Die Landnahme: Inmitten von Hungersnöten verkauft Afrika Millionen Hektar Grund

Im Gefolge der Krise sicherten sich aus­ländische Investoren 20 Millionen Hektar Land in Afrika. Äthiopien ­allein vergibt trotz Hungerkrise drei Millionen Hektar an Inder, Saudis und Chinesen. Ein Lokalaugenschein.

Ramakrishna Karuturi sitzt hinter einem imposanten Schreibtisch in einem Glaspalast in Addis Abeba, hinter ihm leuchten rote Rosen von der Tapete. Sein Schnurrbart glänzt, sein Kopf wackelt hin und her. Das sieht auf den ersten Blick zweifelnd und bedächtig aus, doch Karuturi kommt aus Bangalore, und dort unterstreicht man mit wackelndem Kopf enthusiastische Aussagen. „Acht Millionen Hungernde – was für eine Business-Chance!“, sagt Karuturi etwa. Oder: „Die Äthiopier am Land essen nur einmal am Tag, nur 1.000 Kalorien. Das ist viel zu wenig. Wenn sie nur auf 1.500 steigern: Was für ein Geschäft!“

549.000 Hek­tar für Karuturi
Derzeit hungern in Äthiopien nach ­einer Dürre acht Millionen Menschen. Der Grund: Sie haben nicht genug Geld, um Lebensmittel zu kaufen, die Hälfte der 80 Millionen Einwohner lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Aber wenn sich das ändert, will Karuturi an diesem Markt partizipieren. Sein Konzern heißt wie er selbst – und Karuturi ist in Europa zwar nicht sehr bekannt, doch es ist ein Weltkonzern, derzeit Weltmarktführer bei Blumen. Sieben Prozent der Blumen, die in Europa gekauft werden, werden von ihm geliefert. Aldi, Rewe, Edeka zählen zu den Kunden. Der Großteil wächst in Äthiopien. Deshalb hat Herr Karuturi sein Büro in Addis Abeba, und nun will er von hier aus einen neuen Boom-Markt erobern: Karuturi wird zum Agrobusiness-Konzern und will Anbauflächen für Biodiesel, Öl, Reis, Zucker und Weizen. Der Deal mit der Regierung steht. Karuturi least gerade 549.000 Hek­tar Land – 239.000 für Blumen, 310.000 für Lebensmittel und Energiepflanzen, derzeit für den Export, später vielleicht auch für Ostafrika. Der Vertrag läuft auf 40 Jahre, verlängerbar auf 80. Eine Milliarde will der Konzern hier investieren, um an den steigenden Lebensmittelpreisen und der Nachfrage nach Biodiesel zu verdienen. 549.000 Hektar: Das ist mehr als die Hälfte der gesamten österreichischen ­Agrarfläche und so viel, wie 549.000 durchschnittliche Kleinbauern in Äthio­pien gemeinsam zur Verfügung haben. Und Karuturi ist nicht allein: Die Regierung vergibt derzeit drei Millionen Hektar Land langfristig an ausländische Investoren – Inder, Saudis, Chinesen, Europäer. Das wirkt paradox, denn dieselbe Regierung tourt gerade durch die Welt und bittet um Lebensmittelhilfe in der schlimmsten Hungersnot seit zehn Jahren.
Doch Äthiopien ist kein Einzelfall.

