Die neuen Arbeiter-Staaten

Der amerikanische Geostrategie-Think-Tank "Stratfor“ hat ein gutes Dutzend Staaten identifiziert, die China bald als verlängerte Werkbank der Welt ablösen könnten - die "Post-China-16“.

Die neuen Arbeiter-Staaten

Auf den ersten Blick haben Länder wie Laos, Tansania oder Nicaragua kaum etwas gemeinsam, abgesehen davon vielleicht, dass ihre Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Auf den zweiten Blick gehören sie zu einer Gruppe von insgesamt 16 Staaten, die vielleicht genau deswegen im Mittelpunkt der nächsten Phase der Globalisierung stehen.

Glaubt man einem kürzlich veröffentlichten Strategiepapier des US-Think-Tanks "Stratfor“, sollen diese "PC-16“, genannten Staaten - wobei PC für "Post-China“ steht - in absehbarer Zeit das Reich der Mitte als verlängerte Billiglohn-Werkbank der Welt ablösen. "Ganz einfach deswegen“, so Studienautor und "Stratfor“-Chef George Friedman, "weil in China die Ära des immensen Wachstums auf Basis niedriger Löhne zu Ende geht und es Länder gibt, wo die Arbeiterschaft bei annähernd gleichen Fertigkeiten noch schlechter bezahlt wird.“

Da China allerdings wegen seiner schieren Größe nicht von einem Land allein ersetzt werden könne, hat Stratfor gleich 16 Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von gut einer Milliarde Menschen identifiziert, die fast alle wirtschaftlich kaum entwickelt sind, abgesehen von billigen Arbeitskräften und Landschaft kaum etwas anzubieten haben - und deswegen in diese Lücke stoßen könnten.

Folgende Niedriglohn-Länder mit entsprechenden Wachstumschancen in bestimmten Produktionssektoren fallen unter die PC-16-Gruppe: im asiatischen Raum Bangladesch, Indonesien, Kambodschda, Laos, Myanmar, die Philippinen, Sri Lanka und Vietnam; in Afrika Äthiopien, Kenia, Tansania und Uganda; und in Lateinamerika die Dominikanische Republik, Mexiko, Nicaragua und Peru.

Textil, Schuhe, Handys

Zwar könne man in einigen Ländern wie etwa in Bangladesh, Indonesien oder Vietnam bereits seit einigen Jahren die Zuwanderung von arbeitsintensiven Produktionssektoren beobachten, meist jedoch würden die offiziellen Statistiken diesen Trend noch nicht widerspiegeln. Im höher entwickelten Mexiko oder Peru wiederum gilt das Kriterium der Minimallöhne nur in den rückständigen, ländlichen Regionen. "Deswegen ist das auch keine 100-prozentige Prognose“, sagt Friedman. "Aber wir sehen in den PC-16 eine Zunahme der Industrieproduktion in Bereichen, die wegen des hohen Preisdrucks auf billige Arbeitskräfte angewiesen sind.“

Dies treffe insbesondere für die Textil- und Schuhindustrie sowie für den Zusammenbau von Mobiltelefonen zu. "In diesen Sektoren sehen wir in den PC-16 Anzeichen eines frühen Stadiums des Wirtschaftswachstums, wenn auch noch in unterschiedlichem Ausmaß.“ Länder, die sich vor allem durch ihren Rohstoffreichtum und weniger durch ein Heer billiger Arbeitskräfte auszeichnen, sind in dieser Liste nicht berücksichtigt.

Der Geostrategie-Think-Tank ist nicht ganz unumstrittenen. Wegen seiner Pentagon-Nähe war er 2012 Ziel einer umfangreichen Hackerattacke der Anonymus-Gruppe, die ihn für Wochen lahmlegte. Zumindest hinsichtlich des Lohnniveaus der PC-16 liegt der Report weitgehend richtig. Zwar existieren - im Gegensatz zu China - in den meisten dieser Länder gesetzliche Mindestlöhne. Aber entweder sind diese unter der Wahrnehmungsgrenze oder sie bewegen sich im Vergleich zu westlichen Standards immer noch in erbärmlicher Tiefe. So sie überhaupt eingehalten werden.

Laut der Online-Datenbank " minimum-wage.org “ des US-Arbeitsministeriums, in der die jährlichen Mindestlöhne für 2013 in 195 Ländern auf Dollarbasis (2009) verglichen werden, stehen Mexiko mit einem gesetzlichen Mindest-Jahreslohn von rund 2.600 Dollar und Peru mit 2.352 Dollar pro Jahr noch am besten da. Das Mittelfeld der PC-16 bewegt sich zwischen jährlichen Mindestlöhnen von 902 Dollar (Äthiopien) bis 95 Dollar (Uganda). Und in fünf Ländern - der DomRep, Indonesien, Laos, Tansania und Vietnam - ergeben die staatlich in der Landeswährung verordneten Jahresmindestlöhne bei aktuellen Umrechnungskursen nicht einmal einen mickrigen Dollar: in der Praxis gibt es dort also gar keine Mindestlöhne (siehe " Für einen Bettel “).

Die Logik der Armut

Weil ein Großteil der Bevölkerung in den Post-China-16-Ländern in bitterster Armut lebt, bleibt ihnen meist gar nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft billig zu verkaufen. Ist dieser Prozess erst einmal in Gang gesetzt, profitieren davon - verkürzt gesagt - alle, bis auf die Arbeiter selbst. Zuerst sind es lokale Unternehmer, die den Mehrwert abschöpfen. Dann sind internationale Investoren, die ihre Produktionen in die neuen Billiglohn-Länder verlagern, die Nutznießer. Und am Ende die westlichen Konsumenten dank günstiger Produkte.

Selbst dem - nicht gerade sozialistischen - Autor der Studie ist diese Logik der Armut nicht ganz geheuer. "Je mehr Arbeiter in die Fabriken strömen, desto mehr zerbricht ihr sozialer Zusammenhalt“, schreibt er. "Das traditionelle Leben verschwindet. Die Effizienz des Kapitalismus übernimmt.“ Dieser Zug sei aber ab einem bestimmten Momentum nicht mehr aufzuhalten. Friedman: "So mies die Arbeitsbedingungen auch sein mögen, immer mehr arme Leute werden in diesen Ländern zu minimalen Löhnen ein Maximum an Stunden arbeiten. Denn sie wissen, dass es ihnen damit immer noch besser geht als zuvor. Der ganze Erfolg der amerikanischen Einwanderer war auf dieser Hoffnung aufgebaut.“

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