"Dicke Suppe": Staatswaltschafts-Anklage gegen Ötsch gilt als wahrscheinlich

Sein Wirken für die AUA stellt sich auch für Alfred Ötsch persönlich als Bruchlandung heraus. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Ex-AUA-Chef sind für ihn ernster als bisher angenommen.

Nach seiner Bandscheiben­operation gönnt sich Alfred Ötsch erst einmal eine länge­re Auszeit. Wo genau, weiß man weder beim früheren Arbeitgeber AUA noch beim AUA-Hauptaktionär ÖIAG. Von Bekannten ist nur zu erfahren, dass sich Ötsch häufig mit Ex-Verbund-General Michael Pistauer in den Bergen aufhält. Aber so schnell wird Ötsch sein zweieinhalb Jahre dauerndes Gastspiel als AUA-Vorstand und dessen Folgen nicht vergessen können. Entspannung ist ihm noch keine vergönnt.

Die Scheich-Anzeige
Denn die Staatsanwaltschaft Wien beschäftigt sich weiter mit dem Wirken von Ötsch. Sie ermittelt gegen ihn wegen der Verletzung von Paragraf 255 Aktiengesetz: unrichtige Weitergabe, Verschleierung und Verschweigung von unternehmensrelevanten Ereignissen. Das tut sie bereits seit September letzten Jahres, nachdem eine Anzeige von Mohamed Bin Issa Al Jaber ins Haus geflattert war. Der Scheich, der 20 Prozent an der Fluglinie kaufen wollte, fühlte sich nämlich getäuscht durch die Aussage von Ötsch, die er anlässlich der Präsentation der Jahreszahlen 2007 machte: „Die AUA ist saniert.“ Der Scheich zeigte den AUA-Chef an. Denn nur wenige Wochen später muss­te die Airline einen Quartalsverlust von 60 Millionen Euro vermelden.

„Dicke Suppe“
Dass es sich bei diesen Ermittlungen keineswegs nur um Routinearbeit handeln dürfte, erfuhr FORMAT direkt aus der Staatsanwaltschaft Wien: „Die Suppe ist dicker als ursprünglich angenommen.“ Dem Vernehmen nach will der zuständige Staatsanwalt Hans-Chris­tian Leiningen-Westerburg in Kürze einen Sachverständigen bestellen, der klären soll, ob Ötsch zum Zeitpunkt des Sanierungs-Sagers von den schwachen Quartalszahlen bereits hätte wissen müssen. Eine Anklage wird durchaus für realistisch gehalten. Der Ex-AUA-Chef ist zu der Causa ebenso schon einvernommen worden wie Al Jabers Chefverhandler. Die Einvernahme des Scheichs musste aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Nach jetzigem Stand – für Ötsch gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung – scheint sich der Verdacht der Bilanzfälschung zu verdichten. Betrug wird dem Ex-AUA-Chef wohl nicht nachzuweisen sein.

Elsner-Verteidiger als Anwalt
Ein Indiz dafür, dass auch Ötsch die Sache ernst nimmt, ist die Tatsache, dass er einen der profiliertesten Strafverteidiger des Landes, Elmar Kresbach, als Anwalt engagiert hat. Kresbach, der auch Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner strafrechtlich vertritt, bestätigt ge­gen­über FORMAT das neue Mandat: „Es stimmt, ich vertrete ihn.“ Beim Umfang des Mandats beruft er sich allerdings auf die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht. Auch die Staatsanwaltschaft Nürnberg hat Ötsch wegen seiner früheren Tätigkeit als Siemens-Manager im Visier. In einem Vorhabensbericht der deutschen Staats­anwaltschaft wird der Österreicher der Steuerhinterziehung und der Untreue verdächtigt. Eine Einvernahme von Ötsch habe noch nicht stattgefunden, berichtet Andreas Quentin, Sprecher der Staatsanwaltschaft Nürnberg. Wegen eines Personalwechsels habe sich der Fall verzögert, das weitere Vorgehen werde geprüft.

Der große Abwesende
Auch kommenden Dienstag wird Ötsch wohl eine Hauptrolle spielen – obwohl er auf der AUA-Hauptversammlung am 14. April wahrscheinlich gar nicht persönlich anwesend sein wird. „Sein Name wird sicher mit Abstand am öftesten genannt werden“, glaubt AUA-Betriebsrat Alfred Junghans, der seinem Exchef keine Träne nachweint. Ei­nige Aktionäre haben bereits angekündigt, Ötsch die Entlastung für das Jahr 2008 zu verweigern. „Ich werde beim Vorstand sicher eine getrennte Abstimmung fordern. Es geht einfach darum, ­Signale zu setzen“, kündigt Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger an. Denn auf der Hauptversammlung werden die Aktio­näre nicht nur über den Verlust des halben Grund­kapitals, das zuletzt bei 264 Millionen Euro lag, informiert, sondern auch über einen Rekordverlust in der Höhe von 430 Millionen Euro. Dass all das Ergebnis ­einer Bruchlandung von Ötsch war, glaubt auch der wortgewaltige „Hauptversammlungs-Schreck“ Rupert-Heinrich Staller: „Der, der das zu rechtfertigen hat, ist nicht mehr dabei.“ Nachsatz: „Jeman­den wie Ötsch zu entlasten ist undenkbar. Da müsste man schon einen Kopfschuss ­haben.“

Ablöse als Hauptversammlungsthema
Obwohl die ÖIAG, mit knapp 42 Prozent Hauptaktionär der Fluglinie, sicher für die Entlastung des Ex-AUA-Chefs stimmen wird, ist Ötsch damit noch nicht aus dem Schneider. Denn: „Wenn nur ein Aktionär auf der Hauptversammlung gegen die Entlastung Widerspruch zu Protokoll gibt, kann gegen den Vorstand noch bis zu fünf Jahre später schaden­ersatzrechtlich vorgegangen werden“, erläutert Rechtsanwalt Meinhard Novak, der schon einmal Strafanzeige gegen Ötsch eingebracht hat. Mit Sicherheit werden die rund 1,1 Millionen Euro Ablöse für den AUA-Kurzzeitchef auf der Hauptversammlung thematisiert. Die ÖIAG pocht hier trotz wiederholter Kritik – auch von Bundeskanzler Werner Faymann – auf Vertrags­treue. Einen Teil der Summe hat die Staatsholding schon überwiesen, ein weiterer wird angeblich erst nach Finalisierung der AUA-Übernahme durch die Lufthansa fällig. Für Betriebsrat Junghans ist das angesichts der Personaleinsparungen unverständlich. Er glaubt aber, dass Ötsch zu einem freiwilligen Verzicht zu bewegen wäre: „Mit der nötigen Demut und einem gewissen Maß an Anstand wird er wissen, dass auch ein Beitrag von seiner Seite für die AUA hoch an der Zeit ist.“

Von der Politik „verötscht“
Angesichts der Angriffe auf den untergetauchten Manager kommt auch Mitleid mit ihm auf. Ötsch war bei der AUA ja von der Politik abhängig und musste vielfach deren Wünsche umsetzen. In diesem Zusammenhang dient Ötsch immerhin als Namensgeber für einen neuen Begriff, den vor allem Banker neuerdings verwenden, die Mittel aus dem Banken­paket wollen: Sie wollen keinesfalls von der Politik „verötscht“ werden, sagen sie, wenn sie Geld vom Staat nehmen.

Von Angelika Kramer

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