Die Erste Privatstiftung, kämpft mit massiven Finanzproblemen

Die Erste Privatstiftung leidet unter den gestrichenen Dividenden und unter einem Milliarden-Schuldenberg. Zweifel steigen, ob sie der ihr zugedachten Rolle als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme der Bank noch gerecht wird.

Als Prophet wird Andreas Treichl wahrscheinlich keinen Job bekommen. Im Jahr 2005 sagte der Chef der Erste Bank nämlich voraus, dass der Börsenwert seines Instituts im Jahr 2012 bei mehr als zwanzig Milliarden Euro liegen werde, der Wert des größten Aktionärs, der Erste Privatstiftung, bei komfortablen sieben bis acht Milliarden Euro. Tatsächlich kostet die gesamte Bank nach aktuellem Aktienkurs nur noch vier Milliarden. Und man muss kein Prophet sein, um sagen zu können, dass die Prognose von Treichl 2012 nicht eintreten wird.

Der Kursverfall bringt vor allem die Erste Stiftung in Bedrängnis. Im Jahr 2003 ins Leben gerufen, wurde sie von Treichl stets als „Aktionärsbollwerk“ gegen feindliche Übernahmen der Bank gepriesen. Mindestens 45 Prozent der Aktien in Händen von Stiftung, Sparkassen und Mitarbeitern könnten jedem Angriff von außen standhalten. So lautete immer der Plan. Die heutige Realität liegt jedoch weit von dieser Wunschvorstellung entfernt. Mittlerweile hält die Erste Bank Stiftung, die einst als eine der größten Stiftungen Europas galt, kaum mehr als eine hauchdünne Sperrminorität an der Bank. Gemeinsam mit Sparkassen und Mitarbeitern beträgt der Anteil 32 Prozent. Der Spielraum ist schon recht klein.

Der Wert der Stiftung weicht noch weiter von Treichls Masterplan ab: nur noch knapp über eine Milliarde Euro. Das allein wäre kein Drama, würde die Stiftung nicht auch noch auf einem riesigen Schuldenberg – heuer rund 1,2 Milliarden Euro – sitzen. Und die einzige Quelle, die die Stiftung in den letzten Jahren kontinuierlich gespeist hat, ist jetzt versiegt. Die Erste-Führung hat nämlich aufgrund der Milliardenverluste der Bank für die nächsten zwei Jahre den Ausfall der Dividende angekündigt. Im letzten Jahr bekam die Stiftung aus diesem Titel noch 64,1 Millionen Euro. Im Jahresabschluss 2010 der Stiftung hört sich ihre Abhängigkeit von den Ausschüttungen einigermaßen bedrohlich an: „Sollte die Stiftung keine Dividendenerträge aus der Beteiligung an der Erste Group Bank erhalten, könnte dies wesentliche negative Auswirkungen auf ihre Geschäftsfähigkeit sowie die Liquiditäts- und Ertragslage haben.“ Genau das zeichnet sich ab.

Für Krisenzeiten gerüstet

Andreas Treichl, der gleichzeitig als Stiftungsvorstand fungiert, bleibt nach außen hin noch gelassen: „Wir haben liquiditätsmäßig vorgesorgt. Die Stiftung braucht die Dividende nicht.“ Tatsächlich dürfte man für Krisenzeiten vorgesorgt haben. Wie schon im Jahr 2010 wurden auch heuer von der Stiftung in großem Stil Anleihen emittiert: Nach 295 Millionen Euro im Vorjahr waren es heuer 275 Millionen Euro. Eine weitere Tranche folgt Mitte Dezember, und auch nächstes Jahr will die Stiftung dieses Instrument zur Finanzierung nützen. „Es sind weitere Emissionen geplant, allerdings in kleinerem Ausmaß als bisher“, bestätigt Erste-Group-Sprecher Michael Mauritz. Die relativ attraktiven Zinskonditionen dürften allerdings für die Stiftung immer schwerer zu erwirtschaften sein, glaubt Investor Rupert-Heinrich Staller: „Die Erste Stiftung muss sich immer teurer refinanzieren.“

Anleihen müssen verzinst und wieder zurückgezahlt werden. Wenn nun die Stiftung ihren Verpflichtungen nur noch durch immer neue Verbindlichkeiten nachkommt, so kann das noch zwei, drei Jahre gut gehen. Aber wenn dann nicht wieder fette Dividenden sprudeln, wird es eng.

Mit den Hauptgläubigerbanken, darunter die RZB und die Bawag mit jeweils dreistelligen Millionenbeträgen, wurde im ersten Quartal eine Art Stillhalteabkommen ausverhandelt. Dabei geholfen hat ein Gutachten, dass sich die Stiftung bereits Ende 2008 von einem renommierten österreichischen Professor erstellen ließ. Schon damals machte der stark sinkende Börsenkurs einen Jahresabschluss schwierig. Dieses Gutachten bescheinigt praktischerweise, dass der innere Wert der Stiftung weit höher sei als ihr Marktwert, weshalb keine Überschuldung anzunehmen sei.

