Der britische Wirtschaftsprofessor Tim Jackson im FORMAT-Interview

Tim Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung, über individualistische Konsumenten, das alte Mantra Wachstum und eine moralische Bankrotterklärung.

FORMAT: Herr Jackson, der Titel Ihres Buches „Wohlstand ohne Wachstum“ klingt sehr verheißungsvoll. Sie können sich nun vor lauter Einladungen kaum retten?

Jackson: Ja, vor allem Politikberater sind an meinen Ideen interessiert. Überraschenderweise laden mich auch Finanzunternehmen und Investmentbanker zu Vorträgen ein.

FORMAT: Politiker sprechen anders, als in Ihrem Buch vorgeschlagen: Sie hoffen auf ein, zwei Prozentpunkte mehr Wachstum. Der falsche Weg?

Jackson: Ich gebe zu, es ist verlockend. Es ist offensichtlich, dass wir die Beschäftigung stabil halten und Prioritäten bei den öffentlichen Ausgaben setzen müssen. Aber ein Denken in diesen Dimensionen ist ungenügend. Die meisten Länder setzen auf alte Rezepte, nämlich die Wiederherstellung des „business as usual“. Dabei lagen die Wurzeln der Krise im System selbst: Die neuere Wirtschaftsgeschichte war eine Geschichte des Konsumwachstums. Zuerst baute man auf öffentliche Verschuldung, später auf private Schulden. Man trieb es so weit, dass dieses System instabil und die Kredite toxisch wurden.

FORMAT: Das Problem liegt also im ungezügelten Konsum?

Jackson: Nicht nur. Aber die Idee des stetigen Konsumwachstums, sogar in materiell gesättigten Nationen, ist absurd. Sie ist ökologisch gefährlich und finanziell bedenklich. Wir konsumieren einfach zu viel.

FORMAT: Liegt Konsum nicht in der menschlichen Natur? Wer möchte nicht ein schöneres Haus, mehr Einkommen und ein neues iPad?

Jackson: Zumindest werden wir von allen Seiten ermutigt, das zu glauben. Klar, ein Teil der menschlichen Natur will immer mehr, vor allem mehr Status. Bis zu einem gewissen Grad brauchen wir materielle Güter wie Essen und Kleidung. Doch schon bei so etwas Einfachem wie Essen heißt es ja auch nicht immer: Mehr ist besser. In der Realität ist dieses Mehr oft zu viel. Der Wirtschaftswissenschaft liegt ein zu enges und falsches Bild von der menschlichen Natur zugrunde. Wir sind nicht ausschließlich individualistische Konsumenten, sondern auch soziale Wesen mit altruistischen Verhaltensweisen und traditionellen Werten.

FORMAT: Wirtschaftswachstum hat viele Millionen Menschen aus der Armut geholt. Honorieren Sie das nicht?

Jackson: Doch. In den ärmsten Regionen brauchen wir Wachstum. Doch in einer wachsenden Wirtschaft glaubt man, die Einkommen eines jeden wachsen für immer. Das heißt, dass auch die Ärmsten irgendwann der Armut entkommen. Das ist aus zwei Gründen falsch: Wir haben schlicht nicht die ökologischen Ressourcen, um weiter die Reichen reich zu machen, bis die Armen der Armut entfliehen können. Es wird ignoriert, was Armut eigentlich ist: Es ist nicht immer nur materielle Armut, es geht um Teilhaben an der Gesellschaft.

FORMAT: In den Industrienationen läuft die Wirtschaft doch in kleinen Teilen in eine andere Richtung. Vielerorts entstehen „grüne“ Jobs, und Unternehmen investieren in nachhaltige Technologien. Ist das nicht ein guter Weg?

Jackson: Doch. Der „grüne“ Sektor ist zentral, und Investitionen in grüne Technologien und Infrastruktur können ein Vehikel für die Transformation der Wirtschaft sein. Der zweite wesentliche Sektor für die Zukunft ist der sogenannte „grüne“ Dienstleistungssektor. Ich bezeichne damit CO2-arme Service-Jobs im Bereich der Gesundheit, Freizeit, Bildung und Gebäudesanierung. Der Sektor ist außerdem sehr arbeitsintensiv und liefert wertvolle, menschliche Dienstleistungen.

FORMAT: Apropos arbeitsintensiv. Viele Ökonomen fürchten, dass es ohne Wirtschaftswachstum zu höherer Arbeitslosigkeit kommt. Was entgegnen Sie diesen Kollegen?

Jackson: Für Politiker ist Wachstum gleich Jobs. Es ist wie ein Mantra.

FORMAT: Und Sie finden das nicht?

Jackson: Es ist eine rein mathematische Beziehung, keine Tatsache. Unter den heutigen Umständen, wo es zunehmende Arbeitsproduktivität gibt, stimmt die Gleichung. Daher gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man akzeptiert die wachsende Produktivität …

FORMAT: … was wir auch müssen, schließlich stehen wir im internationalen Wettbewerb …

Jackson: Nur in einigen Sektoren und bei einigen Gütern. Es gibt auch Sektoren, in denen Arbeitsproduktivität keinen Sinn macht. Das ist mein zweites Argument: Einem Lehrer immer größere Klassen zuzumuten ist unnütz. Vor allem bei den „grünen“ Dienstleistungen macht stetig wachsende Arbeitsproduktivität keinen Sinn, und dieser Sektor sollte größer werden.

FORMAT: Und gerade in diesen Bereichen wird gespart.

Jackson: Ja, es ist unglaublich. Wir ziehen soziales Investment ab, um Schulden zurückzuzahlen, die ein Sektor mit riesigen Profiten gemacht hat. Es ist wie eine moralische Bankrotterklärung.

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