"Die Krise hat der Vermögensforschung eine Hochkonjunktur beschert"

Der Reichenforscher Thomas Druyen über die Objekte seiner Untersuchungen, die Auswirkungen der Krise auf die wirklich Vermögenden, Verteilungsgerechtigkeit und Neid.

FORMAT: Herr Druyen, haben Sie als Reichenforscher jetzt nach der Krise eigentlich weniger Forschungsobjekte?

Druyen: Im Gegenteil! Die bisherige Krise hat der Vermögensforschung eine Hochkonjunktur beschert. Dieser historische Einschnitt hat natürlich zu persönlichen und institutionellen Vermögensverlusten geführt – und zu neuen Fragen. Man rätselt, wie das Finanzsystem nun funktioniert. Diese krisenbedingte Verunsicherung trifft auch die Vermögenden. Viele von ihnen sind ja bei der Verwaltung ihres Vermögens auf Beratung angewiesen.

FORMAT: Hat sich auch die Einstellung der Reichen zu Vermögen und Reichtum geändert?

Druyen: Überwiegend ja. Die Einsicht ist gestiegen, dass die globale Vernetzung zu gegenseitigen Abhängigkeiten geführt hat, denen man auch mit viel Geld kaum entrinnen kann. Verantwortung ist nun keine Kür von persönlicher Großzügigkeit, sondern eine Strategie zur Vorsorge.

FORMAT: Manche ätzen, dass die Krise als positiven Nebeneffekt für mehr Verteilungsgerechtigkeit gesorgt habe, weil sie Vermögende überproportional stark betraf. Stimmt das?

Druyen: Diese Schlussfolgerung ist kurzsichtig. Wenn sich Verteilungsgerechtigkeit nur unter dem Einfluss von Krisen und Katastrophen vollzieht, scheint mir die demokratische Vernunft bereits ausgehebelt. Die grundlegende Voraussetzung für Verteilungsgerechtigkeit ist Chancengerechtigkeit auf Einkommensmöglichkeiten. Das gelingt nur, wenn Bildung und Ausbildung gefördert werden.

FORMAT: Die Verteilungsfrage ist in Österreich gerade aufgrund der aktuellen Landtagswahlen und Budgetverhandlungen ein politisches Schlagwort.

Druyen: Verteilungsdebatten in Wahlkampfarenen sind immer problematisch. Sie zielen logischerweise auf die Mehrheiten der Bevölkerung, die nicht wohlhabend sind. Beim Begriff Verteilungsgerechtigkeit frage ich mich immer, wer soll über die Verteilung bestimmen?

FORMAT: Und was denken Sie?

Druyen: Die verlässliche Anwendung demokratischer Prinzipien wie unter anderem eine faire und überschaubare Steuergesetzgebung, mehr Bürgerbeteiligung bei Grundsatzentscheidungen, ausreichende Arbeits- und Beschäftigungsplätze, Stärkung unternehmerischer Aktivitäten und eine Erneuerung politischer Logik scheinen mir gute Voraussetzungen dafür zu sein.

FORMAT: Gerade wenn es um Veränderungen im Steuersystem, etwa um die Aufhebung von Steuervorteilen für Stiftungen, geht, wird allerdings immer vor der „Flüchtigkeit“ des Kapitals gewarnt.

Druyen: Ich bin Vermögenswissenschaftler und kein Kapitalfluchtforscher. Wir erforschen, wie Vermögen entsteht, wie Verantwortung wahrgenommen wird und welche psychologischen Begleiterscheinungen mit Vermögen verbunden sind.

FORMAT: Aber entsteht Vermögen nicht auch dadurch, dass man es an jene Orte bringt, wo es am besten wachsen kann?

