Dichand will "Krone" alleine: WAZ-Ausstieg könnte ein Medien-Erdbeben auslösen

Die deutsche WAZ verlangt für ihre „Krone“-Anteile rund 220 Millionen Euro. Hans Dichand will deutlich weniger zahlen. Dennoch könnte der Medien-Deal des Jahres bald gelingen.

Mit 88 Jahren hat man nicht unbegrenzt Zeit, um ein gestecktes Ziel zu erreichen. Und Hans Dichand hat ein großes Ziel: Er will wieder 100 Prozent an seiner „Krone“. Jahrelang kämpfte er mit dem Hälfteeigentümer, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Die Kontrahenten stritten über die Bestellung von Chefredakteuren, sie zerrten sich gegenseitig vor das Schiedsgericht. Dichand plante gar einen Börsengang, um den ungeliebten Partner auskaufen zu können. Aber keiner konnte die Pattstellung aufbrechen. Die Einschätzung der meisten Beobachter: Letztlich werde die WAZ Hans Dichand überleben und die Macht übernehmen. Doch nun arbeitet die Zeit für den betagten Medienzaren. Die Deutschen wollen raus, der Preis wird niedriger, je länger die Krise dauert. Nie war Dichand so nahe dran, das Gezerre um Österreichs einflussreichste Tageszeitung für sich zu entscheiden (siehe Grafik zu den Reichweiten österreichischer Tageszeitungen) . Tauwetter breitete sich schon in den letzten Monaten aus. Mittlerweile ist die WAZ endgültig gewillt, die „Krone“ aufzugeben. WAZ-Chef Bodo Hombach ist die treibende Kraft. Geschäftsführer Christian Nienhaus verhandelt die Details. Im Umfeld der WAZ-Gruppe wird von „intensiven Gesprächen“ berichtet: „Auf beiden Seiten besteht Einigkeit über das Ziel.“

Konkrete Preisverhandlungen
Der heimischen Medienlandschaft steht ein Erdbeben bevor. Die „Krone“ ist über die gemeinsame Tochter Mediaprint mit dem „Kurier“ verbunden, dessen Gesellschafter Raiffeisen und ebenfalls die WAZ sind. Wenn sich diese Konstellation ändert, muss sich auch Raiffeisen neu aufstellen. Mitbewerber wie der Styria Verlag oder die Tiroler Moser Holding scharren in den Startlöchern. Die Familie Dichand bleibt in der Deckung und lässt nur verlauten, „dass schon seit einem Jahr geredet wird. Es gibt nichts Neues.“ In Wahrheit wird aber schon konkret um den Preis gefeilscht. 300 Millionen Euro wollte die WAZ für die halbe „Krone“ zu Beginn der Überlegungen. Beim Einstieg 1989 hatten die Deutschen umgerechnet 160 Millionen gezahlt. Die letzte Preisvorstellung der WAZ ist wenige Tage alt und liegt mittlerweile bei rund 220 Millionen, verlautet aus Deutschland.

Rückgang der Gewinne
Immer noch sehr viel Geld. Denn der Gewinn der Mediaprint, wo die Geschäfte von „Krone“ und „Kurier“ zusammenlaufen, sackte zwischen 2006 und 2008 um 47 Prozent ab: auf 18,8 Millionen Euro. Die Rückgänge der Werbeerträge bei den Printmedien und der Start der Boulevardzeitung „Österreich“ 2006 lassen auch das Bollwerk „Krone“ nicht unberührt. Die Mediaprint-Profite werden im Verhältnis 70:30 aufgeteilt, womit zuletzt 13,2 Millionen Euro auf die „Krone“ entfielen (siehe Eigentümer-Struktur ). Für die WAZ ergibt das eine magere Rendite, auch weil Hans Dichand vertragsgemäß Jahr für Jahr 8,5 Millionen Euro Vorabgewinn kassiert. Dem Medienkonzern aus Essen bleiben für 2008 gerade noch 2,1 Millionen aus der Mediaprint-Ausschüttung. Dazu kommen die 50 Prozent aus der Krone Vermögensverwaltung, wo die diversen Beteiligungen gebündelt sind (z. B. Krone Hitradio). Auch der Profit dieser Gesellschaft halbierte sich innerhalb eines Jahres von 24 auf 11,6 Millionen Euro (2007).

"Kurier" belastet Ergebnisse
Für ihre recht üppige Preisvorstellung setzt die WAZ deswegen auch einen erheblichen Wert für die Marke „Krone“ an. Außerdem argumentiert Manager Hombach, dass die „Krone“ alleine deutlich mehr wert wäre, weil das Mediaprint-Ergebnis durch die Verluste des „Kurier“ belastet sei – eine Zwickmühle für die Familie Dichand, die genau diese Rechnung immer gegen den „Kurier“ ins Treffen führte, was ihr jetzt aber nicht in den Kram passt. Hans Dichand und sein Sohn Christoph, der Chefredakteur der „Krone“, wollen deutlich unter 200 Millionen Euro zahlen. Eine gängige Formel – siebenmal Jahresnettogewinn – ergäbe kaum 100 Millionen (den Vorabgewinn gar nicht berücksichtigt). Die WAZ-Männer setzen allerdings darauf, dass der „Krone“-Gründer nicht bis zum Letzten pokern wird, weil er unbedingt wieder der alleinige Herr im Haus sein will. Jetzt besteht die Chance dazu, aber nur für viel Geld.