Land ist Trumpf
In ganz Afrika reißen sich derzeit Investoren aus aller Welt dar­um, riesige Flächen an Land zu kaufen. Allein in den letzten zwei Jahren wurden nach Schätzung der Organisation GRAIN 20 Millionen Hektar vergeben – fast 20-mal Österreichs Agrarfläche, mehr als die bebaubare Fläche ganz Deutschlands (siehe Karte ) . Weltweit sind bereits 40 Millionen Hektar in Entwicklungsländern an ausländische Investoren gegangen: Land ist Trumpf in Zeiten der Krise. Die Gründe sind vielfältig: Da sind einmal Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait oder China, die von Lebensmittelimporten abhängig sind und im Jahr 2007, als im Gefolge der Subprime-Krise die Rohstoff-Preise explodierten und Dutzende Länder Exportverbote verhängten, einen Schock erlitten. Sie sichern sich nun Land in Afrika und Lateinamerika, um dort selbst ihre Lebensmittel anzubauen. Da ist zweitens der Boom von Bio­diesel, angefeuert durch Klimawandel und das Damoklesschwert namens Peak Oil, das Konzerne dazu verleitet, in Land zu investieren: Der südkoreanische Automobilkonzern Daewoo etwa wollte im September die Hälfte der Agrarfläche Madagaskars kaufen, um dort pflanzlichen Treibstoff zu produzieren. Der Deal scheiterte vorerst an den dortigen Aufständen. Und da sind drittens die Finanzinves­toren, die einfach exakt rechnen. Steigen­de Bevölkerungszahlen, Klimawandel, Bio­diesel, schwindende Wasserreserven und Landflucht – das alles steigert die Nachfrage nach Lebensmitteln. Deshalb investieren Hedgefonds gleichermaßen in Land wie die Beamten-Pensionsfonds etwa der Niederlande oder Alaskas.

Hoffen auf Investitionen
Doch warum geben die afrikanischen Regierungen, die ihre hungernde Bevölkerung zu versorgen haben, das Land ab – und verlangen kaum etwas dafür? Esayas Kebede kann das erklären: Er leitet die staatliche Agentur, die geeignetes Land auswählt und es Investoren anbietet. Sein Büro ist klein, von der Wand blättert Farbe. Doch seine Pläne sind groß. „Wir brauchen die Investitionen“, erklärt Kebede. „Unsere Landwirtschaft ist nicht intensiv genug, die Produktivität ist zu niedrig. Ausländische Investitionen bringen Technologie und Arbeitsplätze.“ Wenn genug Leute bei den Investoren arbeiten, erklärt Kebede, dann geben sie Geld aus und kurbeln die Wirtschaft an. Deshalb erstellt Kebede Angebotsmappen mit Stellitenbildern und Bodenanalysen für Saudis, Inder, Chinesen. 1,6 Millionen Hektar sind bereits identifiziert, bis 2012 sollen noch einmal so viel dazukommen. Der Staat ist bereit, dafür viel zu tun: Er stellt Staudämme für Bewässerung zur Verfügung, baut die Straßen und Stromleitungen. Fünf Jahre ist keine Steuer zu zahlen, Exportzölle gibt es für Ausländer nicht. Und der Preis des Landes? „Es ist billig, sehr billig. Am Geld soll es nicht scheitern“, versichert Kebede. Das freut die Saudis, die sich kürzlich 500.000 Hektar in Äthiopien gesichert haben. In Tansania haben sie bereits ebenso viel geleast, im Sudan, in Ägypten und in Marokko haben sie Land gekauft. Doch hier ging es besonders glatt: Der Deal wurde von Scheich Mohammed Hussein Ali Al Amoudi eingefädelt, geboren in Äthiopien und zugleich der zweitreichste Saudi. „Forbes“ listet Al Amoudi auf Platz 43 der Reichsten der Welt. Ihm gehört etwa das Sheraton in Addis Abeba, in dem die Regierungschefs der Afrikanischen Union ein und aus gehen. In der luxuriösen Bar des Hotels nimmt der Ministerpräsident gerne bei Livemusik seinen Feierabend-Drink. Al Amoudi pachtete bereits 2008 10.000 Hektar Land und baute darauf Reis an. Am 20. August brachte er dem saudischen König eine Kostprobe, der Herrscher fand sie wohlschmeckend. Also gründete Al Amoudi Anfang September die Firma Saudi Star und fädelte den 500.000-Hektar-Deal ein. Anfang November bestellte die Firma für 98 Millionen Dollar Caterpillars.

