Die gelbe Macht: Kein anderer Verein im Land hat mehr Mitglieder als der ÖAMTC

Der Autofahrerclub ÖAMTC ist mit 1,8 Millionen Mitgliedern und über 200 Millionen Euro Einnahmen Österreichs einflussreichster Verein. Nun expandiert der „gelbe Engel“ und lockt sogar Menschen ohne Auto an.

Egal ob Gefahren im Straßenverkehr zu Silvester, Streitereien wegen Biosprit-Beimischungen oder drohende Steuererhöhungen: Wenn es um die Interessen der Autofahrer geht, ist der ÖAMTC zur Stelle. Zuletzt waren es die steigenden Spritpreise, die den Autofahrerclub gewaltig erzürnten. „Die Preisspirale dreht sich erbarmungslos weiter. Noch nie hat ein Liter Superbenzin mehr als 1,50 Euro gekostet“, schimpften die ÖAMTC-Vertreter diese Woche.

Der „gelbe Engel“, wie der Österreichische Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC) gern genannt wird, ist ein politisches und wirtschaftliches Schwergewicht: Mit mehr als 1,8 Millionen Mitgliedern ist der 1946 gegründete ÖAMTC der größte Verein des Landes. Allein die Mitgliedschaftsbeiträge (inklusive Schutzbrief) haben dem Club vergangenes Jahr 145 Millionen Euro in die Kassa gespült. Dazu kommt ein weit verzweigtes Unternehmensgeflecht mit Reisebüros, Versicherungsgeschäft, Shops und Fahrtechnik-Zentren. In Summe liegen die Einnahmen bei über 200 Millionen Euro – mehr als namhafte Mittelstandsbetriebe wie die Waffelfabrik Manner und die Salzburger Stieglbrauerei vorweisen können.

Schwergewicht

Trotz der bereits hohen Mitgliederzahl sieht der ÖAMTC (Mitarbeiter 2010: 3.200) seine Grenzen noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Die geschäftlichen Aktivitäten sollen ausgebaut und neue Vereinsmitglieder angeworben werden – darunter sogar Leute, die gar kein Auto besitzen. „Bis 2014 wollen wir mehr als zwei Millionen Mitglieder haben“, verrät der seit Jänner amtierende ÖAMTC-Generalsekretär Oliver Schmerold im FORMAT-Interview .

Freilich bleibt die Kerndienstleistung die Pannenhilfe für gestrandete Autolenker. Im vergangenen Jahr rückten die ÖAMTC-Mitarbeiter immerhin 688.000-mal aus. Unter dem Schlagwort „100 Prozent Mobilität“ hat sich Schmerold nun zum Ziel gesetzt, dass Fahrer nach einer Panne keinesfalls irgendwo festsitzen dürfen. Wenn das Vehikel vor Ort nicht repariert werden kann, kommt ein Leihauto. „Die Zahl der Clubmobile haben wir in den vergangenen Jahren aufgestockt“, so Schmerold.

Auch das Informationsangebot für Autofahrer soll erweitert werden. So feilt der ÖAMTC an Handy-Apps für die günstigsten Tankstellen, Stauwarnungen und Parkinformationen. Derzeit wird auch nach einem Kooperationspartner gesucht, um noch detailliertere Daten zum Verkehr zu liefern.

Eigentlich hätte der ÖAMTC schon längst an Wachstumsgrenzen stoßen müssen. Denn die Zahl der Neuzulassungen stieg in den letzten Jahren kaum: 2009 wurden nur um 1,8 Prozent mehr Kraftfahrzeuge angemeldet. Auch dem wesentlich kleineren Mitbewerber ARBÖ, der rund 470.000 Mitglieder zählt, wirbt man kaum Leute ab. Doch dem ÖAMTC gelingt es, auch Menschen ohne Auto, etwa Pensionisten, Jugendliche und Radfahrer, für sich zu gewinnen. Die Mitgliedschaft ist da um 40 Prozent günstiger. „Wir wollen zum Mobilitätsclub werden. Bei jedem spielt das Auto eine gewisse Rolle“, meint Schmerold.

