Der Turmbau zu Basel: Dunkle Wolken über Österreichs Geldhäusern

Österreichs Bankenlandschaft steht vor tektonischen Verschiebungen. Die großen Geldinstitute müssen ihre Kapitaldecke massiv ausbauen und Personal abbauen. Kredite werden teurer.

Das Reizwort „Basel“ lässt in den Bankzentralen die Köpfe rauchen. Der Hintergrund: Vor einem Jahr einigten sich die Finanzminister und Notenbankpräsidenten der G-20-Länder im südkoreanischen Seoul auf eine Neuordnung des weltweiten Finanzsystems. Der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich arbeitete daraufhin ein Maßnahmenpaket aus, das die Schwächen der bisherigen Bankenregulierung ausmerzen, das globale Geldsystem stabiler machen und Finanzkrisen à la Lehman verhindern sollte.

Im Kern geht es um strengere Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften. Den Banken sollte ausreichend Zeit gegeben werden, um milliardenschwere Kapitalpolster aufzubauen. Der Umsetzungsprozess sollte 2013 starten und schrittweise bis 2019 abgeschlossen sein. Das war zumindest der Plan.

Doch jetzt soll der ambitionierte Turmbau zu Basel in Europa viel rascher erfolgen. Das Tempo bei der Bankenreform wurde im Lichte der Staatsschuldenkrise radikal erhöht. European Banking Association (EBA), Oesterreichische Nationalbank (OeNB) und Finanzmarktaufsicht (FMA) fordern, dass einige Maßnahmen schon viel früher greifen sollen – und zwar im neuen Jahr. Daher wird die Agenda 2012 der österreichischen Banken nur ein Thema bestimmen: der Aufbau von Kapitalreserven. Alles andere ist momentan zweitrangig.

Um die von der EBA geforderte Zielgröße von neun Prozent Kernkapital zu erreichen, müssen bis zum Stichtag Ende Juni 2012 europaweit 115 Milliarden Euro aufgestellt werden. In Österreich sind in der ersten Welle die Raiffeisen Zentralbank, Erste Group und ÖVAG betroffen. Sie müssen zusammen 3,9 Milliarden Euro herbeizaubern, weil sie als systemrelevant gelten. Der größte Brocken entfällt auf Raiffeisen mit 2,1 Milliarden Euro.

Sorgenkind ÖVAG

Als Problemfall gilt vor allem das Spitzeninstitut der genossenschaftlich organisierten Volksbanken. Weil die Österreichische Volksbanken AG (ÖVAG) mit der Rückzahlung der Staatshilfe im Rückstand ist, hat die EU-Wettbewerbsbehörde nun sogar ein Beihilfeverfahren eingeleitet.

Besonders pikant: Die 62 lokalen Volksbanken und die deutsche DZ-Bank drücken sich als Eigentümer davor, für die ÖVAG-Sanierung ordentlich Geld in die Hand zu nehmen. Sie spekulieren auf Hilfe von außen, weil das in der Vergangenheit bereits funktionierte: Die Republik rettete etwa die ÖVAG-Tochter Kommunalkredit vor der Pleite, was in Summe 2,88 Milliarden Euro kostete.

Die Großzügigkeit gegenüber Banken hat allerdings ein Ende. Die EU und leere Staatskassen verhindern weitere Finanzspritzen. Geht es nach Finanzministerin Maria Fekter, dann soll die Hypo Alpe Adria die zweite und letzte Staatsbank bleiben. Was Hypo und ÖVAG eint: Beide basteln an einer „Bad Bank“-Lösung – zulasten des Staates.

Die Kärntner Landesbank ist für den Staat schon jetzt ein Fass ohne Boden. Hannes Androsch meint als Vizepräsident der Banken-ÖIAG Fimbag: „Uns alle wird die Hypo sicher noch vier Milliarden Euro kosten – am Ende vielleicht sogar sieben Milliarden.“

Wie viel Geld die strafrechtliche Aufarbeitung bringen wird, ist fraglich. Bei Wolfgang Kulterer und Co wird man sich nur einen Bruchteil der verlorenen Milliarden holen können. Zumindest arbeitet die Justiz an der Aufklärung der Bankaffären. Im neuen Jahr kommt die erste Anklage in der Immofinanz-Affäre mit Karl Petrikovics im Zentrum.

Dünne Margen

Die Forderung des Regulators nach dickeren Kapitalpolstern wirkt sich auch aufs operative Geschäft aus. „Die Märkte geben derzeit leider nicht die Margen her, die wir uns wünschen“, sagt Raiffeisen-International-Boss Herbert Stepic (siehe Interview). Daher wird weniger Risikogeschäft gemacht und an der Kostenschraube gedreht. Stepic: „Wir machen das über die natürliche Fluktuation. Für mich ist das sozial vertretbarer Personalabbau.“ Auch bei Bank Austria, Erste Bank und ÖVAG wird kräftig gespart.

Der Kunde wird das auch spüren. Erste-Bank-Vorstand Thomas Uher: „Ich befürchte, dass es in Teilen Europas zu einer Kreditklemme kommen wird. Ein trauriger Trend wird also leider sein, dass Kredite schwieriger zu bekommen sind und teurer werden.“ Dass für Spareinlagen im neuen Jahr tendenziell mehr Zinsen bezahlt werden, ist angesichts der wachsenden Inflationsgefahr nur ein schwacher Trost.

Die Vorgaben des Regulators werden die Konsolidierung am Bankenmarkt beschleunigen. Für Fimbag-Vizepräsident Androsch zu langsam: „Seit den Notmaßnahmen aus 2008 ist wenig passiert.“ Eine Flurbereinigung in Österreich vermisst er. „Wir sind overbanked“, sagt Androsch, dem auch die Klumpenrisiken der Austrobanken in CEE und GUS zunehmend Sorgen bereiten.

Der Zwang zum Abbau risikogewichteter Aktiva, also etwa Unternehmenskredite und Immobilienfinanzierungen, könnte auch dazu führen, dass sich so mancher Big Player vom Ostmarkt zurückziehen wird. Auch beim CEE-Pionier Raiffeisen will man das nicht kategorisch ausschließen. „Zentral- und Osteuropa bleiben der Wachstumsmotor für Europa“, sagt Stepic. Und mögliche Bankverkäufe? „Im Aufsichtsrat war das nie ein Thema. Wir können aber pro futuro nichts ausschließen.“

– Ashwien Sankholkar

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