Die Abschlussprüfer vom Sparkassen-Prüfungsverband ließen sich trotz großer Bedenken damit schließlich besänftigen. Auch die Gläubiger wurden so ruhiggestellt. Bislang hat die Stiftung ihre Zinsen brav bedient: 2010 immerhin 57 Millionen Euro. Dennoch herrscht unter den Gläubigerbanken eine gewisse Nervosität. Sie fürchten aber weniger, dass sie ihr Geld nicht wiederbekommen, als vielmehr, dass sie wegen Überschuldung der Stiftung zu Wertberichtigungen in ihren eigenen Büchern gezwungen sein könnten.

Übernahmekandidat

Noch nervöser sind die Herren in der Stiftung selbst. „Es fühlen sich einige Leute im Stiftungsvorstand und -aufsichtsrat nicht besonders wohl“, berichtet ein Erste-Kontrollor. Zu Fragen, wie es mit der Stiftung ohne Einnahmen weitergehen soll, gibt es noch keine befriedigenden Antworten. Und über allem schwebt die Sorge, dass die Erste Group in absehbarer Zeit eine Kapitalerhöhung benötigt. Dann nämlich könnte die Stiftung wohl nicht mitziehen und liefe Gefahr, die Sperrminorität zu verlieren.

Laut Treichl wird keine Kapitalmaßnahme nötig sein. Für Branchenkenner ist das nicht so eindeutig. Analysten gehen angesichts der strengeren Vorschriften davon aus, dass die Kapitallücke bei der Erste Group zwischen 750 Millionen und 1,3 Milliarden Euro betragen wird. Erst vergangene Woche gab es für Banken mit großem Osteuropa-Engagement noch einmal eine Hiobsbotschaft: Ab 2013, also sechs Jahre früher als geplant, ist für sie Basel III Pflicht, sprich: Sie müssen zu diesem frühen Zeitpunkt bereits sieben Prozent hartes Kernkapital aufweisen.

Ab 2016 kommt noch eine Strafverschärfung dazu: Erste Bank, RBI und Bank Austria müssen dann einen zusätzlichen „Osteuropa-Kapitalpuffer“ von drei Prozent vorweisen. Woher dieses Geld kommen soll, ist weitgehend ungeklärt. JPMorgan-Analyst Paul Formanko glaubt nicht, dass die Erste Group das Kapital „organisch“ generieren wird können. „Das Risiko einer Kapitalerhöhung ist gestiegen“, glaubt er und steht mit dieser Meinung nicht alleine da.

Damit ist aber auch die Gefahr gestiegen, dass die Erste Stiftung unter die magische Hürde von 25 Prozent fällt – und genau das passiert, was Treichl immer verhindern wollte: Die Erste Group wäre mangels intakten Bollwerks ein Übernahmekandidat. Für die heimische Wirtschaft wäre es sicher kein Vorteil, fiele eine so wichtige Bank in ausländische Hände.

In Bezug auf ein Mitziehen bei einer Kapitalaufstockung ist sogar Erste-Group-Sprecher Mauritz skeptisch: „Entscheiden muss der Aufsichtsrat, aber der Fokus wird in der Stiftung wohl eher auf Schuldenreduktion liegen.“

Kritik an Treichl

Inzwischen muss sich Andreas Treichl mit vergleichsweise harmloseren Problemen herumschlagen: der zunehmenden Kritik an seiner Doppelrolle als CEO der Bank und als Stiftungsvorstand. Aktionär Rupert-Heinrich Staller: „Die Kardinalfrage wird lauten: Entscheidet Andreas Treichl als Vorstandsvorsitzender der Bank oder der Stiftung?“ Staller will deshalb auf der nächsten Hauptversammlung von Treichl fordern, dass er eine der beiden Funktionen wegen Interessenkollision zurücklegt. Denn der Bankchef müsste Interesse an mehr Spielraum haben, während sich der Stiftungsvorstand mit allen Mitteln gegen eine Kapitalerhöhung stemmen muss. Insider gehen davon aus, dass sich Treichl, vor die Wahl gestellt, eher für die Stiftung entscheiden würde.

Treichl sieht die Stiftung als sein Lebenswerk, auch wenn deren Mittel für soziale oder kulturelle Projekte zuletzt immer knapper wurden. Im letzten Jahr wurden diese Ausgaben von einst elf Millionen Euro jährlich auf 5,8 Millionen zurückgefahren. Ein Trend, der sich fortsetzen wird.

Die Entscheidung erleichtern könnte Treichl auch der Umstand, dass er als Bankchef zusehends unter Druck gerät. Auf einer kürzlich stattgefundenen Roadshow in London wurde der einstige Sonnyboy nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefasst. Er musste sich Fragen wie dieser stellen: „Warum treten Sie nicht zurück, Herr Treichl?“ Und es könnte verlockend sein, sich solche Angriffe zu ersparen.

– Angelika Kramer

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff