Die Industrie wird zur Konjunktur-Stütze

Zwischen Kapfenberg und Ranshofen liegen nicht nur 200 Kilometer Entfernung, sondern auch der Dachstein. Das gewaltige Bergmassiv markiert die Grenze zwischen der Steiermark und Oberösterreich - und derzeit auch zwischen Pessimisten und Optimisten.

Die Industrie wird zur Konjunktur-Stütze

Beim Werkzeughersteller Böhlerit im steirischen Kapfenberg wird seit 3. Dezember kurzgearbeitet, der Aluminiumkonzern AMAG im oberösterreichischen Ranshofen steckt dagegen 200 Millionen Euro in den kräftigen Ausbau der Kapazitäten. Ein Land, zwei Welten.

Beide Unternehmen können sich auf aktuelle Zahlen stützen. Erst Mitte Dezember hat die Oesterreichische Nationalbank bei ihrer Wirtschaftsprognose ein düsteres Bild gezeichnet. "Nach zwei Quartalen des BIP-Rückganges befindet sich Österreich in einer Rezessionssituation“, so Gouverneur Ewald Nowotny. Ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für heuer senkte die Nationalbank gleich einmal auf 0,4 Prozent. Für kommendes Jahr rechnen Nowotnys Experten nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Ein kleiner Erdrutsch: Im Sommer hatten sie für 2013 noch ein Wachstum von 1,7 Prozent erwartet.

Zwei Tage Stillstand

"Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung ist bei unseren Kunden spürbar“, sagt auch Böhlerit-Geschäftsführer Johann Werl, "darauf haben wir mit der Kurzarbeit reagieren müssen.“ Einer der wichtigsten Kunden des Unternehmens (110 Millionen Euro Umsatz, weltweit 750 Mitarbeiter) ist die Automobilindustrie, bei der seit Monaten der Motor stottert. Da die Vorlaufzeit für Aufträge gerade noch zwei bis drei Monate beträgt, wird es immer schwieriger, zu planen. Als Alarmzeichen sieht Werl daher die Kurzarbeit nicht, "es ist für uns nur ein Mittel, sich Flexibilität zu sichern“. Tatsächlich ist die Reduktion der Arbeitszeit überschaubar: Die Bänder bleiben an zwei Werktagen im Monat stehen.

Von Stillstand will man bei der Amag in Ranshofen derzeit nichts wissen. Insgesamt 220 Millionen Euro steckt das Management in ein Expansionsprogramm. Anfang Dezember wurde eine neue Logistikhalle eröffnet, in der bis zu 11.000 Tonnen Aluminiumbleche und -platten gelagert werden können. Nächster Schritt ist die Errichtung eines komplett neuen Warmwalzwerkes, eine neue, breitere Plattenfertigung sowie die Erweiterung der vorhandenen Walzenbarren-Gießerei.

Kurios: Auch für die Amag (813 Millionen Euro Umsatz, 1.400 Mitarbeiter) ist die Autoindustrie ein wichtiger Kunde. "Wir beliefern sehr stark die deutschen Premium-Hersteller, die vom Absatzrückgang nicht betroffen sind“, sagt Unternehmenssprecher Leopold Pöcksteiner, " zudem steigt der Alu-Anteil an den Fahrzeugen kontinuierlich, weil Alu leicht ist und ohne diese Gewichtsreduktion die vorgegebenen CO2-Werte nicht erreicht werden können.“

Alu-Nachfrage steigt

Mut oder Leichtsinn - Zweifel am Zeitpunkt der Investition gibt es in Ranshofen nicht. Durch Marktstudien untermauert, geht man bei der AMAG davon aus, dass der Verbrauch an Alu-Walzprodukten pro Jahr um rund sechs Prozent steigt. "Für einen Investitions-Stopp gibt es keinen Anlass“, betont AMAG-Chef Gerhard Falch selbstbewusst.

Die Mehrheit der Wirtschaftsforscher gibt ihm Recht. Zwar stagniert die österreichische Industrieproduktion seit dem Sommer, doch der Tiefpunkt sollte erreicht sein. Der von der Bank Austria erhobene Einkaufsmanager-Index ist im November erstmals seit Monaten wieder gestiegen, und zwar "unerwartet stark“, wie Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer betont. Erstmals seit dem Sommer seien die Aufträge wieder gestiegen und hätten zu einer leichten Produktionsausweitung der heimischen Industrie geführt. Bruckbauer: "Die Talfahrt der heimischen Industrie hat ein Ende, der Konjunkturtiefpunkt ist offenbar überwunden.“

Für kommendes Jahr erwartet die Bank Austria in ihrer Prognose ein Produktionsplus für die Industrie von drei Prozent - kein Wert, bei dem Euphorie ausbricht, aber doch eine deutliche Steigerung gegenüber dem mageren einen Prozent Wachstum dieses Jahr. "Wichtige Vorlaufindikatoren für die Wirtschaft sind positiv“, bestätigt auch WIFO-Experte Marcus Scheiblecker.