Arbeitskraft und Gastfreundschaft
Geschwiegen wird darüber nicht: An der Flughafenstraße in Addis hängen gigantische Transparente von Saudi Star an der Messehalle, die der Scheich extra renovieren ließ, um dort eine Agrar-Investment-Messe auszurichten. Am 14. und 15. November informierten sich hier 50 weitere saudische Investoren, das Wohlwollen ihres Königs im Rücken, auf dem „Saudi-Ostafrika-Forum“ über Landkauf in Äthio­pien. „Warum attraktiv?“ steht auf einem der Poster, das die Investitionsagentur dafür angefertigt hat, über dem Foto einer saftig grünen Wiese. „Weites, fruchtbares, bewässerbares Land zu niedrigen Preisen. Billige Arbeitskräfte. Herzliche Gastfreundschaft.“ Daneben ist eine Karte Äthiopiens gedruckt. Jene Teile des Landes, die für Investoren zur Verfügung stehen, sind fett markiert. Von Enteignungen oder Entschädigungen ist dabei niemals die Rede. Die größten Flächen liegen in der Provinz Gam­bella, an der Grenze zum Sudan. „Dort ist alles leer“, sagt Herr Kebede von der Investitionsagentur. „Äthiopien hat 74 Millionen Hektar bebaubares Land, nur 15 Millionen sind kultiviert. Da ist Platz genug.“ Die Regierung hat bei der Vergabe des Landes leichtes Spiel: Seit der kommunistischen Diktatur der 1980er-Jahre ist das Land verstaatlicht, Landtitel existieren deshalb nicht – wie in vielen Ländern Afri­kas. Derzeit protestieren zwar enteignete Bauern, denen von einer Rosenfarm 25.000 Euro für ihr Land versprochen wurden, vor Gericht haben sie allerdings keine Chance. „Das Land ist nicht leer, sondern wird den Bauern dort weggenommen“, meint ein Politikwissenschaftler aus Addis, der den Landkauf recherchiert hat. „Der Hauptgrund für den Verkauf ist Korruption: Die Regierung verdient sich an den Kick-back-Zahlungen eine goldene Nase.“ Seinen Namen will der Experte nicht in der Zeitung sehen: Kritik an Korruption hat ihn bereits seinen Job gekostet und mit einem Fuß ins Gefängnis gebracht.

Hunger nach Devisen
Doch Korruption weist die Regierung weit von sich – sie hat auch abseits des Trickle-down-Effekts gute Argumente für den Ausverkauf: Das Land ist verschuldet, die Handelsbilanz ist permanent negativ. Deshalb ist auch angesichts der Hungersnot die Versorgung der eigenen Bevölkerung kein Ziel. Die Investoren sollen exportieren. In einem Land, das hungert? „Die Nahrungsmittelversorgung bei uns kommt von den Kleinbauern, das sollen die Investoren nicht übernehmen“, meint Kebede von der Investitionsagentur. Doch 70 Prozent der Bauern in Äthiopien haben weniger als ein Hektar, weitere 20 Prozent weniger als zwei. Klimawandel und Ero­sion treiben immer mehr in den Hunger – und so in die Migration: erst in die Städte, dann auf den langen Weg nach Europa. „Eben: Wir brauchen Arbeitsplätze“, sagt Kebede. Für ihn sind die Investitionen eine Win-win-Situation. „Arbeiter? Brauchen wir für die neuen Flächen kaum“, sagt hingegen Herr Karuturi vom indischen Agrarkonzern und deutet auf seinen Besprechungstisch. Dort stehen, gruppiert um einen Rosenstrauß, gelbe Spielzeug-Caterpillars, wie sie bald auf den neuen Anbauflächen fahren werden. Doch im Rosenanbau ist das anders: 5.000 Äthiopier beschäftigt der Konzern derzeit. 5.000 sollen nächstes Jahr dazukommen – bei 40 Prozent Arbeitslosigkeit in Adddis und Landflucht ein gutes Argument. Außerdem lernen seine Arbeiter, wie das Business funktioniert, und können dann selbst eine Farm aufmachen. „Eine Win-win-Situation“, sagt auch Karuturi und schwärmt von Hunderten Entrepreneuren.

