Die kalte Enteignung der Sparer

Die kalte Enteignung der Sparer

Es klingt fast wie Hohn. Die Allianz Versicherung kommt in ihrer Studie "Global Wealth Report" zu dem Schluss: Das Privatvermögen der Österreicher ist jetzt höher als vor der Finanzkrise. 41.980 Euro netto – also nach Abzug von Schulden – besitzt der Österreicher im Schnitt. Inflationsbereinigt um fünf Prozent mehr als 2007.

Klingt gut. Die Zahl hat nur einen Haken. Sie ist ein Durchschnittswert, der die Realität nicht wiedergibt. Tatsache ist, dass ein Teil der Österreicher seit der Finanzkrise ihr Vermögen tatsächlich vermehren konnten. Jene Menschen nämlich, die Aktien und Immobilien in größerem Stil besitzen. Diese Anlagen sind im Wert deutlich gestiegen. Um 30 Prozent gingen zum Beispiel die Aktienkurse in Deutschland und Österreich allein im Vorjahr nach oben. Aber nur drei Prozent der Österreicher besitzen Aktien, zehn Prozent halten Anteile an Investmentfonds. Und auch die Zahl derer, die - über das Eigenheim hinaus - Immobilien besitzen, ist auf die ziemlich und sehr Reichen beschränkt.

Für die Mehrzahl der Österreicher sieht die Rechnung anders aus. Sie haben ihr Geld in Sparbücher, Staatsanleihen, Bausparer oder Versicherungen gesteckt. Und diese Veranlagungen machten sie nicht reicher, in vielen Fällen sogar ärmer. Die Zinsen für Spareinlagen liegen schon seit 2009 bei nur rund 0,5 Prozent. Die Inflation erreichte 2009 hingegen rund drei Prozent. Und sie liegt auch jetzt noch im Jahresschnitt bei etwas mehr als zwei Prozent. Eine fatale Schere. Denn dadurch wird das Geld der Sparer seit Jahren immer weniger wert.

Der ökonomische Begriff für diese Konstellation heißt etwas sperrig "finanzielle Repression“. Die Übersetzung in eine deutlichere Sprache lautet: Kalte Enteignung der Sparer. Die über den Zinsen liegende Inflationsrate verringert die Kaufkraft der Sparguthaben. Ihr realer Wert schrumpft von Jahr zu Jahr.

Billiges Geld der Notenbanken. Die Ursache für diesen Anschlag auf unsere Guthaben: Die Zentralbanken Europas, der USA und auch Japans versuchen, die Wirtschaft mit billigem Geld wieder anzukurbeln. Der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hat versichert, dass Anleihen von europäischen Krisenländern auf jeden Fall von der EZB gekauft werden. Die USA sind bei ihrem Unterstützungsprogramm für die US-Wirtschaft noch viel aggressiver.

Das Ergebnis dieser Zentralbank-Politik ist eine gewaltige globale Umverteilung. Verlierer sind die Besitzer von Geldvermögen. Gewinner sind die Schuldner, weil ihre Schulden dadurch an Wert verlieren. Das gilt insbesondere für die hochverschuldeten Staaten. Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisenbank International, erklärt den Mechanismus so: "Natürlich findet eine Enteignung der Sparer statt. Die globale Niedrigzinspolitik der Notenbanken ist de facto nichts anderes als eine krasse Form einer Vermögenssteuer. Diese einzuführen, würde sich aber kein Politiker eines Landes wagen.“ Da sie aber nur indirekt von den Zentralbanken kommt, regt sich auch kaum Widerstand. Nur der Börsenexperte Marc Faber warnt: "Die Geldpolitik der Notenbanken wird zu sozialen Spannungen führen.“

Die Weltbank hat nun auch bestätigt, dass durch diese Maßnahmen nicht nur der Wirtschaft geholfen wird, sondern auch tatsächlich Kaufkraft vernichtet wird. 100 Milliarden jährlich kostet die Niedrigzinspolitik die Sparer in den 23 Industrieländern. Für Deutschland wird der Betrag der kalten Enteignung mit 14 Milliarden abgeben. Für Österreich liegen keine konkreten Zahlen vor, aus knapp 220 Milliarden Euro Sparguthaben kann aber ein "Verlust“ von jährlich gut 1,5 Milliarden Euro herausgerechnet werden. Auch wenn man diese Enteignung nicht gleich sieht: Auf dem Sparbuch steht ja dennoch ein kleines Plus, durch die gleichzeitige Geldentwertung kommt aber ein Kaufkraft-Minus heraus.

