Die Hunger-Revolution

Die Agrarrohstoffe sind knapp, Preise steigen, Millionen Menschen droht Hunger. Die Welternährungsorganisation FAO schlägt Alarm – auch ihr potenzieller neuer Generaldirektor: Franz Fischler.

Eine Milliarde Menschen, jeder siebente Mensch auf der Welt, leiden 2011 noch an Hunger. Das sind rund 300 Mio. Menschen mehr als im Jahr 2000, als sich die UNO-Vollversammlung vornahm, die Zahl der Hungernden bis 2015 drastisch auf 350 Mio. Menschen zu reduzieren. Die aktuelle Preisexplosion bei Agrarrohstoffen droht die Situation noch zu verschlimmern. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, zurzeit G-20-Vorsitzender, schlug ebenso Alarm wie Jacques Diouf, der amtierende Generaldirektor der UNO-Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization). Das Mahnen – und das Handeln – könnte mit dem Auslaufen von Dioufs Amtszeit ab 2012 bei Franz Fischler liegen. Der ehemalige österreichische Landwirtschaftsminister und EU-Kommissar für Landwirtschaft wurde von Österreich als Nachfolger an der FAO-Spitze nominiert. Ende Juni entscheidet sich, ob er sich gegen fünf Mitbewerber durchsetzen kann. Gute Chancen werden neben Fischler vor allem José Graziano da Silva, dem aktuellen FAO-Vize aus Brasilien, und dem ehemaligen spanischen Außenminister Miguel Moratinos eingeräumt. Als Generaldirektor der FAO säße Fischler am Hebel jener UN-Sonderorganisation, in der sich der politische Wille sammeln kann, um die globale Ernährungssituation deutlich zu verbessern. „Die Welt steht vor einer fundamentalen Entscheidung“, sagt Fischler (siehe Interview Seite 30), „denn langfristig müssen wir mehr produzieren“: „Entweder nimmt die Welt Investitionen und Neuregelungen in der Landwirtschaftshilfe auf sich – oder sie wartet, bis es für alle zu wenig gibt und Lebensmittel unter diesem Nachfragedruck für viele unleistbar werden.“ Ursachenforschung. Wie schnell steigende Lebensmittelpreise zu sozialen Unruhen führen, ließ sich in den vergangenen Wochen im Maghreb beobachten, noch vor den politischen Umbrüchen. Vor allem Weizen und Zucker, aber auch Mais und Sojabohnen (siehe Grafik unten) haben Preisniveaus wie zuletzt 2008 erreicht, als es zu massiven Hungeraufständen kam. Damals hat man die Preisexplosionen insbesondere den Spekulanten zugeschrieben, die aufgrund der darniederliegenden Aktienmärkte die Rohstoffmärkte für sich entdeckt hatten. Aktuelle Studien widersprechen dem zwar. Experten wie Franz Fischler halten jedoch zumindest jene „Derivatspekulationen“ mit Rohstoffen, wie sie sich etwa in vielen Pensionsfonds finden, ausschlaggebend für kurzfristige Preissprünge, für die Spitzen also. Längerfristig tendieren die Agrarrohstoffpreise aber ohnehin nach oben, prognostiziert etwa die OECD. Die Ursachen sind vielfältig: Die Nachfrage steigt aufgrund rasant wachsender Weltbevölkerung und veränderter Essgewohnheiten in den Schwellenländern. Dem gegenüber steht die sich etwa durch Verwüstung verringernde Ackerbodenfläche, von der immer mehr für lukrative Faserprodukte, Bio-Treibstoffe und Viehfutter genutzt wird. „Nur 40 Prozent stehen für Pflanzen als Lebensmittelrohstoff zur Verfügung. Wir wissen, dass das in Zukunft nicht ausreicht“, sagt Wolfgang Jamann, Leiter der deutschen Hilfsorganisation Welthungerhilfe. Eine unwägbare Gefahr lauert zudem in den Auswirkungen des Klimawandels, die durch Fluten und Dürren zunehmend Ernten gefährden und so zu Rohstoffverknappung führen. Mangelnde Investitionen. Generell wurde die Bedeutung der Landwirtschaft unterschätzt. „Investitionen in den landwirtschaftlichen Bereich von Entwicklungs- und Schwellenländern wurden lange vernachlässigt – eine der Hauptursachen für die aktuelle Preisexplosion“, sagt Joachim von Braun, Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn. Nur drei Prozent der Entwicklungsgelder fließen heute in die Landwirtschaft, vor fünfzehn Jahren waren es noch 20 Prozent. Als Folge wird nicht nur zu wenig, sondern auch zu wenig effizient angebaut. Es mangelt an leistungsfähigem Saatgut, an Maschinen und schlicht an Ackerbauwissen und Anbautechniken. Was zu tun ist. Genau an diesem Punkt würde Franz Fischler ansetzen: Er fordert die deutliche Aufstockung der Entwicklungshilfe, speziell für den landwirtschaftlichen Bereich und vor allem für den ländlichen Raum. Dort landen aktuell nur drei Prozent der Gelder, obwohl 70 Prozent aller Unterernährten auf dem Land leben. Verbessert werden sollten zudem dringend die Produktionsbedingungen. „Mit einfachen Maßnahmen wie Fangbecken für Regenwasser zur Bewässerung lässt sich die Produktivität oft auf Anhieb um 300 Prozent erhöhen“, sagt Welthungerhilfe- Experte Jamann aus Erfahrung. Das erfordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisationen und Ortskundigen, aber auch mehr Forschungstätigkeit. „Verdoppelt man die fünf Milliarden Dollar, die für Agrarforschung in Entwicklungsländern eingesetzt werden, würde das mittelfristig 300 Millionen hungernde Menschen weniger bedeuten“, sagt von Braun. Weitere Vorschläge zur Sicherung der Nahrungsversorgung nehmen den Welthandel ins Visier: Einfuhrzölle und Subventionen, wie sie in den westlichen Ländern gang und gäbe sind, hätten die Entwicklung des Agrarsektors in anderen Zonen der Erde gehemmt. Den Preis für diese Politik müssten nun wir alle zahlen, ist Agrarökonom von Braun überzeugt. Der Handlungsbedarf zur beidseitigen Marktöffnung ist groß – doch die Doha- Runde der Welthandelsorganisation kommt bisher nicht vom Fleck. Gefordert wird außerdem eine größere Transparenz an den Warenterminbörsen. Vor allem an den rund 30 Börsen in Europa sind die Akteure kaum überschaubar. Eine größere, zentrale Börse hätte den Vorteil, die Marktteilnehmer zu kennen, gegebenenfalls Handelsmengen zu regulieren und dadurch der Überhitzung durch Spekulationen vorzubeugen. All diese Veränderungen erfordern internationale Zusammenarbeit und Übereinkunft. „Den Einfluss der FAO muss sie selbst definieren“, sagt Franz Fischler. Klar dabei sei, dass dringend neue Prioritäten in Richtung Landwirtschaftsentwicklung gesetzt werden müssen. Vielleicht ist er es, dem das gelingt.

Martina Bachler

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