Zehn Euro Monatslohn
Einer davon könnte wohl Asseta Seyoum sein. Er ist 21, hat Gartenbau studiert und kümmert sich als Supervisor auf der Karuturi-Farm in Holleta um die Rosen. Es ist die kleinste Farm des Konzerns in Äthiopien: 40 Millionen Rosenstöcke, die täglich 40 Millionen Liter Grundwasser verbrauchen, heraufgepumpt aus drei Bohrlöchern. Täglich verlassen 150.000 Rosen die Farm, über Nacht werden sie in Kühlflugzeugen nach Holland geflogen. Von dort aus verteilt Karuturi die Blumen über die Welt. Derzeit bereitet sich die Farm auf den Valentinstag vor: Am 1. Dezember müssen die roten Rosen gepflanzt sein. Seyoum pfropft sie gerade auf. Er ist ausgebildet, hat eine Führungsposition. Er ist das, was sich die Regierung erhofft: der Empfänger des Trickle-down-Effekts. Würde er gerne eine eigene Farm gründen und selbst Blumen exportieren, wenn er genug gelernt hat? „Natürlich möchte ich das, aber es wird nie funktionieren“, sagt Seyoum. „Ich verdiene im Monat etwa 40 Euro. Mein Zimmer kostet 20 Euro, ein Liter Diesel 70 Cent – wie soll ich Geld sparen, um zu investieren?“ Der indische Manager der Farm, Salendra Tyagi, steht daneben und lacht. Würde er seine Leute denn beim Start in die Selbständigkeit unterstützen, wie sich die Regierung das wünscht? „Auf keinen Fall“, sagt Tyagi und zerstört die schöne Story der Win-win-Situation auf einen Schlag. „Er kann zur Bank gehen, aber Banken geben nur denen Geld, die es schon haben. Und das ist gut so: Wer würde sonst noch für uns arbeiten?“ Dabei verdient Seyoum noch gut. Die ungelernten Arbeiterinnen arbeiten sechs Tage die Woche und gehen mit 40 Cent Tageslohn nachhause – die Hälfte eines indischen Niedrigstlohns. Ayana, 26, verdient so nur knapp zehn Euro im Monat. Die ­Hälfte gibt sie für einen Schlafplatz aus, vom Rest kauft sie ihrem Sohn, den sie alle zwei Wochen sieht, Lebensmittel: etwa Nudeln. Eine Packung kostet zwei Tageslöhne. Der erhoffte Konsumschub wird von diesen Arbeiterinnen nicht ­kommen.

Neokolonialismus und neuer Feudalismus
Beispiele wie diese finden sich nun auch in den Reports der internationalen Organisationen zuhauf: Die OECD, das World Food Programme, die deutsche GTZ und eine ausführliche Studie der Welternährungsorganisation FAO kommen alle zum Schluss, dass der massive Landverkauf der Bevölkerung keine Vorteile bringt. „Die Verträge sind sehr dünn, es gibt keine Absicherungen“, sagt David Hallam von der FAO. „Wir sehen Papiere von Ministern, in denen sie praktisch alles versprechen, ohne Bedingungen und ohne Kontrollen.“ Auf dem Welternährungsgipfel in Rom war der Run der Investoren auf das Land der Entwicklungsländer das Hauptthema: Vor dem Tagungsgebäude demonstrierten Bauern gegen den neuen Feudalismus, drinnen wurde um Richtlinien gerungen. Herausgekommen ist die Absicht, in den nächsten zwei Jahren einen Verhaltenskodex auszuarbeiten – aber nicht bindend. Doch bis dahin wird Äthiopien bereits drei Millionen Hektar Land auf 40 bis 100 Jahre verleast haben. Sollte es sich die nächste Regierung dann anders überlegen und das Land zurückwollen, hat sie keine Chance: Die Verträge sind durch internatio­nale Abkommen gesichert, einklagbar vor der WTO. Der Chef der FAO, Jacques ­Diouf, hat dafür ein klares Wort: „Neokolonialismus.“ Doch sein moralischer Appell verpufft: Die neuen Kolonialherren sind anonyme Fonds oder kommen selbst aus ehemaligen Kolonien – Indien, China, arabische Länder. Ihr schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen.

Corinna Milborn, Addis Abeba

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