einflussreichsten Ökonomen der Welt. Mit 15 wanderte der gebürtige Russe in die USA aus, wo er mit Hilfe der TV-Serie "Charlie’s Angels“ Englisch lernte. Mit 25 wurde er vom späteren US-Finanzminister Larry Summers unter die Fittiche genommen, was 1991 zu einer Harvard-Professur führte. Von 1992 bis 1997 war Schleifer als Chefberater für das russische Privatisierungs-Programm verantwortlich. Dazwischen gründete er die Firma "LSV-Asset-Management“, die 50 Milliarden Dollar im Portfolio hat. Und parallel dazu fand der umtriebige Volkswirtschaftler noch Zeit, derart viele grundlegende Arbeiten - meist über Finanzmärkte und den Einfluss irrationalen menschlichen Verhaltens auf diese - zu verfassen, dass er als der produktivste und meistzitierte Ökonom des Planeten gilt.

Vor etwa zehn Jahren musste sich Schleifer aber wegen Amtsmissbrauchs und Insidertradings während der russischen Privatisierungen vor Gericht verantworten. Spätestens seit diesem Verfahren hat vor allem im anglo-amerikanischen Raum eine breite Diskussion und Macht und Einfluss der Gilde der Ökonomen eingesetzt.

Und mit Ausbruch der Schuldenkrise ist diese Debatte auch in Europa angelangt. Der große Richtungsstreit über die beste Rezeptur im Kampf gegen die Euro-Misere hat die Aufmerksamkeit auf eine akademische Zunft gelenkt, die vorher hauptsächlich durch Wehklagen über ihre mangelnde Bedeutung aufgefallen ist. Nun tragen die Vertreter der zwei großen volkswirtschaftlichen Denkschulen ihre Sträuße um Einfluss abseits des Elfenbeinturmes aus.

Auf der einen Seite steht die (neo-)liberale Schule in der Tradition des österreichischen Nobelpreisträgers Friedrich von Hayek, die Marktregulierung und staatliche Eingriffe weitgehend ablehnt und beinhartes Sparen als vorrangigen Ausweg aus dem Schulden-Dilemma sieht. In Deutschland und Österreich zeigte diese Gruppe Mitte 2012 lautstark auf, als etwa 160 Top-Ökonomen unter der Führung des streitbaren Wirtschaftsforschers Hans-Werner Sinn gegen die Bankenunion- und Rettungsschirm-Poltik von Angela Merkel wetterten.

Auf der anderen Seite agieren Ökonomen, die den Thesen des britischen Denkers John Maynard Keynes anhängen. Sie glauben an die Notwendigkeit staatlicher Steuerung und Beschränkung und nicht an die Selbstheilungskraft entfesselter Märkte. Also befürworten sie staatliche Finanzspritzen auch zum Preis neuer Schulden.

Angesichts von Staaten- und Banken-pleiten, der Niedrigzins-Politik der EZB, der Spar-Warnungen selbst des Währungsfonds oder der staatlichen Wachstums-Politik Frankreichs scheinen die Neo-Keynesianer momentan die Oberhand zu haben. "Aber auch diese vertreten bloß kurzfristige Korrekturen, vor allem auf dem Arbeits- und Finanzsektor zur langfristigen Stabilisierung freier Märkte“, meint der Ökonom Franz Hahn des heimischen Wifo.

Vor wenigen Wochen wurde eines der grundlegenden Thesenpapiere der beiden Star-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff - das Postulat, dass zu hohe Staatsschulden in die Rezession führen, also die akademische Untermauerung forcierter Sparpolitik - als zumindest fehlerhaft enttarnt. Seither hat die Debatte über Qualität und Macht der Ökonomen neuen Zündstoff bekommen. "Denn letztlich ist jeder Konsument und Steuerzahler von ihrer Arbeit betroffen“, sagt Christian Keuschnigg, Direktor des Instituts für höhere Studien (IHS).

Innerhalb der Ökonomen-Zunft wird inzwischen von vier großen Gruppen gesprochen, die ihren Einfluss in einem komplizierten Beziehung- und Abhängigkeitsgeflecht orchestrieren. Als da wären: die Macher, die Masterminds, die Anonymen und die Besserwisser.

1.) Die Macher: Notenbank-Generäle, Technokraten, Regierungsmitglieder

"Ökonomen, die es in hochrangige Exekutiv-Positionen geschafft haben“, sagt Keuschnigg. "sitzen an stärkeren Hebeln der Macht als viele Regierungschefs.“ Nicht umsonst rangieren beispielsweise Namen wie jene des US-Fed-Präsidenten Ben Bernanke, des EZB-Generals Mario Draghi, seines Vorgängers Jean-Claude Trichet oder des Ex-Chefs der Bank of England, Mervyn King, in den jährlichen Ökonomen-Ranglisten des britischen "Economist“ regelmäßig auf den vordersten Plätzen. Da sie seit Ausbruch der Krise allesamt eine Niedrigzins-Politik betreiben, um das maue Investitionsklima der Wirtschaft anzukurbeln, "sind sie fast durch die Bank der neo-keynesianischen Schule zuzuordnen“, sagt Hahn.