Anlass für den Optimismus der Experten ist vor allem die steigende Nachfrage des Auslands nach heimischen Waren und Dienstleistungen. Mit einer Exportquote von fast 60 Prozent hängt Österreich stark von der Auslandsnachfrage ab - und die ist heuer ziemlich eingebrochen. Reihenweise rutschten die Nachbarländer in die Rezession. Allein die Ausfuhren nach Italien, Österreichs zweitwichtigstem Handelspartner, gingen im ersten Halbjahr um mehr als sechs Prozent zurück.

Wiederbelebter Export

Doch mittlerweile zieht der Export wieder an. Mit einem Plus von 0,9 Prozent im dritten Quartal 2012 stiegen die Ausfuhren so stark wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Nationalbank erwartet für 2013 ein reales Exportplus von 2,7 Prozent, nach 1,8 Prozent heuer.

Der Hauptgrund für die positive Einschätzung: Die wirtschaftlichen Aussichten für fast alle wichtigen Handelspartner Österreichs werden besser. "Das internationale Umfeld wird günstiger, davon profitiert die heimische Industrie“, ist Walter Pudschedl, Volkswirt der Bank Austria, überzeugt. Bei neun der elf wichtigsten Handelspartner weist der Konjunktur-Pfeil für 2013 nach oben, lediglich für die USA und Polen erwarten die Experten ein Minus.

Weiterer Konjunkturtreiber: "In vielen EU-Ländern ist die Budgetkonsolidierung gelungen“, so Pudschedl, "ein Ende des restriktiven Sparkurses in diesen Ländern bringt zusätzliche Wirtschaftsimpulse.“ Ein weiteres Treibmittel für die Wirtschaft ist weiterhin das billige Geld. In Finanzkreisen gilt es als extrem unwahrscheinlich, dass die Europäische Zentralbank EZB die Zinsen erhöht. Kredite bleiben also weiterhin billig, was irgendwann wieder Investitionen beflügeln sollte.

"Österreichs Industrie wird Anfang 2013 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren, wenn auch in moderatem Erholungstempo“, ist Ökonom Pudschedl überzeugt.

Zugmaschine Industrie

Das erwartete Industriewachstum wird zur wichtigsten Stütze des zukünftigen Gesamtwachstums in Österreich. Zwar fallen da die Konjunkturprognosen noch schwach aus - die Bank Austria erwartet für 2013 ein Plus von 1,2 Prozent, die Nationalbank 0,5 Prozent -, aber die Werte sind eine Steigerung gegenüber heuer.

Die Industrie als Stütze der Wirtschaft - das passt absolut in den neuen Zeitgeist. Jahrelang als Auslaufmodell betrachtet, das vor allem die Umwelt verschmutzt, erlebt die Industrie eine Renaissance. Industriehallen werden nicht mehr danach beurteilt, ob sie als lässige Lofts für junge Doppelverdiener oder als Büro für IT-Firmen und Social-Media-Agenturen geeignet sind, sondern danach, was sich dort produzieren lässt. In den USA ist schon von einer regelrechten Re-Industrialisierung die Rede.

Fabriken im Imagehoch

"Die beliebtesten Arbeitgeber bei den Studenten haben sich dramatisch verändert“, hat der Personalberater Günther Tengel, Chef von Amrop Jenewein, beobachtet. "Investmentbanken sind unter den Top 15 kaum noch zu finden.“ Und auch bei Managern, die sich verändern wollen, heißt es "back to the roots“. Tengel: "Positionen bei mittelständischen Produktionsbetrieben sind begehrt. Man kann die Produkte angreifen, die Entscheidungsräume sind größer als in Konzernen.“

Auch die EU-Kommission hat sich eine "proaktive Industriepolitik“ verordnet. Um wieder zu wachsen und resistenter gegen Krisen zu werden, sollen die Mitgliedsländer ihren Industrieanteil am BIP auf 20 Prozent steigen. Derzeit liegt er im Schnitt bei 16 Prozent, Österreich kommt auf 22,5 Prozent.

Planbarkeit sinkt

Manfred Engelmann, Geschäftsführer der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer, spürt bereits ein steigendes Wohlwollen gegenüber seiner Branche: "Es gibt Signale aus der Politik, die Rahmenbedingungen für Unternehmen nicht weiter zu erschweren.“ Ansonsten sieht er die Perspektiven weniger rosig als die Ökonomen. "Unsere Betriebe sind eher pessimistisch. Die Aufträge werden immer kurzfristiger, die Planbarkeit nimmt ab.“

Das bestätigt Michael Junghans, Vorstand der B&C Industrieholding, einer der größten Beteiligungsgesellschaften Österreichs: "Die unsichere Situation erfordert ein ständiges Hinterfragen von Strategien, eine Planung in unterschiedlichsten Szenarien und deren ständige Anpassung an die tatsächlichen Entwicklungen.“ Nachsatz: "Und phasenweise auch ein Navigieren auf Sicht.“

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