"Die Krise bringt den Fußball nicht um":
Franz Beckenbauer im FORMAT-Interview

Franz Beckenbauer über Fußball und Geld: Warum Stars überbezahlt sind, Oligarchen-Milliarden Sachverstand nicht ersetzen, die Bayern die Lederhosen noch anhaben und warum Freund Mateschitz Millionen rollen lässt. Der Präsident des FC Bayern, der sein Amt im November an Nachfolger Uli Hoeneß übergeben wird, sprach zum Abschluss der Saison mit Michael Kuhn.

FORMAT: Frage an den FC-Bayern-Präsidenten nach dem Champions-League-Finale: Warum spielen die von der ganzen Fußballwelt vergötterten Superstars Messi und Ronaldo eigentlich nicht bei den Bayern, die ja nicht am Hungertuch nagen?
Beckenbauer: Aus mehreren Gründen, abgesehen davon, dass zwischen reich und wohlhabend ein Unterschied ist. Erstens einmal zieht es Südamerikaner schon aus sprachlichen Gründen vornehmlich nach Spanien. Aber der Hauptgrund ist Geld. In England zahlen Profifußballer die halben Steuern. Es ist schon ein Unterschied, ob man von 20 Millionen Pfund 50 Prozent an den Fiskus abgeben muss oder weniger. Ähnliche Steuervorteile gelten für Fußballer auch in Italien und Spanien.
FORMAT: Das Geld rollt also auf der Insel. Wie es aussieht, kann man im Fußball Erfolg doch mit dem Scheckbuch kaufen.
Beckenbauer: Nur bedingt. Mit Geld kann man im Fußball viel bewegen, aber nichts garantieren. Das ist ja das Schöne und Unberechenbare an unserem Sport. Die sogenannten Oligarchen aus Russland investieren Unsummen in erstklassige Fußballer, Unsummen, die für einen ordentlichen Fußballkaufmann nicht zu rechtfertigen sind. Aber was man zum Glück eindeutig nicht kaufen kann, das ist der Sachverstand. Die Milliardäre brauchen im Hintergrund Leute, die sie in -Sachen Fußballphilosophie und Transferpolitik beraten. Gut und ehrlich beraten.

"Österreich kann Große nur ärgern"
FORMAT: Diese Einschätzung gilt wohl auch für Österreich … natürlich in anderen Dimensionen.
Beckenbauer: Natürlich. In eurem Land sind Frank Stronach oder Didi Mateschitz für den Fußball genauso wichtig, wie Chelsea-Eigner Abramovich es für England ist. Als hochintelligenter Mensch hat Mateschitz die Grundlagen des Fußballs bald begriffen, obwohl ihn dieser Sport früher nicht interessiert hat. Ich habe ihm seinerzeit, als ich ihn aus Freundschaft -beriet, gesagt: Und wenn du zehn Fallschirmspringer zugleich aus einer Felswand springen lässt – das Marketinginstrument Nummer 1 im Sport ist und bleibt der Fußball. Das hat er als Marketinggenie schnell kapiert. Und er hat vernünftige sportliche Berater wie Heinz Hochhauser, denen er vertraut.
FORMAT: Heißt das, dass der neue österreichische Meister auch international eine Rolle spielen könnte?
Beckenbauer: Die Österreicher werden die Großen immer nur ärgern können, mehr bestimmt nicht. Ich glaube immer noch, dass Red Bull Salzburg in der Champions-League-Qualifikation weit kommen kann. Sie waren ja schon nahe daran.

"Talente verschwinden plötzlich"
FORMAT: Ist eine so emotionelle Sportart wie Fußball überhaupt wie ein Geschäftsunternehmen zu führen?
Beckenbauer: Sicherlich ist nicht jedes Geschäftsmodell eins zu eins auf den Sport übertragbar. Emotionen, die man sieht und spürt, müssen sich mit kühlem Sachverstand die Waage halten.
FORMAT: Gefördert durch die Strategie der UEFA, entstand in den letzten Jahren eine Mehrklassengesellschaft im europäischen Fußball. Reiche wurden reicher, Arme ärmer. Wo liegen künftig die Chancen der Kleinen? Werden sie nur noch Spielerlieferanten für Große?
Beckenbauer: Nicht unbedingt. Österreich hat sehr guten Nachwuchs, das fällt mir als Wahlösterreicher auf. Die Ausbildung stimmt also. Aber dann verschwinden die Talente plötzlich. Vielleicht deshalb, weil Fußball bei euch nicht der wichtigste Sport ist. Die Ausbildung ist teuer, wohl deshalb kauft der eine oder andere Klub lieber einen billigeren Russen. Bei uns ist Tennis auch wieder abgesackt, seit Steffi Graf und Boris Becker nicht mehr spielen.

"Fußball kann nicht zugrunde gehen"
FORMAT: Könnte die Wirtschaftskrise den Berufsfußball umbringen?
Beckenbauer: Nein. Eine generelle Pleite hat schon in den Sechzigerjahren der legendäre französische Manager Julius Ukraijnczyk befürchtet. Er hat geglaubt, dass der Profifußball zugrunde gehen muss, wenn weiterhin Geld so aus dem Fenster geschmissen wird. Dabei herrschten damals wirtschaftlich kleinstbürgerliche Verhältnisse im Vergleich mit heute. Uki hat sich da schwer verschätzt. Nein, Fußball kann nicht zugrunde gehen. Wirtschaftskrise hin oder her, das Geld, um die Spieler zu bezahlen, wird immer da sein. Allerdings wird der Fußball in sich gehen und sich unbedingt einschränken müssen.
FORMAT: Das heißt wohl, dass die Fußballer zu hohe Gagen beziehen.
Beckenbauer: Unbedingt, aber nicht erst jetzt. Das habe ich schon vor dem Einbruch der Weltwirtschaft gesagt. Das Gleiche gilt für die astronomischen Transfersummen. Diese Unmäßigkeit spannt sich vom Spitzenfußball bis in die Bezirksligen. Aber das Herz hat der Fußball deswegen nicht verloren. Und man muss auch einmal deutlich sagen, dass erst die Logenbesitzer der Münchener Allianzarena es ermöglichen, dass ein subventionierter Stehplatz nur zehn Euro kostet.

"Habe als Jungprofi 180 D-Mark verdient"
FORMAT: Was haben Sie eigentlich als Jungprofi bei den Bayern verdient?
Beckenbauer: Das weiß ich noch genau, ich besitze noch meinen ersten Vertrag aus dem Jahre 1963. Das waren 180 D-Mark Grundgehalt plus 400 Mark eventuelle Prämien. Mehr war nicht erlaubt, der FC Bayern spielte damals allerdings noch in der zweiten Liga. Später waren es dann 1.000 Mark.
FORMAT: Wohin entwickelt sich der Fußball rein sportlich?
Beckenbauer: Eine Steigerung kann ich mir schwer vorstellen. Bei der letzten WM und auch bei der EURO 2008 wurde perfekter Tempofußball gespielt. Da sich aber alles weiterentwickelt, wird auch der Fußball nicht stehen bleiben. Sicher ist nur, dass Profifußball nie sterben wird. Echte Fußballer lieben den Ball so sehr, dass sie vermutlich auch für ein Taschengeld spielen würden.

Interview: Michael Kuhn

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 22 / 2009.

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