"Die Armut kann besiegt werden“

"Die Armut kann besiegt werden“

FORMAT: Kurz vor Weihnachten ist die Hauptzeit für Spenden und Charity-Events. Haben Sie als Armutsforscherin in diesen Wochen ebenfalls Hochsaison?

Esther Duflo: Wir bemerken natürlich, dass mehr Leute auf die Website unseres Instituts zugreifen, um sich Informationen zu holen. Aber unsere Arbeit ist natürlich grundsätzlich viel längerfristiger ausgerichtet.

Gibt es so etwas wie "falsche“ Hilfe, die einfach nichts bringt?

Duflo: Es gibt immer Überraschungen. Es gibt Hilfsprogramme, die bewundernswert effizient funktionieren, aber es gibt eben auch das Gegenteil davon: Programme, die logisch klingen, deren Ergebnisse aber enttäuschen. Wir forschen daran, herauszufinden, wie wir effizient und nachhaltig helfen können.

Dabei gehen Sie unkonventionell vor. Was hat Ihnen an der Entwicklungshilfe gefehlt?

Duflo: Wir arbeiten so, wie es auch im Rahmen von medizinischen Studien passiert: Wir wählen zufällig eine Gruppe an Menschen aus, die am jeweiligen Entwicklungsprogramm teilnimmt, und eine andere Gruppe, die nicht daran teilnimmt. Dadurch, dass beide Gruppen unter den gleichen Voraussetzungen leben, können wir vergleichen, ob unsere Hilfe etwas gebracht hat, und schneller herausfinden, worin die Schwierigkeiten bestehen. Evaluierungen haben zwar zugenommen, sind aber immer noch sehr selten.

Welche Maßnahmen haben sich in Ihren Studien bewährt?

Duflo: Als enorm effektiv hat sich etwa die Bekämpfung von Wurmkrankheiten bei Kleinkindern herausgestellt. Zwei Wurmtabletten im Jahr kosten nur 50 Cent pro Kind, haben aber gigantische Auswirkungen. Weil die Kinder weniger krank sind, wird ihr körperlicher Zustand generell besser. Wie kräftig ein Mensch wird, entscheidet sich in der frühen Kindheit. Außerdem fehlen sie weniger oft in der Schule, sie fallen nicht zurück. Wurmbehandelte Kinder verdienen später nachweislich viel mehr, weil sie eine bessere Ausgangsbasis haben.

Wie vieles in Ihrem Buch klingt das so logisch, fast schon banal. Sie plädieren auch für ein neues Armutsverständnis. Warum brauchen wir das?

Duflo: Weil sich zwar in den vergangenen Jahren vieles in der Entwicklungshilfe verbessert hat, es aber immer noch wenige Studien und wirkliche Resultate gibt. Wir wissen einfach zu wenig, weil wir nicht den Menschen vor uns sehen und fragen, was er konkret braucht, sondern Stereotypen von Armen nachhängen. Oft werden nur die großen Fragen diskutiert: Braucht es mehr Geld, wie es linke Ökonomen sagen, oder gar keines mehr, weil sich die Armen ohnehin nur selbst helfen können, wie es die rechte Seite behauptet. Das ist eine Illusion, wir haben da eine sehr romantische Vorstellung von der Welt. Dabei übersehen wir die kleinen Dinge, die wirklich helfen.

Wie Wurmtabletten.

Duflo: Ja. Oder dass viele Arme ihre Kinder nicht deshalb nicht in die Schule schicken, weil sie das generell für sinnlos halten, sondern weil die Schulen so schlecht sind. Weil sich Lehrer nur um die Besten in der Klasse kümmern, was sich aber mit Anreizsystemen leicht ändern lässt. Oder dass auch arme Menschen sich nicht immer rational für die beste Ernährung entscheiden, sondern manchmal einfach viel zu teuer das kaufen, was schmeckt. Oder dass sie, so wie wir, nicht an die Zukunft denken und vorsorgen. Nur dass sie gleichzeitig mit unzähligen anderen Problemen zu kämpfen haben, die uns abgenommen sind: Trinkwasser zu finden oder medizinische Versorgung zu bekommen.

Sie können trotzdem nicht jeden Menschen einzeln befragen, was er benötigt, oder?

Duflo: Natürlich nicht, aber wir haben festgestellt, dass viele Programme in ganz unterschiedlichen Regionen zu denselben Ergebnissen führen. Zum Beispiel werden Mikrokredite an arme Menschen nicht immer die beste Wirkung haben, weil sie zwar ein kleines Geschäft haben, aber keine Möglichkeit, daraus mehr zu machen. Ihre Situation ändert auch der Kredit nicht. Deshalb haben wir gemeinsam mit einer NGO begonnen, den Kredit zusammen mit einer Sache zu vergeben, mit einer Kuh zum Beispiel oder mit Dünger. Wir zeigen den Menschen, wie sie die Milch und die Kuh verarbeiten, wie viel Dünger sie wofür verwenden müssen. Das funktioniert sehr gut.

Können wir die Armut abschaffen?

Duflo: Ich bin sehr optimistisch, weil wir die Fehler, die wir bisher gemacht haben, beheben können. Wenn wir wollen. In den vergangenen Jahren hat sich vieles verbessert. Hilfsorganisationen sind viel offener für Evaluierungen geworden, und auch bei Regierungen in Entwicklungsländern hat sich vieles getan.

Zur Person: Die Französin Esther Duflo, 40, lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. Laut dem "Time Magazine“ ist die auf Armut spezialisierte Ökonomin eine der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Sie wird als zukünftige Nobelpreisträgerin gehandelt. Gemeinsam mit Abhijit V. Banerjee gründete sie das Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab, das ihre Armutsforschung weltweit koordiniert.

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