Die Energiewende beginnt in den Alpen

Spätestens seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima und den dramatischen Appellen der Experten am Weltklimagipfel in Durban ist klar, dass ohne eine schnelle Aufwertung erneuerbarer Energieträger das Klima nicht zu retten ist. In den Alpen hat die grüne Energiezukunft schon begonnen.

Eines der leistungsfähigsten Wasserkraftwerke Österreichs ist mit freiem Auge nicht zu sehen. Das Anfang September nach fünf Jahren Bauzeit in Vollbetrieb gegangene Pumpspeicherkraftwerk Limberg II produziert Strom in einer riesigen unterirdischen Kaverne in den Bergen des hinteren Kapruner Tals. Die beiden installierten Turbinen haben eine Leistung von 480 MW, das Wasser für deren Antrieb stammt aus den seit Jahrzehnten bestehenden Stauseen der Kaprun-Gruppe. Limberg II verdoppelt die Kraftwerksleistung in Kaprun, das heute rund zehn Prozent der in Österreich benötigten Ausgleichs- und Regelenergie als Ergänzung zur Wind- und Solarstromerzeugung produziert.

„Limberg II ermöglicht es Österreich, seine Rolle als grüne Batterie für die effiziente und nachhaltige Speicherung von umweltfreundlich erzeugtem Wind- und Sonnenstrom noch besser zu erfüllen“, sagt Karl Heinz Gruber, technischer Vorstandsdirektor von Verbund Hydro Power.

Stromspeicher dringend gesucht

Limberg II ist, so wie andere Pumpspeicherkraftwerke in Österreichs Bergen, die Antwort auf das größte Problem bei der in Europa erfolgreich eingeleiteten grünen Energiewende. Zwar werden in Nordeuropa die Kapazitäten der Windenergie in riesigen Offshore-Anlagen laufend ausgebaut, und in Südeuropa, vor allem in Spanien, verdoppelt sich die Leistung von Solaranlagen jährlich, doch die Stromerzeugung aus der witterungsabhängigen Wind- und Sonnenenergie ist nur begrenzt steuerbar. Das Problem: Strom ist ein flüchtiges Gut, das sich nicht auf Lager legen lässt.

Schon heute müssen an Starkwindtagen rund ein Drittel der Windanlagen in der Nordsee vom Netz genommen werden, da es nicht genügend Abnehmer und Leitungskapazitäten für den grünen Strom gibt. Bei Windstille gibt es bis auf eine Variante nach wie vor keine technisch ausgereiften und in der Praxis bewährten Alternativen zu kalorischen Kraftwerken. Einzig Pumpspeicherkraftwerke können grünen Strom bereits in großem Umfang speichern und dem Netz bei Bedarf rasch wieder zur Verfügung stellen.

Wolfgang Anzengruber, Verbund-Generaldirektor: „Unsere Pumpspeicherkraftwerke können binnen 90 Sekunden Strom erzeugen oder ebenso schnell durch die Aktivierung der Pumpleistung Überschussstrom aus dem Netz nehmen.“ Wird also an der Nordsee viel Windstrom erzeugt, pumpt der Verbund mit dieser Energie Wasser in höher gelegene Stauseen, welches bei Bedarf die tiefer gelegenen Turbinen antreibt.

Damit leisten Österreichs Pumpspeicherkraftwerke auch einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz. Laut Berechnungen des Energieberaters Frontier Economics vermeiden 1.000 MW zusätzliche Pumpspeicherleistung in Österreich bereits rund 50 Gigawattstunden (GWh) zeitweiser Abschaltung von Windanlagen. Das entspricht der Erzeugungskapazität von 10 bis 20 Onshore-Anlagen oder dem Stromverbrauch von 14.000 Haushalten.

Der Ausbau der Pumpspeicherleitung führt aber, so Frontier Economics, auch zu einer finanziellen Entlastung der europäischen Stromverbraucher. Durch die Senkung der CO2-Vermeidungskosten dank besserer Integration von erneuerbaren Energien können die Preise für Emissionspapiere an den CO2-Börsen reduziert werden. Insgesamt können 1.000 MW Pumpspeicherleistung den Strompreis um insgesamt rund 500 Millionen Euro senken. Dies entspricht rund 50 Prozent des Investitionsvolumens.