Wie selbstbewusst die Notenbank-Öknomen inzwischen geworden sind, hat ein Draghi-Sager am Rande einer Zypern-Diskussion beim heurigen Weltwirtschaftsforum in Davos offenbart. Es ging um die Frage, ob der Inselstaat "systemrelevant“ sei und eine Rettung durch die Euro-Staaten verdiene. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, ein Jurist, hatte das damals noch bezweifelt. Darauf Draghi trocken: Ob Zypern systemrelevant ist oder nicht, sei Sache von Ökonomen, nicht Juristen.

Manche Ökonomen gelangen in Regierungspositionen und haben mit ihren Ideen durchschlagenden Erfolg: wie etwa der deutsche Nachkriegs-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders. Aber selbst solche Leute "brauchen immer noch einen Expertenstab, der ihre Maßnahmen vorbereitet“, sagt Keuschnigg. "Und die orientieren sich an den maßgeblichen wissenschaftlichen Arbeiten der ökonomischen Vordenker.“

2.) Die Masterminds: Nobelpreisträger, Bestseller-Autoren, Endzeit-Propheten

Die Vertreter dieser Gruppe in den zweiten Rängen der ökonomischen Macht werden heute wie Hohepriester gehandelt. Doch je lauter sich Superstars zu Wort melden, desto geringer ist oft ihr wahrer Einfluss: sei es der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Joseph Stieglitz, oder der eloquente New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman, immerhin beide Nobelpreisträger; seien es Besteller- Autoren wie Doron Acemoglu ("Why Nations Fail“) oder Tomas Sedlacek ("Die Ökonomie von Gut und Böse“)

"Nehmen Sie den deutschen Wortführer Hans-Werner Sinn. Ein reputierter Ökonom, aber ein extremer Eiferer“, urteilt Wifo-Kollege Hahn. "Deswegen legen viele Entscheidungsträger mehr Wert auf die Schriften des bedächtigeren Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut. Der hat viel mehr Macht.“

Auf welch verschlungenen Wegen weithin unbekannte Ökonomen aus diesem Segment zu Einfluss gelangen, zeigt das Beispiel der stillen Harvard-Professorin Gita Gopinath, 41, einer Expertin für fiskale Wachstums-Politik. Über eine Empfehlung ihres Ex-Mentor Kenneth Rogoff wurde der Szene-Star Philippe Aghion auf sie aufmerksam. Der wiederum war Wahlkampfberater von Frankreichs späterem Präsidenten François Hollande und - schwupps - wurden Gopinaths Thesen zum Kernpunkt von dessen Anti-Austeritäts-Politik.

3.) Die Anonymen: Die Tafelrunden der Rating-Agenturen und Think-Tanks

Dass Staaten, die unter dem Kredit- Regime des IWF oder der Weltbank auf Vordermann gebracht werden, über die erbarmungslosen Urteile derer Länder-Analysten stöhnen, ist bekannt. Seit dem Ausbruch der Krise haben jedoch auch Europas Schuldenstaaten die unheimliche Macht der großteils namenlosen Trojka-Ökonomen schmerzhaft zu spüren bekommen. "Die Volkswirte in den Bewertungs-Kommissionen der Rating-Agenturen agieren hingegen praktisch völlig anonym“, sagt IHS-Chef Keuschnigg. "Aber die Macht ihre Ratings auf die Staatsbudgets ist enorm.“

4.) Die Besserwisser: Blogger, Kommentatoren und Sonntags-Ökonomen

So erstaunlich es auch klingen mag: Spätestens seit der Weltbank-Analyse "The Impact of Economic Blogs“ (2011) ist belegt, dass die Online-Kommentarseiten von Hobby-Ökonomen inzwischen "viel mehr leisten, als Forscher von ihrer Arbeit abzuhalten“, so Studienautor David McKenzie. "Ihr Einfluss auf die Wissenschaft nimmt mehr und mehr zu.“

Tatsächlich haben inzwischen Blogs wie jene eines gewissen Tyler Cowen, der "Marginal Revolution“ betreibt, täglich zehntausende Leser. Selbst deutschsprachige Seiten wie beispielsweise "Ökonomenstimme.de“ oder "vox.eu“ bestimmen zunehmend den tagesaktuellen Diskurs oder entscheiden sogar manchmal auch über die Reputation von Profis.

So geschehen im Fall des einst angesehenen Züricher Ökonomie-Professors Bruno Frey, der 2010 in etlichen Blogs als Selbst-Plagiator entlarvt wurde. Das trug ihm öffentliche Rügen von Fachmedien wie dem pingeligen "Journal of Economic Perspectives“ und ein Ermittlungsverfahren der Uni Zürich ein. Freys bis dahin recht beachtlicher Einfluss ist jedenfalls seither perdu.

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