Die 100 mächtigsten Frauen Österreichs

FORMAT präsentiert die einflussreichsten Frauen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur. Wie sie es in einer von Männern dominierten Welt an die Spitze geschafft haben. Das Geheimnis ihres Erfolgs.

Es ist so gegen acht Uhr in der Früh, als Brigitte Ederer gut gelaunt anruft. Sie ist schon lange munter, hat viel um die Ohren und kann am besten frühmorgens telefonieren: „Ich will ja anderen nicht die Zeit stehlen, darum erledige ich alles möglichst schnell.“ Mit dieser Einstellung hat es die frühere SP-Politikerin zu einer der mächtigsten Wirtschaftsmanagerinnen Deutschlands geschafft: „Gitti“ Ederer ist als Personalchefin von Europas führendem Elektrotechnikkonzern Siemens für mehr als 400.000 Mitarbeiter verantwortlich, 8.600 davon arbeiten in Österreich. Auch wegen ihrer weit verzweigten Kontakte in Politik und Wirtschaft gilt die 55-jährige Wienerin als die Nummer eins der mächtigsten Frauen Österreichs. Sie selbst sagt: „Ach, das ist geborgte Macht. Schauen wir mal, ob wir noch telefonieren, wenn ich einmal eine gewöhnliche Pensionistin bin.“

Ederer macht kein Geheimnis daraus, dass der Weg und der Verbleib an der Spitze einen hohen Preis haben: „Wegen meiner Arbeit habe ich keine Kinder“, bekennt sie unumwunden. Kinderlos ist aber nicht nur die seit mehr als dreißig Jahren mit dem EU-Parlamentarier Hannes Swoboda (SPÖ) liierte Spitzenmanagerin. Vielen weiblichen Führungskräften war Karriere wichtiger als Kinder. Und wenn sie beides haben, dann leben sie oft wie Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler „mit dem schlechten Gewissen, die Kinder vernachlässigt zu haben“.

In einem von FORMAT erstellten Ranking nach Kriterien wie Unternehmensgröße, Kontakte in Wirtschaft, Medien und Politik oder Verfügbarkeit finanzieller Mittel werden die hundert einflussreichsten Frauen Österreichs unter die Lupe genommen. Das Fazit: Während die wenigsten über die viel zitierte gläserne Decke klagen, ist diese für den Rest der weiblichen Bevölkerung ein erhebliches Problem. „Die, die oben sind, haben die gläserne Decke ja durchbrochen oder sie gar nie erlebt. Das Problem haben Frauen auf den unteren und mittleren Ebenen“, sagt Eva Dichand, als Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“ eine wichtige Meinungsbildnerin.

Ernüchternde Bilanz

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass Frauen bis dato in einer von Männern dominierten Welt leben. Zumindest, was das Berufsleben betrifft. Fakt ist: Frauen verdienen in Österreich im Durchschnitt um 40 Prozent weniger als Männer. Der Grund dafür ist, dass Teilzeit weiblich ist. 44 Prozent aller Frauen haben keine Vollzeitstelle, bei den Männern sind es nur sechs Prozent. Die Krux dabei: Selbst im gleichen Fulltime-Job, in der gleichen Branche, in der gleichen Firma und bei gleich langer Firmenzugehörigkeit gibt es Unterschiede in der Bezahlung. Warum die Arbeitsstunde mancher Kollegen in Österreich um 15 bis 18 Prozent mehr wert ist als die der Kollegin, ist rational nicht erklärbar.

Genauso wenig, warum Frauen mit guter Ausbildung langsamer die Karriereleiter emporklettern als Männer. Und das, obwohl es nicht an ihrer Kompetenz mangelt. „Frauen haben enorm viele Talente. Das Schwierige ist nur, dass Männer, die entscheiden, erkennen, was Frauen können“, erklärt Finanzministerin Maria Fekter.

Die jährliche Arbeiterkammer-Studie über die Frauen in Führungspositionen der Top-200-Unternehmen zeigt, dass viele auf weibliches Potenzial verzichten. Nur auf 4,4 Prozent aller Geschäftsführer-Sessel sitzen Frauen. Auch in den Aufsichtsräten ist die weibliche Beteiligung mit 10,3 Prozent nur geringfügig größer. Und von den zwanzig börsennotierten Unternehmen verzichten neun ganz auf Frauen auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene.

Dabei zeigt die aktuelle Studie von McKinsey „why women matter“, also „warum Frauen von Belang sind“: Der Betriebsgewinn von Unternehmen mit vielen Frauen in Führungspositionen ist um 56 Prozent höher als der von Firmen in männlicher Hand. Die weibliche Mischung an der Spitze lohnt sich. Warum verzichten manche Unternehmen immer noch auf Frauen in Toppositionen? Gibt es zu wenig Förderungen, oder brauchen wir eine Quote? Oder sind es die äußeren Umstände, die Familie, die die steilen Karrieren verhindern?

Frauenproblem

Frauen stehen sich mitunter selbst im Weg. Dafür gibt es mehrere Gründe, zum Beispiel erziehungs- und kulturbedingte: Manche geben sich mit einem guten Betriebsklima und netten Kollegen zufrieden, vielen ist es unangenehm, Gehaltserhöhungen einzufordern. Anderen wiederum geht es nicht schnell genug. Sie sind ehrgeizig, kämpfen beinahe schon verbissen um den Aufstieg. „Ich arbeite lieber mit Männern, weil Frauen übertrieben hart zu sich und zu anderen sein können“, sagt „Heute“-Herausgeberin Eva Dichand.

