"Die Energiewende ist bereits Realität"

In jüngster Zeit gab es für OMV-Chef Gerhard Roiss einige Gründe zum Feiern: Zum einen wurde sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender, der im Frühjahr 2014 ausgelaufen wäre, bis 2017 verlängert. Schon zuvor konnte der Öl- und Gaskonzern ein starkes Halbjahr vermelden: Das Betriebsergebnis ist um 26 Prozent gestiegen, der Nettogewinn gar um 31 Prozent. Zwar war dies vor allem dem Verkauf strategischer Ölreserven in Österreich zu verdanken, doch das Unternehmen hat nun die nötige Kraft für die zukünftigen Schritte.

"Die Energiewende ist bereits Realität"

Die Wege führen gen Norden, selbst wenn die Beteiligungen der OMV an vier Öl- und Gasfeldern von Börsianern nicht nur positiv bewertet wurden. Rund zwei Milliarden Dollar hat sich der Mineralölkonzern diese Offensive in der Nordsee kosten lassen – eine Rekord-Investition.

Apropos Norden: Ein Anfang September gemeldeter Öl-Fund in der Barentsee soll bis zu 160 Millionen Barrel bringen. Der Trend am Markt kann die Stimmung von Roiss weiter aufhellen: Für nächstes Jahr rechnet die OPEC mit einem weiteren Anstieg des weltweiten Ölverbrauchs; es soll ein Plus von rund 1,2 Prozent geben. vor allem die Länder des Nahen Ostens und in Lateinamerika, aber auch China gieren nach mehr. Für die OMV ist das Upstream-Geschäft – also Exploration und Produktion – derzeit der wichtigste Ergebnisbringer.

Die politischen Zustände in Lybien haben sich am Ende des ersten Halbjahres ausgewirkt, die Produktion musste dort geschlossen werden, läuft nun aber wieder auf Hochtouren, wie es heißt. Trotzdem: In den hohen Norden blickt Roiss derzeit lieber; rund eine halbe Milliarde Dollar soll von der neuen Nordsee-Beteiligung 2014 als Ergebnisbeitrag kommen. Trotz vieler Aktivitäten fand der OMV-Boss Zeit, sich im Gespräch Gedanken über den Standort Östereich zu machen:

FORMAT: Herr Roiss, derzeit wird viel über die Position und Positionierung Österreichs als Standort diskutiert. Wie beurteilen Sie persönlich unsere Chancen als Industrieland?

Gerhard Roiss: Österreich ist und bleibt ein sehr konkurrenzfähiger Standort. Für uns als internationale, integrierte Öl- und Gasgesellschaft ist das Land der ideale Platz, um Geschäfte in der Region zu machen und unsere internationalen Aktivitäten zu steuern. Das Land ist im europäischen Vergleich auf einem sehr guten Weg. Wichtig ist aber, nicht nachzulassen. Das gilt vor allem für die Bildung. Ein weiteres Beispiel, wo sich Österreich mehr anstrengen sollte, ist die indirekte Forschungsförderung über Steuer- und Forschungsfreibeträge. Das gibt der Wirtschaft die nötige Flexibilität, bedarfsorientiert zu forschen.

Ein wichtiges Kriterium für einen Standort ist heute mehr denn je die Verfügbarkeit der richtigen Mitarbeiter. Wie sieht es da aus, bekommen Sie ausreichend Fachkräfte in Österreich? Und wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Bildungslandschaft?

Roiss: In Österreich wird vieles geboten, was die besten Köpfe der Welt anzieht – sozialer Friede, Sicherheit, gut ausgebaute Infrastruktur. Das hilft uns auf dem internationalen Arbeitsmarkt, auf den wir angewiesen sind. Es ist aber auch festzustellen, dass gerade im Bildungsbereich der Staat nicht alle nötigen Aufgaben wahrnehmen kann. Da müssen sozial engagierte Unternehmen mithelfen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir benötigen in den kommenden drei Jahren 1600 neue, hochqualifizierte Techniker. Wir wissen, dass wir den Bedarf im Inland nicht decken können. Wir müssen uns also international umsehen. Gleichzeitig ist es uns ein wichtiges Anliegen, neue Kooperationen mit österreichischen Universitäten zu starten, um das Technikerpotenzial im Inland zu erhöhen.