Vor allem um Jugendliche hat ein Rennen eingesetzt zwischen ARBÖ und ÖAMTC: Weil junge Autofahrer meist im Club der Eltern als Gratis-Anschlussmitglied dabei sind, versuchen die beiden Vereine die Jungen schon in Schulen, auf Radfahrübungsplätzen und in Fahrschulen für sich zu begeistern. Seit heuer bietet der ÖAMTC sogar eine Gratis-Mitgliedschaft für 15- bis 19-Jährige. Auch beim Marketing schenken sich die beiden Vereine nichts: Während der ÖAMTC im Winter mit einem zum Pistenbulli umgebauten VW-Bus die Werbetrommel rührte, ist der ARBÖ mit seinem Kasperl-„Puppomobil“ zu Kindergärten unterwegs. „Wir versuchen die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind“, so ARBÖ-Sprecherin Lydia Ninz.

Dass Menschen auch ohne Auto Mitglied beim Autofahrerclub werden, liegt vor allem an der breiten und oft sehr günstigen Service- und Produktpalette des Vereins: Rechtsberatung und Versicherungsangebote mit speziellen Konditionen, wie eine Haftpflichtversicherung, die auch für Radfahrer interessant ist. Darüber hinaus hat der ÖAMTC Dutzende Kooperationen mit Hotelketten, Restaurants und Kinos. Derzeit verhandelt man etwa mit den ÖBB über eine sogenannte Vorteilspartnerschaft.

Beispiel Reisen: Schnäppchenangebote für Mitglieder sind Tradition. Mittler weile rangiert der Automobilclub mit 37,7 Millionen Euro Umsatz unter den Top-Ten-Touristikern Österreichs. Rund 40 Prozent sind Mitglieder-Sonderreisen. „Der Umsatz von ÖAMTC Reisen steigt im Durchschnitt um vier bis fünf Prozent pro Jahr. Dieses Wachstum wollen wir beibehalten“, so Generalsekretär Schmerold.

Neben dem wirtschaftlichen Gewicht, verfügt der ÖAMTC auch über eine mächtige Lobbying-Position: Kein anderer Verein im Land hat mehr Mitglieder als der ÖAMTC. Parteien können von solchen Zahlen nur träumen. Im Vergleich dazu hat die SPÖ nur schlappe 300.000 Mitglieder. Nur die katholische Kirche hat mit mehr als 5,5 Millionen Mitgliedern mehr Gewicht. Allein das Magazin „auto touring“ hat 1,75 Millionen Leser, mehr als jedes andere Magazin im Land. Lediglich die „Kronen Zeitung“ hat mit 2,8 Millionen Lesern noch mehr Reichweite. „Um seine Interessen durchzusetzen, muss der ÖAMTC nicht wie andere Vereine seine Mitglieder zum Protest auf die Straße schicken. Allein das Drohpotenzial ist enorm“, analysiert Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ).

Vertreter des ÖAMTC sitzen in allen wichtigen verkehrsrelevanten Gremien und Arbeitsgruppen der Ministerien. Sogar in Brüssel haben die Österreicher ein Büro. „Wir wehren uns gegen die Besteuerung von Verkehr und Autos. Wir sind nicht gegen eine Ökologisierung, sehr wohl aber gegen eine reine Mehrbelastung ohne volkswirtschaftlichen Lenkungseffekt“, umreißt Schmerold die Position.

Heißestes Thema derzeit ist die Feinstaubbelastung in vielen österreichischen Städten. Experten meinen, dass das Problem mit Umweltzonen, einer Citymaut und einer Erhöhung der Parkgebühren leicht in den Griff zu bekommen ist. Doch der ÖAMTC kann sich für diese Ideen kaum erwärmen. Ebenso wehrt sich der Club gegen eine elektronische Vignette ähnlich der Lkw-Maut, die in vielen osteuropäischen Ländern eingeführt wird und den Verkehr reduzieren soll.

„Der ÖAMTC hat allzu oft ausschließlich eine Perspektive vom Lenkrad aus. Wir würden uns wünschen, dass er auch Autofahrer als Anrainer sieht, die unter den Abgasen leiden“, resümiert VCÖ-Mann Gratzer.

– Barbara Nothegger

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