Kredit von Erste Bank?
Gespräche über die Finanzierung sind im Laufen. Vater und Sohn Dichand verhandeln insbesondere mit der Erste Bank. Deren General Andreas Treichl zeigt sich nicht abgeneigt, einen Kredit zu gewähren. Entscheidung ist jedoch noch keine gefallen. Auch die Raiffeisen-Gruppe stünde wahrscheinlich als Financier zur Verfügung. Für diese Variante können sich die Dichands aber weniger erwärmen. Raiffeisen sitzt als Gesellschafter des „Kurier“ (51,1 Prozent) mit im Boot der Mediaprint, deren Rolle die „Krone“-Macher zurückstutzen wollen – was nicht einfacher wird, wenn man von Raiffeisen als Kreditgeber abhängig ist.
Wie groß sind die Probleme, das notwendige Kapital aufzustellen? Manche Finanzexperten halten es für mühsam, in Zeiten der Depression den Geldhahn der Banken zu öffnen, zumal die Ergebnisse der „Krone“ sinken. Andere Branchenkenner sehen gar kein Problem für Dichand, weil er über ausreichend private Mittel verfüge. Sein Vermögen wird auf über eine halbe Milliarde Euro geschätzt, darunter eine exquisite Gemäldesammlung, die locker einen dreistelligen Millionenbetrag wert ist. „Er hat schon gesagt“, so erzählt ein Freund der Familie, „zur Not verkauft er seine Bilder. Aber ich weiß nicht, ob das ernst gemeint ist.“ Auch die Idee einer „Krone“-Volksaktie hat Hans Dichand noch nicht gänzlich aufgegeben.

Raiffeisen bleibt hart
Entscheidend dafür, welcher Kaufpreis sich rechtfertigen lässt, ist die künftige Konstruktion des Mediaprint-Verbunds. Die Dichands haben öfter laut über eine Auflösung nachgedacht, weil sie den „Kurier“ nicht mehr mitfinanzieren wollen, wie sie sagen. Wenigstens wollen sie die bilanzielle Gebarung von „Krone“ und „Kurier“ wieder komplett trennen und die Mediaprint zu einer reinen Dienstleistungsgesellschaft degradieren, die Aufträge der beiden Zeitungen im Druck- und Vertriebsbereich ausführt. Vor allem Eva Dichand, die Ehefrau des „Krone“-Chefredakteurs, macht Druck in diese Richtung. Raiffeisen will die Mediaprint, in deren Führung Parität besteht, allerdings unangetastet lassen. „Eine mögliche Änderung bei den Besitzverhältnissen der ‚Krone‘ hätte keine Auswirkung auf die Mediaprint, außer auf die Mandatsverteilung in den Gremien“, betont Erwin Hameseder, Chef der Raiffeisen Holding NÖ-Wien. Einseitig können die Verträge nicht gelöst werden. Mehrere Anläufe von Dichand, die Gewinnverteilung zu seinen Gunsten zu ändern, scheiterten. Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad würde sich wohl jede Änderung in der Mediaprint teuer abkaufen lassen – oder als Gegenleistung Anteile an der „Krone“ verlangen, was wiederum Hans Dichand keinesfalls will.

Tauziehen erlebt medialen Niederschlag
Die Aufteilung des Vermögens der Mediaprint im Verhältnis 70:30 wäre auch faktisch enorm schwierig, vor allem die Druckerei und Abonnement-Verwaltung betreffend. „Einen handfesten Scheidungs-Streit“ prophezeit ein Involvierter. Sollte sich die WAZ auch von ihrem „Kurier“-Anteil trennen, worüber es derzeit noch keine Verhandlungen gibt, wird die Raiffeisen-Gruppe von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Das Tauziehen zwischen Dichand und Raiffeisen hat auch schon medialen Niederschlag gefunden. Die „Krone“ feuerte in den vergangenen Wochen mehrere Breitseiten gegen den Grünen Riesen ab, dem politische Einflussnahme vorgeworfen wurde. Auch die Anti-Raiffeisen-Kampagne von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache dürfte damit im Zusammenhang stehen. Der blaue Politiker ist ein Liebkind der „Krone“ und tut sich mit aggressiven Angriffen hervor: „Die Giebelkreuz-Krake muss zerschlagen werden“ (siehe auch Streitgespräch ) .

Plan B: Konservativer Medienverbund
In der Auseinandersetzung spielt ebenfalls eine Rolle, dass Raiffeisen zu dem Bankenkonsortium zählt, das die Tageszeitung „Österreich“ mit Krediten finanziert hat. Christoph Dichand, der mit zunehmender Gebrechlichkeit seines Vaters eine stärkere Rolle übernommen hat, würde den unliebsamen Konkurrenten lieber heute als morgen vom Markt bugsieren. Dass Ober-„Österreicher“ Wolfgang Fellner auch mit Geld von Raiffeisen operiert, gefällt der „Krone“-Familie gar nicht. Für den Fall, dass die Mediaprint-Struktur zerfällt, hat Christian Konrad einen Plan B in der Schublade. Aus den Bundesländern kommt die Idee eines bürgerlichen Medienverbunds, bei dem der „Kurier“ als Partner willkommen wäre. Der Chef der Moser Holding (u. a. „Tiroler Tageszeitung“), Hermann Petz, hat den Raiffeisen-General schon darauf angesprochen. Angeblich wäre auch der Styria Verlag (u. a. „Kleine Zeitung“) interessiert. Auf diese Weise könnte ein neuer Zusammenschluss nach dem Muster der Mediaprint entstehen. Hans Dichand stünde dann alleine da, wie er sich das zum Ziel gesetzt hat. In einem schrumpfenden Markt könnte so ein Alleingang aber schwieriger werden als gedacht.

Von Andreas Lampl und Ashwien Sankholkar

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