Der große Preisrutsch: Konsumenten jubeln, Ökonomen warnen vor einer Abwärtsspirale

Die Österreicher können derzeit auf großem Fuß leben: Sinkende Rohstoffkosten lassen viele Produkte deutlich günstiger werden. Vor allem Lebensmittel wurden billiger.

Die Verschrottungsprämie macht Schule: Nicht nur im Autohandel gibt es finanzielle Unterstützung, wenn man seinen Altwagen aus dem Verkehr zieht. Das Innsbrucker Bekleidungshaus Fink’s bietet unter diesem Titel 100 Euro Rabatt beim Kauf eines neuen Sakkos, wenn man sein bisher getragenes vorbeibringt. Bei der Möbel­handelskette Kika winken beim Erwerb von Sitzgarnituren, Küchen oder Vorhängen bis nächsten Mittwoch Preisnachlässe, sollten gebrauchte Möbel gleichzeitig entsorgt werden. Mit Dauertiefpreisen locken jetzt vor allem Lebensmittel- und Elektroketten. Und die Statistiker stellen fest, dass sich die Inflationsrate in Österreich zügig der Nulllinie nähert.

Konsumenten jubeln
Der große Preisrutsch freut die Bürger: Von Milch bis zu Eiern, von Immobilien bis zu Diamanten – so billig wie jetzt war Einkaufen schon lange nicht mehr. Experten sagen dem Handel trotz Wirtschaftsflaute jetzt schon ein vergleichsweise gutes Jahr voraus, zumal heuer Lohn­erhöhungen von rund 3,5 Prozent wirksam werden. Doch nicht alle freuen sich über die Schnäppchen: Milchbauern demonstrieren, Hersteller sind unter Kostendruck, und Ökonomen warnen vor einer Abwärtsspirale. „Die Jahresinflation wird im Sommer vorübergehend ins Minus rutschen“, meint der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer. Deflationsgefahr, also die Furcht, der ­Rückgang könne nachhaltig sein, bestehe in Österreich nicht. In anderen Ländern wie Japan und Großbritannien macht man sich hingegen Sorgen, dass die Preise dauerhaft fallen – und jeder mit Ausgaben so lange wie möglich wartet, um noch günstiger zu kaufen und so den Wirtschaftsmotor weiter abwürgt.

Tiefstpreise im Lebensmittelhandel
Vor allem im Lebensmittelhandel ist bei den Preisen das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Aufgrund der ­gesunkenen Rohstoffkosten können die Unternehmen billiger einkaufen – und geben das an die Konsumenten weiter, was den ohnehin schon harten Preiswett­bewerb weiter anheizt. „Preisaktionen sind Stimulanz für alle“, sagt Spar-Chef Gerhard Drexel, „für Konsumenten, Handel und Lieferanten. Sie sind das Salz in der Suppe.“ Besonders stolz ist der Salzburger über die Tatsache, allein in dieser Woche 58 Produkte dauerhaft vergünstigt zu haben. Eine ähnlich aggressive Preispolitik betreiben auch die Mitbewerber: Hofer, Lidl, Penny und Billa locken mit neuen Tiefstpreisen. Marktbeobachter orten im heurigen Jahr bereits die fünfte Preissenkungswelle für die Diskonter. „Wenn jetzt vermehrt die Aktionspolitik angesprochen wird, dann vielleicht deshalb, weil die Aktionen heute andere sind als in den Vor­jahren und aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Situation auch stärker wahrgenommen werden“, meint Frank Hensel, Vorsitzender von Rewe International (in Österreich ist der deutsche Konzern mit Merkur, Billa und Penny vertreten).

T-Shirts für ein Butterbrot
Nicht nur im Lebensmittelhandel werden derzeit harte Preiskämpfe ausgefochten. „Das Elektrogeschäft ist beinhart“, sagt Robert Hartlauer, Chef der gleichnamigen Handelskette. „So billig wie jetzt war es noch nie. Sogar High-Class-Produkte wie Spie­gel­reflex­kameras werden für die Masse erschwinglich.“ Was im vergangenen Jahr noch um 500 Euro über den Ladentisch ging, koste heute zwischen 250 und 300 Euro, sagt Hartlauer. Zusätzlichen Druck auf die ­stationären Händler machen boomende ­Internet-Plattformen wie geizhals.at . Dort können Preise verglichen und die günstigsten Angebote entdeckt werden. „Die Fotohändler sterben aus, obwohl die Branche boomt“, meint Hartlauer. Aktionitis herrscht auch in der Textilbranche. „Das ist ein neuer Trend. Oft gibt es zwei T-Shirts oder zwei Hemden zum Preis von einem“, sagt Textilhändler Willi Stift, einst Obmann der Branche. Während Markenware laut Stift kaum verbilligt ist, kommt es im mittleren und unteren Preissegment zu harten ­Rabattschlachten. „Da merkt man von der Wirtschaftskrise noch nichts. Die Leute kaufen und kaufen.“ Bei Reisen wird ebenfalls geschleudert: Aus Angst, die Österreicher könnten daheim „auf Balkonien“ bleiben und heuer auf ihren Sommerurlaub verzichten, wurden die Preise bereits deutlich gesenkt. Die deutsche Lufthansa bietet etwa Gratisflüge für Kinder an, und der Reiseanbieter Terra lockt mit kostenlosen Aufenthalten an der kroatischen und slowenischen Adria für unter 12-Jährige. Auch Nobelwirte sind in Sorge: Die Wiener Restaurants Fabios und Novelli beklagen das Ausbleiben von Gästen, während sich billigere Lokale un­gewohnt regen Zulaufs von Promis und Bankern erfreuen (siehe Artikel ) .

Die Schattenseiten des Billigbooms
„Ständige Preiskämpfe ruinieren den Markt“, warnt Fritz Aichinger, Obmann der Sparte Handel der Wiener Wirtschaftskammer. „Die Lage für den Handel war früher schon schwer genug, nun wird alles schlimmer“, sagt Aichinger, der selbst ein Sportartikelgeschäft in Wien betreibt. Bestes Beispiel: Der Lebensmittelhandel. Im Vorjahr wuchs die Branche laut Nielsen um 4,2 Prozent. Dieses Plus wurzelte vor allem in höheren Preisen: 2008 betrug die Inflationsrate im Jahresschnitt 3,2 Prozent. Der Verbraucherpreisindex für Nahrungsmittel und Getränke lag sogar bei 6,3 Prozent. Heuer sind die Vorzeichen durch den Preisrutsch gänzlich anders. Daher ist auch ein Umsatzminus im Lebensmittelhandel möglich. Experten erwarten eine Konsolidierungswelle und mittelfristig mehr Insolvenzen von Händlern. Doch nicht nur die Kaufleute selbst drohen in ein gefährliches Fahrwasser zu ­gelangen: Der Kostendruck wird auf die Industrie abgewälzt. Und so stöhnen die Produzenten derzeit, am lautesten die Bauern. Denn aufgrund der gesunkenen Weltmarktpreise erhalten sie für Milch pro Kilogramm nur mehr 28 Cent, gleich viel wie vor knapp 30 Jahren und rund ein Drittel weniger als vor 20 Jahren. Agrarier fordern, dass Lebensmittel wieder mehr an Wert gewinnen und teurer verkauft werden. Wahrscheinlich ist es also nur eine Frage der Zeit, bis jemand eine „Verschrottungsprämie“ für Milch verlangt.

Von Silvia Jelincic und Miriam Koch

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