Mit allzu vielen Rohstoffen kann Österreich nicht aufwarten, auch nicht mit niedrigen Lohnkosten. Daher sind Innovation und Forschung besonders wichtige Faktoren für einen Standort wie Östereich. Welchen Stellenwert nehmen Forschung & Entwicklung in Ihrem eigenen Unternehmen ein?

Roiss: Die OMV ist ein Unternehmen, das Hochtechnologie im Kerngeschäft wie der Exploration und Produktion auf Öl- und Gasfeldern weltweit in großem Ausmaß anwendet und weiterentwickelt. F&E-Projekte sind für uns die Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen. Im Jahr 2012 haben wir rund 21 Millionen Euro für klassische Forschungs- und Entwicklungs-Projekte ausgegeben. In den kommenden Jahren werden die Ausgaben – abhängig von den Projekten – deutlich höher ausfallen und mittelfristig bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr erreichen.

Energieversorgung und Energiepreise sind für die Industrie ebenfalls von zentraler Bedeutung. Wie beurteilen Sie da die Situation in Österreich und in der gesamten EU?

Roiss: Verlässlich verfügbare und leistbare Energie ist ein wichtiger Schlüssel für die wirtschaftliche Prosperität. Die Energiewende ist Realität, wir sind als internationale, integrierte Öl- und Gasgesellschaft darauf eingestellt, das Thema zu managen. Europa steckt hier leider im energiepolitischen Dilemma. Milliarden an Subventionen werden für die alternativen Energien zur Verfügung gestellt – und die CO2-Emissionen sind in Europa nicht gesunken. Erdgas ist der logische Partner einer intelligenten Energiewende, weil damit die naturgegebenen Schwankungen von Wind- und Solarkraft ausgeglichen werden können. Wir wissen heute, dass wir Erdgas noch für mehr als zwei Jahrhunderte zur Verfügung haben werden. Die Versorgung ist also gesichert.

Zum Stichwort Schiefergas: Haben die USA dadurch einen starken Vorteil erringen können?

Roiss: Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Entscheidungen in der Energiepolitik getroffen, um heute einen attraktiven Standort für die Industrie abzugeben. Gleichzeitig nimmt in Europa die Abwanderung von industriellen Arbeitsplätzen zu, weil Energie in den USA eben wesentlich günstiger zu haben ist. Das sollte uns Europäern zu denken geben.

Zu Ihrem Unternehmen: Welche Rolle wird die OMV in den kommenden Jahren auf dem Weltmarkt spielen können?

Roiss: Unser Fokus liegt seit rund eineinhalb Jahren ganz klar auf dem Bereich Exploration und Produktion, und unseren Gewinn machen wir zu 90 Prozent im Ausland. Ziel ist ein ausgewogenes Portfolio. Unsere künftigen Wachstumsregionen sind die Nordsee und das Schwarze Meer. In der Nordsee- Region haben wir vor wenigen Wochen die größte Akquisition in der Unternehmensgeschichte der OMV bekannt gegeben. Bereits in den vergangenen Jahren haben wir uns bei Öl- und Gasfeldern in Norwegen engagiert. Im Jahr 2013 wird die OMV insgesamt rund 2,8 Milliarden Euro investieren, rund 70 Prozent davon fließen in den Bereich Exploration und Produktion.

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Zur Person
Seit April 2011 ist Gerhard Roiss Generaldirektor der OMV AG, vor kurzem wurde sein Vertrag bis März 2017 verlängert. Der 1952 geborene Roiss hat nach seiner Ausbildung in Wien, Linz und Stanford 1990 die Leitung des OMV-Marketings übernommen. 1997 wurde er in den Vorstand des Konzerns berufen und war u.a. für den Bereich Kunststoffe zuständig. Ab 2000 verantwortete Roiss den Bereich Exploration und Produktion, dessen Bedeutung stetig gewachsen ist. Von 2002 bis 2011 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender des OMV-Konzerns.

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