Ein Patentrezept, mit welchen Eigenschaften Frauen an die Spitze kommen, gibt es also nicht. Karin Exner-Wöhrer, Finanzchefin Salzburger Aluminium AG, meint: „Ich kann mit Frauen und Männern gleich gut oder gleich schlecht. Wichtig sind Ehrlichkeit, Fleiß und Können.“ Beide, Dichand und Exner-Wöhrer, hatten allerdings einen Startvorteil: Dichand ist die Ehefrau von Christoph Dichand, „Krone“-Chefredakteur und Sohn des verstorbenen „Krone“-Gründers Hans Dichand. Der Vater von Exner-Wöhrer übernahm 1993 die mehr als hundert Jahre alte Aluminiumfirma. Die Tochter machte anschließend Karriere im Familienbetrieb.

Am Karriereweg von anderen liegen häufig mehr Steine. In den letzten Jahren sind daher immer mehr Mentoring-Programme und Frauennetzwerke entstanden. Auch Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller ist Mitglied eines deutschen Ökonominnen-Netzwerks: „Solche Kontakte sind enorm wichtig. Frauen kommen schneller weiter, wenn sie sich gegenseitig unterstützen.“ Und das tun sie: In Österreich gibt es mittlerweile Dutzende Netzwerke, darunter die „Alpha Frauen“, das „Frauennetzwerk Medien“, die „Frauen in der Wirtschaft“ oder „Frau im ÖGV“.

Ungeliebte Quote

Die Fortschritte zeigen sich allerdings nur langsam, zu langsam für Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek: „Mentoring oder Networking sind als Instrumente allein viel zu soft, sie greifen nur, wenn die Entscheider das wollen.“ Sie plädiert deshalb seit Jahren für Frauenquoten. Im März wurde im Ministerrat erstmals eine Frauenquote für die Aufsichtsräte in staatsnahen Unternehmen beschlossen: Bis 2013 sollen 25 Prozent und bis 2018 35 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder weiblich sein. Dieser Quotenstufenplan gilt für die Aufsichtsräte der Unternehmen, an denen der Staat mit mindestens 50 Prozent beteiligt ist. Das betrifft 55 Unternehmen – etwa Nationalbank, Bundesrechenzentrum, Bundesforste, Bundesimmobiliengesellschaft oder Bundesfinanzierungsagentur. Heinisch-Hosek sieht das als ersten Schritt, den Bund als „Vorbild für private Unternehmen“ zu positionieren.

Medienmanagerin Eva Dichand sieht das differenzierter: „Quoten für Aufsichtsräte sind sinnvoll, nicht aber im operativen Geschäft.“ Eine Meinung, mit der sie nicht alleine dasteht. Auch Brigitte Ederer, Infineon-Österreich-Chefin Monika Kircher-Kohl und Anwältin Theresa Jordis haben Bedenken. Jordis sagt sogar: „Ich bin eine strikte Quotengegnerin. Alle Quoten haben qualitätsmindernden Inhalt.“

Dabei führt Norwegen schon seit 2003 eindrucksvoll vor: Die Quote bringt’s. Die neue McKinsey-Studie, die auch norwegische Unternehmen untersucht hat, zeigt, dass weibliche Führung Verbesserung in der Firmenperformance bringt. Der Frauenanteil in Aufsichtsräten und Vorständen ist in Norwegen schon auf 39 Prozent angewachsen. Für Bettina Glatz-Kremsner, Casinos- und Lotterien-Vorstand, ist das nur ein Teil der Lösung: „Quote ist ja gut und schön, aber viel wichtiger wären gute Kinderbetreuungseinrichtungen und mehr Flexibilität im Unternehmen.“

Familienfreundlich

Gerade bei den Kleinsten, den unter Dreijährigen, gibt es in Österreich einen Mangel an Kindergartenplätzen. Der soll jetzt behoben werden: Regierung und Bundesländer investieren bis 2013 in den Ausbau der Kinderbetreuung 110 Millionen Euro. Das hilft Eltern, insbesondere Frauen: Denn der aktive Papa erhält in Österreich zwar viel mediales Lob, im Normalfall unterbrechen aber immer noch die Mütter ihre Karriere. Daran hat auch das einkommensabhängige Karenzgeld nur wenig geändert.

Es gibt zwar Familienförderung in Unternehmen wie Betriebskindergärten, qualifizierte Teilzeitarbeit und Karenzmanagement-Programme. Unterstützend für Frauen wäre aber auch ein Wandel der wenig familienfreundlichen Unternehmenskultur: Das Geschäft läuft nur zum Teil in offiziellen Sitzungen ab, beim gemütlichen Zusammensitzen danach werden aber ebenfalls wichtige Entscheidungen getroffen. Frauen, die da schon zur Familie heimgeeilt sind, sind so nicht eingebunden. Microsoft-Österreich-Chefin Petra Jenner weiß als Deutsche mit internationaler Erfahrung, dass das nicht überall so ist: „Die Dichte an zusätzlichen Abend-Verpflichtungen ist in Österreich schon extrem hoch. Das gibt es sonst in keinem Land.“

Im Norden Europas ist Familienfreundlichkeit ein alltägliches Thema. In Österreich sei man hingegen leider noch nicht so weit, sagt Grünen-Chefin Eva Glawischnig: „Kein Mann würde wegen der Karriere auf die Fortpflanzung verzichten. Frauen, die wie ich beides wollen, gelten gleich als Rabenmütter. Ein Wort, das es in vielen Sprachen überhaupt nicht gibt. Raben sind übrigens hervorragende Mütter.“

Die komplette Liste der einflussreichsten Business-Frauen Österreichs gibt es im FORMAT Nr. 24/11.

– Silvia Jelincic, Angelika Kramer, Martina Madner
Mitarbeit: M. Knapp, B. Mayerl, M. Schmid

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