"Die Gier treibt uns alle an": Magna-Chef
Stronach im großen FORMAT-Interview

Der Austrokanadier Frank Stronach im großen FORMAT-Interview über Weltwirtschafts- und Autokrise, den westlichen Individualismus und die Gier des Menschen als besten Antrieb.

Er ist eine der Zentralfiguren, wenn es um die weltweit tobende Automobilkrise geht: Zu Frank Stronachs Hauptkunden zählen die wankenden US-Riesen General Motors, Chrysler und Ford, die schon seit Monaten einen Überlebenskampf führen; dass ihre Lagerhallen voll sind, bekommt jetzt auch Stronachs Lebenswerk, Magna, zu spüren.
Erstmals seit der Firmengründung 1957 schreibt der Zuliefermulti Verluste (siehe Artikel ). Medienvertreter hat der 76-jährige Selfmade-Milliardär schon lange nicht mehr empfangen. FORMAT gab er nun das erste Interview zur Wirtschaftskrise.

"Regierungen sind schuld"
FORMAT: Herr Stronach, wird diese Krise richtig gefährlich?
Stronach: Zurzeit habe ich diesen Eindruck, leider. Es ist die schlimmste Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren, und wir haben den Tiefpunkt noch nicht erreicht. Ich bin besorgt, weil die Probleme, die zu dieser Krise geführt haben, noch nicht identifiziert wurden.
FORMAT: Was sind diese Probleme Ihrer Meinung nach?
Stronach: Ich höre keine gezielten Aussagen von Politikern über die Ursachen der Krise, weder in den USA noch in Europa. Es steht niemand auf und sagt, was der eigentliche Grund dafür ist, und es sagt auch niemand, was man dagegen tun kann. Die Folge davon ist, dass die Menschen ver­unsichert sind und um ihre Arbeitsplätze fürchten. Daher tragen auch die Regierungen Schuld an der Krise.

Gier als Antrieb
FORMAT: Viele sehen die Wurzeln des Übels in der angeblich hemmungslosen Gier der Manager und Unternehmer.
Stronach: Die Gier ist Teil jedes Menschen, sie ist Teil der Urtriebe und fördert die Erhaltung der Menschheit. Aber na­türlich ist die Gier eine zerstörende Kraft, ebenso wie der Geiz, aber sie ist nicht die alleinige Ursache für die Krise. Schuld an der Wirtschaftskrise haben die einzelnen Regierungen, weil ihre Gesetze, ihre Behörden, ihre Vorgaben, ihre Geldpolitik nicht funktioniert haben.
FORMAT: Ein Beispiel?
Stronach: Wenn eine Bank eine Million Euro Eigenkapital hat, kann diese Bank mitunter zwischen 20 und 40 Millionen verborgen, was absurd ist. Denn dadurch werden Papierwerte geschaffen, real gibt es dieses Geld gar nicht. Niemand kann mehr herborgen, als er hat. Zu lange hat sich niemand über dieses kranke System Gedanken gemacht.

"Der große Crash"
FORMAT: Haben Sie die Katastrophe kommen gesehen?
Stronach: Ja, aber ich wusste nicht, dass sie so schnell über uns hereinbrechen würde. Niemand hätte dieses Ausmaß je er­ahnen können.
FORMAT: Sie klingen außerordentlich pessimistisch. Wirtschaftskrisen hat es immer gegeben, sie sind auch eine Chance.
Stronach: Natürlich, aber dafür müssen die Probleme erst erkannt werden. Ich höre immer öfter, dass alles gut wird, aber wer garantiert das? Nichts wird gut, solange die Regierungen keinen Weg aus der Krise gefunden haben. Ich mache mir große Sorgen, denn viele Regierungen werden von Investmentbankern beraten, was nichts bringt. Wenn es so weitergeht und keine Lösung gefunden wird, kommt es zum großen Crash.
FORMAT: Und das bedeutet?
Stronach: Arbeitslosigkeit im großen Stil überall auf der Erde.