Schleichende Entwertung

In den vergangenen Jahren konnte man nur mit Aktien entsprechende Renditen erzielen, um bei der aktuellen Inflationsrate und nach Abzug der Kapitalertragssteuer das Vermögen zumindest zu erhalten. Allerdings besitzen die Österreicher über 40 Prozent ihres Vermögens in Form von klassischen Sparguthaben - und da verliert das Geld auch bei längerer Bindung deutlich an Wert. Nur 0,05 Prozent bekommt man derzeit am Girokonto, bis höchstens 1,5 Prozent bei längeren Bindungsfristen am Sparbuch.

Auch des Österreichers liebstes Kind, das Bausparen, bringt kaum noch Ertrag. Zwar bessert die staatliche Prämie die Situation ein wenig auf, aber letztendlich steigen auch die Bausparer nach Abzug der Inflation unterm Strich schlecht aus - wenn die Teuerungsrate so bleibt. Sollte die Inflation jedoch auf drei Prozent steigen, sieht die Sache noch düsterer aus.

Bei den Lebensversicherungen ist die Situation unwesentlich besser. Zwar bleibt bei einem Einmalerlag unterm Strich noch ein kleines Plus, was den Geldwert betrifft. Aber der gesamte Versicherungssektor hat auf Grund der niedrigen Zinsen mit großen Problemen zu kämpfen. Die Veranlagungsergebnisse sinken auch bei ihnen, da sie größtenteils in risikoarme Produkte und Staatsanleihen veranlagen müssen. Deshalb wurde auch der Garantiezins für Lebensversicherungen auf nur mehr 1,75 Prozent gesenkt. Zwar versprechen die Assekuranzen eine Gewinnbeteiligung, was die Gesamtverzinsung auf derzeit knapp über drei Prozent bringt - also gut einen Prozentpunkt über der Inflation. Dazu kommt, dass es Jahr für Jahr riskanter wird, sich auf eine Gewinnbeteiligung bei seiner Lebensversicherung zu verlassen.

Auch wer meint, mit Staatsanleihen der Enteignung zu entgehen, muss enttäuscht werden. Deutsche und österreichische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentieren bei rund 1,9 Prozent. Zu wenig, um das Vermögen der Sparer zu schützen. Aber genau daran sieht man, wie die Umverteilung läuft. Staaten können sich über die niedrigen Zinsen, die sie für ihre Anleihen bezahlen, am besten entschulden.

Die schleichende Enteignung der Sparer gelingt am besten, wenn die Teuerungsrate nur wenig über den Zinssätzen liegt. Dann fällt die Entwicklung nicht so schmerzlich auf. Würde die Schere mehrere Prozentpunkte betragen, könnte ein Volksaufstand kaum verhindert werden.

Die Inflationsrate lag in Österreich zwischen Jänner und August 2013 im Durchschnitt bei 2,2 Prozent. Daran ist aber nicht abzulesen, dass sich die Preise für bestimmte Güter und Dienstleistungen liegen deutlich stärker erhöht haben. So sind die Ausgaben für Nahrungsmittel zuletzt um 3,7 Prozent gestiegen. Für die Gesundheit muss man um 3,2 Prozent mehr zahlen. Und alle Kosten, die mit Schulen und Studium in Zusammenhang stehen, haben sich um 4,6 Prozent verteuert. Auch die Wohungsmieten steigen stetig. Wohlhabende kratzen solche Preissteigerungen kaum. Die Ärmeren geben aber einen viel höheren Anteil ihres Einkommens für Wohnen und Essen aus, sind also doppelt betroffen.

Ein baldiges Ende der Entwicklung, die unsere Sparguthaben auffrisst, ist nicht in Sicht. Wie die meisten Experten meint RBI-Chefökonom Brezinschek: "Sowohl die Leitzinsen als auch die Teuerungsrate werden in den kommenden Jahren auf diesem niedrigen Niveau bleiben.“ Mittelfristig könnte sich die Situation durch eine steigende Teuerungsrate sogar noch verschärfen.

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