Gutes Geschäft

Neben der besseren Integration von umweltfreundlich erzeugtem Wind- und Solarstrom ins europäische Stromsystem sind Pumpspeicherkraftwerke aber auch ein gutes Geschäft. Denn es gibt neben Österreich nur in der Schweiz und in Norwegen nennenswerte Pumpspeicherkapazitäten. Österreich erzeugt zwar „nur“ zwei Prozent des gesamten europäischen Stroms, deckt aber mit den bereits vorhandenen Pumpspeicherkraftwerken 16 Prozent der Regelenergie in Europa ab. Für Österreichs Pumpspeicherbetreiber, neben dem Verbund etwa noch die Vorarlberger VKW oder die Tiroler Tiwag, ist das bereits heute ein gutes Geschäft.

Der überschüssige Windstrom zum Betreiben der Pumpen kann kostengünsig importiert und eingelagert werden, um dann später entweder in Österreich verbraucht oder zu höheren Exportpreisen in windschwachen Spitzenlaststunden ins Ausland zurückverkauft zu werden. Bei 1.000 MW zusätzlicher Pumpleistung liegt der Nettoeffekt für die heimische Volkswirtschaft, so die Berechnungen von Frontier Economics, bei rund 185 Millionen Euro.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. In Deutschland, der Schweiz oder in Italien gibt es für neue Pumpspeicherprojekte bereits eine Befreiung vom Netzentgeld, was den Betrieb von Pumpspeicherkraftwerken in diesen Ländern um bis zu 15 Prozent attraktiver macht als in Österreich.

Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke

Der Verbund forciert als größter Pumpspeicherkraftwerksbetreiber Österreichs den Ausbau der „grünen“ Strombatterien. Bis 2018 ist der Bau von weiteren Speicherkraftwerken mit einer Leistung von rund 1.200 MW geplant. In Kärnten wird das neue Kraftwerk Reißeck II die Kapazität der Malta/Reißeck-Kraftwerksgruppe um mehr als 40 Prozent auf 1.459 MW erhöhen.

Anzengruber: „Malta wird damit zu einer der leistungsfähigsten Kraftwerksgruppen Europas, die umweltfreundlichen Strom aus erneuerbarer Wasserkraft erzeugt.“ 385 Millionen Euro investiert der Verbund in dieses Projekt, das, ähnlich dem Kraftwerk Limberg II, landschaftsschonend im Berginneren gebaut wird.

In Kaprun prüft der Verbund derzeit den Bau eines dritten Kraftwerksblocks. Limberg III soll baulich identisch zu Limberg II errichtet werden und zusätzliche 480 MW Leistung bringen. Voraussetzung für die Errichtung von Limberg III ist allerdings der Bau einer 380-kV-Leitung zwischen Kaprun und Salzburg.

Mit dem Speicher Riedl im bayrischoberösterreichischen Grenzgebiet kombiniert der Verbund erstmals ein Donaukraftwerk mit einem Pumpspeicherkraftwerk. Das Donauwasser aus dem Staubecken Jochenstein wird in ein 350 Meter höher gelegenes Staubecken geleitet, um bei Bedarf zwei je 150 MW leistende, ebenfalls unterirdisch in einer Kaverne verbaute Turbinen anzutreiben.

Neben Pumpspeicherkraftwerken setzen Österreichs Energieversorger auf den Ausbau der heimischen Wasserkraft. Schon heute stammen rund 69 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien, 60 Prozent aus Wasserkraft.

Laut aktuellen Studien ist in Österreich ein ökologisch und ökonomisch vernünftig nutzbares Potenzial für weitere 13 Milliarden Kilowattstunden (kWh) aus Wasserkraft vorhanden. Bis 2020 ist die Nutzung von 7 Milliarden kWh aus Wasserkraft und 4,3 Mrd. kWh aus Windkraft realistisch.

Der Ausbau der Wasserkraft bedeutet dabei nicht automatisch den Neubau von Laufkraftwerken. Das Potenzial durch die Erneuerung und Effizienzsteigerung bei vorhandenen Kraftwerken ist enorm. So bringt allein der Einbau neuer Turbinen im Donaukraftwerk Aschach eine Steigerung der Stromerzeugung um die Leistung eines kleineren Flusskraftwerks an der Salzach oder der Mur.

Netzinfrastruktur stärken

Mehr grüner Strom ist in Europa aber nur durch die Erneuerung und den Ausbau des vorhandenen Leitungsnetzes möglich. Verbund-Chef Anzengruber warnt: „Ohne leistungsfähige Netze werden die Alpen ihre Rolle als grüne Batterie Europas nicht erfüllen können.“

Konkret sind zur Nutzung der Speicherkapazitäten in Kaprun der Lückenschluss des 380-kV-Rings durch den Bau des letzten Teilstücks Salzburg–Tauern und der durch die Expansion der Windkraft bedingte Leitungsausbau im Burgenland und in Kärnten notwendig.

– Christian Neuhold

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