Druyen: Solange es gesetzliche Freiräume gibt, wird es in allen Milieus Menschen geben, die diese für sich nutzen. Das gilt also nicht nur für Vermögende. Es geht darum, eine vernünftige und nachvollziehbare Steuergesetzgebung zu schaffen, die für alle Bürger transparent ist. Hier wäre die Politik gefragt, die aber zu oft nur an ihre Wiederwahl denkt. Es sollte zumindest darüber diskutiert werden können, ob zum Beispiel eine proportionale Besteuerung mit sozialen Abfederungen nicht gerechter wäre als eine progressive mit Schlupflöchern.

FORMAT: Gibt es so etwas wie eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft?

Druyen: Alle Mitglieder eines Gemeinwesens tragen Verantwortung im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dass den Wohlhabenden eine proportional größere Aufgabe zukommt, sollte in Zukunft selbstverständlich sein. Die Bereitschaft dazu scheint mir zu steigen, wenn die Verwendung ihrer Mittel transparenter wird.

FORMAT: Sind die Österreicher durch die Krise neidischer geworden? Oder stellen Sie jetzt eine gewisse Schadenfreude gegenüber nun weniger Reichen fest?

Druyen: Die Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz sind in dieser Frage nicht sehr groß. Neid ist schon seit Jahren ein Dauerthema, und Schadenfreude kommt immer dann vermehrt auf, wenn sich unverdiente Privilegien in Luft auflösen. Beide Gefühle haben psychologische Auswirkungen entweder als negativer Virus, als Kompensation oder als Ansporn. Im Einzelfall kann der Neid aber durchaus dem gesunden Menschenverstand entsprechen.

FORMAT: Gerade in den USA gibt es immer mehr Milliardäre, die Teile ihres Vermögens für soziale Zwecke spenden. PR-Gag oder sinnvolles Engagement?

Druyen: Für spektakuläre PR-Aktivitäten braucht man nicht die Hälfte eines Milliardenvermögens einzusetzen, das geht auch kostengünstiger. In Amerika gehört die Philanthropie in allen Milieus zur Bürgerpflicht. Wie immer sollte man aber zwischen Ankündigung und Einlösung abwarten, was wirklich passiert.

FORMAT: Warum sind solche Großspenden im deutschen Sprachraum so selten?

Druyen: Wir haben viel wirksamere Sozialsysteme als die Amerikaner. Insofern wurde die Verantwortung für humanistische Intervention über Steuern und Abgaben weitgehend an den Staat delegiert. Dennoch wird auch bei uns die Verantwortung privater Zuwendungen steigen.

FORMAT: Ist der Umgang mit Geld im deutschen Sprachraum ein grundsätzlich anderer als in den USA?

Druyen: Generalisierungen sind immer leichtfertig. Dennoch wage ich zu sagen, dass bisher Vorsicht, Verlustangst und eine gewisse Risikohemmung für den deutschsprachigen Kulturraum signifikant sind. In den jüngeren Generationen bröckelt diese Mentalität allerdings. Geld wird zunehmend als Medium betrachtet, mit dem man unternehmerisch agieren kann. In den USA werden Misserfolg und Geldverlust allerdings immer noch leichter kompensiert als in Europa – und meistens mit einem neuen Versuch beantwortet.

FORMAT: Kann man eigentlich je genug Geld haben?

Druyen: Man hat weltweit den Eindruck, als sei das ein Fass ohne Boden. Es gibt aber in allen Milieus und auch bei den Superreichen Personen, die sich dem Mammon nicht ausliefern. Je verantwortungsbewusster der Charakter, umso eher können Geist und Geld eine sinn- und gemeinschaftsstiftende Funktion übernehmen. Genau dies nenne ich Vermögenskultur.

- Interview: Martina Bachler

Zur Person: Thomas Druyen, 53, ist Soziologe und Vermögensforscher. Der Düsseldorfer leitet den Lehrstuhl für Vermögenskultur an der Sigmund Freud Privat-Universität Wien und das Forum für Vermögensforschung in Münster. Druyen ist unter anderem im Kuratorium der Stiftung „Dialog der Generationen“ sowie Stiftungsrat der Liechtensteiner LGT Academy. Er forscht zur Entstehung von Vermögen und seinen Begleiterscheinungen.

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