"Angst ist das Hauptproblem."
FORMAT: Wie lange wird die Krise im Automobilbereich andauern?
Stronach: Genauso lange wie in allen anderen Wirtschaftszweigen auch, vielleicht mit Ausnahme der Lebensmittelindustrie, denn Essen braucht man immer.
FORMAT: Ihr CEO Siegfried Wolf rechnet für 2009 mit einem Rückgang der Autoproduktion um 15 bis 25 Prozent.
Stronach: Das ist realistisch. Die Zahlen könnten besser, aber auch viel schlimmer ausfallen. Das hängt von den Maßnahmen ab, zu denen sich die Regierungen – hoffentlich – entschließen.
FORMAT: Auch wenn Maßnahmen gesetzt werden, greifen die nicht gleich.
Stronach: Natürlich dauert es, bis sie greifen, aber darum geht es im Grunde nicht. Sobald sie gesetzt werden, sinkt die Verunsicherung der Menschen, was die Wirtschaft ankurbelt. Die Angst ist das Hauptproblem. Jetzt ist alles im Nebel, die Sicherheit muss wieder her. Wenn das ­gelingt, kann die Krise sogar sehr schnell überwunden werden.

"Brauchen strenge Bankengesetze"
FORMAT: Wie nützlich sind staatliche Verkaufsmaßnahmen zur Ankurbelung des Absatzes wie die in Österreich diskutierte Verschrottungsprämie oder die Senkung der NoVA (Normverbrauchsabgabe, Anm.)?
Stronach: Diese Maßnahmen sind gut, aber alleine nicht des Rätsels Lösung. Was man braucht, sind strenge Gesetze für das Bankensystem, die Spekulationsgeschäfte unterbinden und das Jonglieren mit Gel­dern, die es nur auf dem Papier gibt.
FORMAT: VW will in den nächsten fünf Jahren zum größten Autobauer der Welt aufsteigen – ist das realistisch?
Stronach: Irgendwer muss ja der Größte sein. Alles ist realistisch, alles muss wachsen. Wer nicht mehr wächst, stirbt. Das Geld, das Regierungen jetzt den Autobauern zur Verfügung stellen, hilft beim Überleben, aber ich hoffe, dass diese Gelder an Bedingungen wie die Schaffung neuer Strukturen geknüpft sein werden.

Individualismus als Sieger
FORMAT: Während europäische und amerikanische Autobauer ums Überleben kämpfen, scheinen es asiatische, allen vor­an Toyota, ein wenig besser zu haben.
Stronach: Man muss den Japanern zugestehen, dass sie zusammenhalten. Geschäftsleute aus Japan fragen sich immer, was für ihr Land gut ist. Ich finde diese Denkweise gut. Am Ende des Tages wird aber der gewinnen, der das beste Produkt zum besten Preis hat.
FORMAT: Und wer wird das sein?
Stronach: Auch der, der die besten Ideen und die besten politischen Strukturen hat. Man darf der Wirtschaft natürlich nicht freien Lauf lassen und muss verbindliche Regeln schaffen, aber im Rahmen dieser darf man die Wirtschaft nicht drosseln.
FORMAT: Sind uns die Asiaten nun also voraus?
Stronach: Zurzeit haben sie Aufwind, aber langfristig gesehen wird sich der Individualismus der Amerikaner und Europäer durchsetzen. Ich habe immer daran geglaubt, dass der Einzelne alles schaffen kann, und diese Denkweise bringt ihn und seine Mitmenschen weiter.

Interview: Silvia Jelincic

Was Frank Stronach über die Zukunft des Automobilzulieferers Magna, den Fußballklub FC Magna und den neuen US-Präsidenten Barack Obama zu sagen hat, können Sie im aktuellen FORMAT 04/09 nachlesen.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff